Abstecher in ein deutsches Dorf

Das ehemalige “Gaumusterdorf” Dötlingen ist ein Beispiel für postnazistische Verhältnisse in Norddeutschland. Symbole aus den Zeiten des Nationalsozialismus finden sich auch heute auf den alten Gebäuden, die rechte Reisende noch im neuen Jahrtausend bewundern. In der Gemeinde stellte die NS-Nachfolgepartei NPD nach der CDU und über Jahre die zweitstärkste Fraktion im Gemeinderat. In diesem Jahrtausend nutzen Nazi-Banden das bei Oldenburg gelegene Dorf, das die eigene Vergangenheit weitgehend verdrängt, als Kulisse für rechten Aktionismus.

Doetlingen-Karte

Braunes Idyll im Grünen

Mit dem Jahr 1933 kam nicht nur die Machtübergabe an die NSDAP. Schließlich entstand damals die geografische Einheit namens Dötlingen. In der neu gebildeten Gemeinde lebten zu diesen Zeiten rund 6.000 Personen. Drei Jahre später ernannten die Nazis das Gebiet zum „Gaumusterdorf“. Dötlingen diente bereits zuvor als Drehort für NS-Heimatfilme. Im April 1934 wurde im Örtchen bei Oldenburg die letzte Szene eines völkischen Machwerkes gefilmt.

Im NS-Streifen „Das alte Recht“ geht es um den deutschen Bauern, seine Ehefrau und die Scholle. In der Blut- und Boden-Schmonzette traten Darsteller auf, die in weiteren Propagandafilmen zur Legitimierung der antisemitischen Vernichtungspraxis beitrugen. So stellte sich Schauspieler Bernhard Goetzke ebenso wie der Komponist Wolfang Zeller für das filmische Verbrechen „Jud Süß“ zur Verfügung.

In „Das alte Recht“ sind derweil auch Laiendarsteller aus der Region sowie Statist_innen aus der Gemeinde zu sehen. „Wir treffen viele gute Bekannte in unserem Heimatfilm“, bemerkten die Oldenburger „Nachrichten“ daher nach der Premiere. Schließlich waren regional bekannte Darsteller wie Fritz Hoopts zuvor als Laienschauspieler an der Niederdeutschen Bühne Oldenburg aktiv.

Carl Röver, der damalige Gauleiter im Freistaat Oldenburg, begeisterte sich bei der Uraufführung für den völkischen Streifen. Der fanatische Nationalsozialist lobte den „Geist der unauflösbaren Verbundenheit von Blut und Boden, der so eindringlich aus dem Film spricht“. Dötlingen sei „ein Gebiet von seltener Schönheit und großen Reizen“, hieß es derweil im nationalsozialistischen „Filmkurier“.

Wallfahrtsort für Völkische

Dieses Dötlingen profitierte damals von rechten Reisenden, die gerne durch die NS-Kulisse flanierten. Die bäuerliche Ansiedlung im Grünen wurde von NS-Kadern und sympathisierenden Kameradschaften aus dem Ausland besucht. Solche Gestalten erfreuten sich an der bis heute vorherrschenden völkischen Ästhetik, die aus uralten Eichen, nationalsozialistischen Symbolen und übergroßen Findlingen entsteht.

Besuchende bewunderten bereits damals einen gewaltigen Brocken, den die Bewohnenden 1933, zur Feier des an die Macht gelangten „Führers“, auf dem zur Gemeinde gehörenden Gierenberg weihten. Ihr Stein zierte ein großes Hakenkreuz und eine Rune. Letztere ist noch heute auf dem Brocken zu erkennen, den die Gemeinde mit einem Hinweisschild bewirbt.

Angehörige der „Hitler-Jugend“ erhielten am Fuße des Berges im Püttenhus ideologische Schulungen. Es waren die Einheiten der Alliierten, die den deutschen Spuk zu Dötlingen beendeten. Das Hakenkreuz wurde entfernt und der Stein auf die Seite gelegt. Andere Symbole blieben ebenso wie die Runen am HJ-Schulungsheim erhalten. Dass sich rechte Besuchende bis in dieses Jahrtausend für Dötlingen begeistern, scheint die Gemeinde nicht zu stören. Schließlich verzichtet das deutsche Dorf auch im 21. Jahrhundert auf kritische Einordnungen, wobei Verantwortliche die braune Vergangenheit oftmals verschweigen.

