Präsentation eines Verschwörungsideologen

Am 5. Januar 2017 präsentierte Wolfgang Gehrcke seine als Sachbuch getarnte Kampfschrift „Rufmord – Die Antisemitismus-Kampagne gegen links” in einem „Gesellschaftshaus“ genannten Etablissement. Offizieller Veranstalter war das “Oldenburger Friedensbündnis”, das ansonsten durch die Organisation des Ostermarsches ritualisierte Aktivitäten in Oldenburg entfaltet. Aktuelle Ereignisse dienten als Anlass, um den Deputierten der sogenannten Linkspartei zur “Buchvorstellung mit anschließender Diskussion” einzuladen. Kritische Wortmeldungen blieben nicht aus. Antideutsche Communist_innen intervenierten mit einem Reader.    

Vorstellung einer Kampfschrift

Der als Aufruf dienende Text behandelt die “Kompilation von Verschwörungsmythen”, die als Taschenbuch für 12,90 Euro in einschlägigen Infoläden erhältlich ist, nur am Rande. Stattdessen schien die Einladung des Abgeordneten willkommener Anlass, um eine deutliche Positionierung vorzunehmen. So raunte das “Bündnis friedenspolitisch engagierter Menschen und Organisationen” von “internationalen Anfeindungen”, wenn aufmerksame Berichterstattung über einen Aktivisten gemeint war, der den Israel-Boykott betreibt. “Mit alledem hat sich Wolfgang Gehrcke intensiv und faktenreich auseinandergesetzt”, behaupteten die Veranstalter.

Auftritte in Formaten von YouTube-Kanäle, die verschwörungsideologische Irrationalitäten verbreiten, offenbaren dessen Inhalte. Dann lächelt der Bundestagsabgeordnete der sogenannten Linkspartei nicht vom bunten Flugblatt, sondern in den Sendungen des Ken Jebsen, der als verschwörungsideologischer Mystiker einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat. Mit offensiven Einlassungen, die große Verbreitung finden, betreibt Jebsen eindeutige Politik: „Dabei belegt er den israelischen Staat mit Adjektiven, die aus dem Arsenal des Antisemitismus stammen“.

Wolfgang Gehrcke trat wiederholt vor die Kameras des YouTube-Stars, der zuvor für das deutschnationale Compact-Magazin den Moderator gab. Nicht nur in solchen Interviews inszeniert sich der Bundestagsabgeordnete, derzeit stellvertretender Vorsitzender der Linksfraktion, als wohlmeinender Aufklärer. Gehrcke offenbart eine verborgene “Wahrheit” über die „formellen und informellen Netzwerke“. Der Kader konstruiert „ein Kartell von Meinungsträgern und Meinungsbildenden“, die letztendlich mit dem „American Jewish Committee und anderen“ verbunden sind.

Versammlung von Wutbürger_innen

Im Festsaal eines “Gesellschaftshaus” in Oldenburg versammelten sich etwa 60 Personen. Sie nutzten die schnöden Sitze, mit denen Teile des weitaus größeren Saales bestuhlt waren. Ratsmitglieder der Linkspartei, Kader der Gewerkschaftsbürokratie und altgediente Alternative saßen im  Raum. Außerdem auf den Plätzen: Akteure einer Kameradschaft für Israel-Boykott, die das Label “Boycott, Divestment and Sanctions” (BDS) trägt. Den kargen Sitzplatz teilen sie mit Wiedergängern des deutschen Irrationalismus, die mit den “Mahnwachen für den Frieden” politische Erfahrungen sammelte.

Die vergiftete Atmosphäre, die hiesige Debatten prägt, offenbarte sich schon vor Beginn der Versammlung. “Zionistenpack”, empörte sich eine Teilnehmerin. “Verpisst euch einfach”, geiferte ein Besucher. Zur Verteidigung ihres als “Buchvorstellung” verkleideten Stammtisches drohten Kader mit der Staatsmacht. Ein erboster Moderator zückte seine Akte, als er eine Person im Publikum identifizierte, der eine Unterschrift gegen einen anti-israelischen Aktivisten zur Last gelegt wurde: “Das habe ich hier alles dokumentiert”, behauptete der Kader. “Dahinten sitzt er”, sekundierte seine Begleitung, die durch den lehrreichen Abend führte.

Mit Hilfe israelischer “Freunde”, die als Kronzeugen dienen, sprach der Bundestagsabgeordnete im Anschluss vom “Apartheidstaat”, dem er eine “Trennung nach Ethnien” vorwarf. Von Deutschland, das “eine besondere Verantwortung” besitze, erwarte Gehrcke “ein Signal”: “So geht’s nicht weiter”, polterte der deutsche Abgeordnete in Richtung der israelischen Politik, während er anwesenden Anhänger_innen des Boykotts einen taktischen Ratschlag erteilte: “Machen Sie keine Boykottkampagne in Deutschland. In Frankreich, in anderen Ländern, liest sich das schon völlig anders.”

Ansonsten reproduzierte der taktierende Autor altbekannte Thesen, aus denen er bereits ein Buch kompilierte: “Ein Linker kann kein Antisemit sein”, definierte der Abgeordneten der sogenannten Linkspartei gegen deutsche Realitäten. Boykottkampagnen gegen Israel können “politisch falsch” sein, seien deswegen aber “nicht antisemitisch”, relativierte Gehrcke. Ihren Persilschein erhielten außerdem: Attac, Jakob Augstein, Günter Grass, Jassir Arafat und ein teilnehmender “Lehrer aus Oldenburg”. “Das hat mit Antisemitismus nichts zu tun”, beschied der Bundestagsabgeordnete.

