Die Mohammed-Verschwörung

Es war abzusehen, dass der Mohammed-Film nicht nur den mörderischen Hass von Islamisten, sondern auch die Phantasie verschiedener Verschwörungideologen erwecken würde.

Auf der verschwörungsideologischen Internetseite „Alles Schall und Rauch” kann sich der geneigte Verschwörungsgläubige daher nun nicht mehr nur über die angebliche Macht der Rothschilds, sondern auch über den Film und seine vermeintlichen Urheber informieren. Hier wird „eine grossangelegte Täuschung auf allen Seiten, welche die wirklichen Drahtzieher und Geldgeber tarnt” vermutet. Auf anderen, oftmals islamistischen Internetseiten, wurden derartige Verschwörungsmythen präzisiert. Mit dem Film solle „die durch das zionistische Regime ohnehin angespannte Situation zwischen Muslimen und Juden offensichtlich künstlich geschürt und verschärft werden”, hieß es auf einer entsprechenden Internetseite. Dort wurde die Lüge, von den einhundert Juden, die den Film finanziert hätten, verbreitet. Es handelt sich um eine Lüge, die auch durch größere Medien kolportiert wurde.

Bei derartigen Ereignissen inszenieren sich Verschwörungsgideologen als Kriminalisten. Sie spielen Sherlock Holmes und stellen die Frage, wem das jeweilige Verbrechen genutzt hat, um damit Rückschlüsse auf die vermeintlichen Täter zu ziehen.

Nach den antisemitischen Angriffen des 11. September 2001 konnte ein Heer aus Verschwörungsideologen auf diese Weise das Opfer zum Täter machen. Weil das Verbrechen angeblich den USA genutzt hätte, können nur eine inneramerikanische Verschwörung für die Taten verantwortlich sein, lautete der ideologische Trugschluss, der in Deutschland etwa durch Mathias Bröckers verbreitet wurde. Nach verschiedenen Erdbeben wurde ebenfalls jene kriminalistisch anmutende Frage gestellt, um der angeblichen amerikanischen oder gar israelischen Verschwörung nachzusagen, sie hätte — mittels mysteriöser Erdbebenwaffe — die Naturkatastrophe ausgelöst, um etwa einen ökonomischen Konkurrenten auszuschalten.

Nach dem Mohammed-Film spielen verschiedene Verschwörungsideologen und ihre Fans mal wieder Detektiv und stellten sich die Frage, wem denn der Mohammed-Film genützt hätte. Wie im Falle des 11. September 2001 munkeln sie nun von der großen Verschwörung, die für den Film und die Folgen verantwortlich sei: „Die Leute, die dort irgendwas machen, können von überall auf der Welt kommen und werden einfach von der CIA für ihren ‘Job’ bezahlt”, raunte ein Verschwörungsgläubiger in einem einschlägigen Forum, indem die Frage gestellt wurde, die Verschwörungsgläubige benutzten, um die vermeintlichen Täter zu benennen.

Während der ordinäre Verschwörungsideologe nur vorgibt, dass er auf der Suche nach vermeintlichen Hintermännern sei, steht der Täter doch von vornherein fest. So muss es nicht verwundern, dass Verschwörungsgläubige jedweder Couleur nun auch von Jüdinnen und Juden faseln, die sie für den Film verantwortlich machen wollen.

Doch die Frage, wem der Film genützt hätte, findet sich nicht nur auf den einschlägigen Internetseiten und in den Foren der „Truther” und „Infokrieger”, sondern auch auf der Seite eines großen deutschen Nachrichtenmagazins. Für den „Spiegel” spielte Jakob Augstein den Detektiv und stellte die Frage, mit der sich auch andere Verschwörungsideologen seit dem Erscheinen des Films befassen: „Wie bei allen Verbrechen muss man auch hier fragen: Wer profitiert davon”, behauptete Augstein, um im nächsten Satz diejenigen zu präsentieren, denen der Film genützt hätte. Für Augstein sind es „US-Republikaner und Israelis”.

Mit dieser Behauptung begab sich Augstein in die Reihe derer, die an der verschwörungsideologischen Umdeutung der Ereignisse arbeiten. Dabei stellte er außerdem die Frage, ob der Produzent des Filmes „in einem anderen Auftrag” gehandelt habe. Letztendlich beantwortet Augstein seine Fragen nicht. Diese Drecksarbeit überlässt er seinen Lesern und den einschlägigen Internetseiten der Verschwörungsindustrie.

Augstein bleibt beim „Gerücht über die Juden” (Adorno) und munkelt vom israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu, dem „die Bilder der wütenden Muslime mehr als gelegen” gekommen wären. So präsentiert er, wenn auch in Frageform, einen vermeintlichen Täter, während der Mob zum Opfer gemacht wird:

Die zornigen jungen Männer, die amerikanische (…) Flaggen verbrennen, sind ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi und Sanaa.

Mit seinen Behauptungen wird Augstein die  antisemitischen Phantasien der Verschwörungsideologen befeuern, die auch in den kommenden Tagen daran arbeiten werden, das Bild einer Verschwörung zu entwerfen, die man für den Film und Folgen verantwortlich machen kann. Hier dürfte die gleiche Frage gestellt und eine ähnliche Antwort geliefert werden. Dabei wird sicherlich auch der Name Netanjahu fallen.

Vielleicht wird sich der ein oder andere Verschwörungsideologe dabei auf den Hobby-Detektiv Augstein berufen. Dessen Text zeigt allerdings deutlich auf, wie mehrheitsfähig derartige Verschwörungsmythen sind, zumindest wenn man Israelis oder Amerikaner verantwortlich machen kann.