Manchen Gebäuden fehlt jeder Hinweis auf die Vergangenheit. Das gilt zum Beispiel für das Rogge-Haus. Den gleichnamigen Bauern ermordeten Männer des „Freikorps Adolf Hitler“, nachdem sie den „Gegner des Nazisystems“ am 14. April 1945 und unter einem Vorwand in ihr Fahrzeug gelockt hatten, auf der Landstraße in Richtung des nächsten Kaffs. Seine Leiche ließen die Mörder liegen. Sie dekorierten den Körper des Willi Rogge dafür mit einem Schild: „Wer sein Volk verrät, stirbt“.

Dötlingens deutsche Kontinuitäten

Dötlingen blieb als Gemeinde auch in den folgenden Jahrzehnten eine rechte Hochburg. Dort kam es 1976 – so berichtete der “Arbeiterkampf” des Kommunistischen Bunds – offenbar zu einer erstaunlichen Kooperation.  “Um doch noch den Bürgermeisterposten zu angeln”, bildeten “SPD und FDP eine Zählgemeinschaft” mit einem “NPD-Faschisten”, kritisierte das Blatt in Ausgabe 95 auf der achten Seite.

“Sie haben mit ihm eine Stimme Mehrheit”. Das Blatt vermutete: “Die Politik dürfte eben dieser Faschist bestimmen”. Lokale Erfolge der NPD, die in der Region weitgehend durch die AfD abgelöst wurde, gerieten in den folgenden Jahrzehnten in Vergessenheit. Die neue Rechtspartei nutzte das „Gaumusterdorf“ ebenfalls als Bühne für ihre Veranstaltungen. Nazi-Gruppen wie die „Brigade 8 Bremen“ kommen gleichfalls in die Gemeinde. Sie hinterlassen Kränze, die verstorbenen Nazis für die “Treue für’s Vaterland“ danken, während auf dazugehörigen Lichtern dem “Tatenruhm” der Toten gedacht wird.

Dötlingen verdrängt derweil weiter, sodass die Gemeinde bis heute nicht an den in den letzten Tagen des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges ermordeten Willi Rogge erinnert. Erst seit 2009 gibt es eine Granitsteele, die diesen Nazi-Gegner einschließen soll, was Angehörige indes als ungenügend kritisieren. Es ginge um “alle zivilen” (sic!) “Opfer des NS-Regimes”, begründete der Heimatverein den Stein, der völkische Denkmäler ergänzt. “Wir waren der Meinung, dass es nunmehr – nach 60 Jahren –  an der Zeit war , dieses Vorhaben anzupacken”, sagte die Vorsitzende zudem.

Ein Kriegerdenkmal findet sich direkt in der Nachbarschaft. Verharmlosende Hinweisschilder stehen derweil bei den in der Nähe zu findenden NS-Stätten. Das gilt nicht nur für den Nazi-Stein auf dem Gierenberg, sondern auch für das Püttenhus, an dem die genannten völkischen Symbole, für die sich ganz bestimmte Touristen begeistern, zu sehen sind. Ihre Begeisterung belegen Berichte, die solche Besuchende nach ihrem Abstecher ins ehemalige „Gaumusterdorf“ in ihren Weblogs für rechte Reiselustige verfassten.

Auf den Spuren ihrer Ahnen

Die im Zentrum rechter Eventkultur stehenden NS-Stätten interessieren auch andere Einrichtungen. So suchte beispielsweise das “Nordwestdeutschen Museum für IndustrieKultur” aus Delmenhorst nach Personen, die sich auf die “Spuren des einstigen ‘Reichsgaumusterdorfes’ Dötlingen begeben” wollten. Derartige “Exkursion” führt, so hieß es in der reißerischen und geschichtsvergessenen Einladung, zu “Kultstätten der Nationalsozialisten”.