Verteidigungen eines Rhetorikers

Rhetorische Fragen dienten Gehrcke als wiederkehrendes Stilmittel. Im Verlauf stellte unzählige Fragen, auf die der Abgeordnete keine Antwort erwartete: “Glauben Sie wirklich, dass kein Unterschied besteht, zwischen der Finanztransaktionssteuer und dem Holocaust”, fragte Gehrcke in den Raum. Fragend konstruierte er finanzielle Machenschaften des israelischen Geheimdienstes, der angeblich Hamas und Hisbollah aufgebaut hätte. Andere Mythen dienten der Einordnung postnazistischer Diskussionskultur.

“Netzwerke”, die aus wenigen “Experten”, Abgeordneten und “fünfzig bis hundert Journalisten” bestehen, würden “die außenpolitische Wahrnehmung, das Meinungsbild in diesem Lande prägen”. In Anlehnung an sein Buch munkelte Gehrcke von “Kampagnen”, für die er die Jerusalem Post im Allgemeinen und den Journalisten Benjamin Weinthal im Besonderen verantwortlich machte. Es ginge darum, die sogenannte Linkspartei so zu stigmatisieren, dass sie für Debatten nicht mehr in Frage käme.

Von der vorab verteilten Kritik antideutscher Communist_innen  habe er nur wenig verstanden, bemängelte Gehrcke. Dieser liefere “Inhalte für autoritäre Charaktere, die als konformistische Rebell_innen konspirologischen Mythen anhängen wollen”, schrieben diese Autor_innen. Gehrcke vermied es, über solche Einordnungen zu sprechen. Stattdessen behandelte er Imperative, die sich am Ende des Readers finden:

“Überlegen sie sich mal selber, was (…) Sie da schreiben: ‘Kein Friede mit den Feind_innen Israels’. (…) Wie sollen Sie denn Gewalt verhindern (…)? (…) Wenn Sie sagen, kein Friede mit denen, heißt das, Sie müssen auffordern, Krieg diesen Feinden Israels.”

“Sie hätten eigentlich mehr schreiben müssen: ‘Reden Sie miteinander’”, lautete der Ratschlag des Abgeordneten, der vielfach zum Appeasement aufrief. Diesmal richtete sich sein Appell an Menschen, die zur Negation der Nation aufrufen, dessen Baugerüst der Antisemitismus ist: “Mit (…) ‘Nieder mit Deutschland’ kann ich überhaupt nichts anfangen”, positionierte sich Gehrcke, der stattdessen “Formen des Dialoges” forderte, “die Menschen an einen Tisch bringt”. Während eine Parole gegen Deutschland im Obergeschoss den Unmut des Apologeten erregte, tagte die örtliche AfD im Untergeschoss der Lokalität.

Vereinigungen des Irrationalismus

Kurz nach der Veranstaltung, in deren weiteren Verlauf BDS-Kader langatmige Tiraden hielten, veröffentlichte die hiesige Linkspartei eine geschnittene Variante, sodass manche Äußerung der Nachwelt erhalten bleibt. Den “Redeausschnitten” fehlen einige Interventionen. Manche Wortmeldungen wie der Hinweis auf die Anwesenheit der AfD wurden entfernt. Zurufe aller Art fielen dem Schnitt zum Opfer. Der Kreisverband der der sogenannten Linkspartei, der zum “Friedensbündnis” gehört, generiert sich eine eigene Realität, die nur bedingt den Ereignissen des Abends entspricht.

In den vergangenen Jahren lud diese Vereinigung immer wieder Personen, um Position zu beziehen. Diether Dehm, der die Kategorie der Nation bejaht und die Solidarität mit der Hamas verteidigt, war am 19. Mai 2016 zu Gast beim Kreisverband. Der selbsternannte „Volksdiplomat“ Andreas Maurer, der zuvor einem russischen Nationalsozialisten Rede und Antwort stand, referierte wenig später in einem esoterischen Veranstaltungszentrum. Am 01. September 2016 füllte Sahra Wagenknecht den hiesigen Julius-Mosen-Platz. Hunderte lauschten damals den Ausführungen der potentiellen “Führerin einer völkischen Nationalbewegung”, die gegen “große Unternehmen”, “Steuerausländer” sowie die “Abzocke der normalen Bürgerinnen und Bürger” sprach.

Im Gewand eines linken Populismus blühen reaktionäre Verschwörungsmythen. Diese traurige Tradition setzte nun Gehrcke fort. In Oldenburg reproduzierte der Abgeordnete alte Erzählungen, in deren Zentrum israelische Geheimdienste oder Journalisten und Stiftungen stehen. Seiner Konstruktion von konspirativen Netzwerken, die außenpolitische Wahrnehmungen bestimmen, begegnen Teile der Linken mit Zustimmung. Gehrcke fungiert als Stichwortgeber, der verschwörungsideologischen Vorstellungen bestätigt. Dass solche Vorstellungen einer Kritik der Verhältnisse entgegenstehen, offenbarte sich an diesem Abend, der linke Wutbürger_innen auf Einladung der Vereinigungen des Irrationalismus zusammenbrachte.

Manche Zitate stammen aus einem Reader antideutscher Communist_innen, die in Oldenburg überleben, bis die klassenlose Gesellschaft erreicht oder die Zombie-Apokalypse ausgebrochen ist. Die Intervention, an der andere Genoss_innen und der Autor dieser Zeilen beteiligt waren, lässt sich an dieser Stelle als PDF einsehen.

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