Der kollektive Besuch des in Dötlingen installierten Nazi-Steines, den die Organisierenden mit blumigen Worten beschrieben, sollte offenbar das Interesse wecken. Die in Oldenburg und Umgebung relevante “Nordwest-Zeitung” (NWZ) zitierte das Schreiben zum Ausflug ins ehemalige “Gaumusterdorf” recht wohlwollend. Dort wurde der Nazi-Brocken “als Denkmal für die ‘Machtergreifung'” bezeichnet.

Im Artikel idealisierte das Blatt dieses deutsche Dorf, wobei die weitgehend rechtskonservative Zeitung – fast wie damals der „Filmkurier“ –  von einer “noch heute als pittoresk geltende Atmosphäre” der bei Oldenburg gelegenen Ansiedlung schwärmte. Derartige Beschreibungen dürften der Vorsitzenden des Heimatvereines gefallen. „Wir sind noch heute ein Musterdorf“, hieß es von Seiten dieser deutschen Heimatschützerin, deren Dorf die völkische Vergangenheit größtenteils verschweigt.

NS-Stätten als Ausflugsziele

Exkursionen, die in Dötlingen begannen, endeten in den vergangenen Jahrzehnten oft im benachbarten Lohne: Das Event des Museums fand ebenfalls am nahen “Schlageter-Denkmal” einen zum Abstecher passenden Abschluss. Leo Schlageter war schließlich ein nationalistischer “Freikorps”-Aktivist, der mehrere Sprengstoffanschläge beging, wofür er von einem französischen Gericht zum Tode verurteilt wurde. Der völkische Verstorbene avancierte zu einer frühen Ikone der NS-Bewegung.

Die “natur- und denkmalgeschichtlich völlig uninteressante” Steinsammlung zu Lohne  ehrt diesen Antisemiten bis heute. Wie der NS-Brocken im benachbarten Dötlingen, der mit der gleichen Einordnung zu beschreiben ist, gilt das “Schlageter-Denkmal” als ein beliebter Wallfahrtsort für alte und neue Nationalsozialisten. Die Tatsache erwähnten weder das Museum noch die Lokalzeitung, die den Abstecher bewarb, aber auf kritische Einordnungen verzichtete.

Solche Einordnungen fehlen auf den Schildern im ehemaligen „Gaumusterdorf“ ebenfalls. Im früheren Schulungszentrum der Hitler-Jugend wird heute geheiratet, während das Hinweisschild die Geschichte des Hauses verschweigt und seine Symboliken umdeutet. Manchen geht das offenbar nicht weit genug. So gab es „Anträge, den Stein wiederaufzurichten“, während der NS-Heimatfilm „Das alte Recht“ in den vergangenen Jahren im Dorf mehrfach aufgeführt wurde. In Dötlingen, dieser Schreckenskammer der deutschen Provinz, steht die kritische Aufarbeitung der völkischen Vergangenheit offensichtlich weiterhin aus.

Hetze der Corona-Nazis

Die antifaschistische Struktur “Auf Abstand” weist darauf hin, dass der in Oldenburg vielfach entfernte Aufkleber “aktuelle Erzählungen der verschwörungsideologischen Bewegung” zusammenfasst. Es ginge um “Hetze gegen die Grünen, Anti-Impf Propaganda” sowie NS-Relativierung. Schließlich finden sich zwei SS-Totenköpfe auf den Aufklebern, mit denen hiesige Verschwörungsgläubige zumindest stilistisch an ein vorheriges Machwerk anknüpfen. Im März verbreiteten Corona-Nazis einen Kleber mit der Aufschrift “Impfung macht frei”.

Diese besonders ungeheure Verharmlosung des deutschen Vernichtungsantisemitismus führt der aktuell kursierende Aufkleber mit dem Emblem der “SS-Divison Totenkopf” fort. So verbinden die Verantwortlichen unverwechselbare Signets: neben der Sonnenblume der Partei “Die Grünen” finden sich die gekreuzten NS-Knochen über dem Totenschädel. Ob die den Nationalsozialismus verharmlosende Verknüpfung für die so oft bagatellisierende Polizei ebenfalls “durch die Meinungsfreiheit getragen” ist, bleibt indes abzuwarten.

Norddeutsche Verharmlosungen

In der “Ostfriesen-Zeitung” (OZ) vom 22. April findet sich ein bestürzender Text, der die verschwörungsideologische Partei “Die Basis” verharmlost. Ein Gruppenfoto zeigt den Vorstand des Kreisverbands Aurich-Emden. Die Corona-Leugnenden, angeführt durch die ehemalige CDU-Politikerin Silvia Lübcke, posieren vor dem bereits im Nationalsozialismus beliebten “Upstalsboom”.

Die-Basis-Aurich-Ostfriesische-Zeitung-Werbetext

Den im ostfriesischen Aurich liegenden Stein nutzten NSDAP-Strukturen zur Inszenierung eines ostfriesisch-völkischen “Deutschtums”. Das als zukünftige “Thingstätte” vorgesehene Gelände entwickelte sich zu einem “idealen Platz für (…) Aufmärsche”. Die während der Corona-Pandemie gegründete Partei knüpft mit dem Foto, das die Lokalzeitung neben dem werbenden Schreiben abdruckte, an nationalsozialistische Praxis in Ostfriesland an. Ansonsten bietet “Die Basis” verschwörungsideologische Politik und entsprechendes Personal.

Das Vorstandsmitglied Martina Krumkamp ist auf der Aufnahme zu sehen. Über ihre Facebook-Seite verbreitet diese Aktivistin vielfach antisemitische und NS-relativierende Propaganda. Wie viele Verschwörungsgläubige teilt die Akteurin in einschlägigen Telegram-Kanälen kursierende Grafiken, die zur Verbreitung der typischen Motive dienen: Es gehe um Jahrzehnte der Manipulation, durch die “wir alle verarscht” werden. Krumkamp mobilisiert gegen den Shoa-Überlebenden George Soros, der im Zentrum antisemitischer Verschwörungslegenden steht. Diese rasch zu recherchierende Tatsache benennt der Artikel der “Ostfriesen-Zeitung” nicht.

Martina Krumkampf (Die Basis): Antisemitismus mit Soros

Stattdessen erhält Silvia Lübcke in der Tageszeitung ausführlich das Wort. In direkter und indirekter Rede darf das Ratsmitglied aus Aurich ihre Partei bewerben. Die aus der CDU ausgetretene Lokalpolitikerin arbeitet eigentlich als Schaustellerin. Das Blatt inszeniert diese Wortführerin aber als Kritikerin von “Corona-Regeln”. Die politischen Ansichten dieser “Die Basis”-Anführerin aus Ostfriesland bleiben im Dunkeln.

Dass Lübcke gleichfalls Antisemitismus und Antikommunismus bedient, können Lesende nach Lektüre des “OZ”-Artikels nicht wissen. Dabei reicht ein Besuch ihres Facebook-Profils aus, um sich von den verschwörungsideologischen Vorstellungen der Politikerin zu überzeugen: Die Lübcke leugnet nicht nur die Gefährlichkeit einer SARS-CoV-2-Erkrankung, sondern hetzt vielfach im Netz, wobei sich auf ihrem Facebook-Profil antisemitische und antikommunistische Motive finden.

Die-Basis-Aurich-Silvia-Luebcke-Antikommunismus-Gruene

Die Autorin des “OZ”-Artikels verzichtete offenbar auf grundlegende Recherchen. Stattdessen erhielten Lübcke und Krumpkamp einen Text, der die verschwörungsideologische Prägung der Partei und die Anschauungen ihrer Mitglieder weitgehend ausblendet. Kein Wunder, dass “Die Basis”-Akteure ihrer Freude über den Persilschein, der frei von kritischen Einordnungen ist, Ausdruck verliehen.

Es ist nicht der einzige Zeitungsartikel, der in den vergangenen Wochen zur “Basis” erschien. Eine in der Nähe arbeitende Gliederung der Kleinpartei durfte sich ebenfalls über kostenlose Werbung freuen. Schließlich stellte die “Nordwest-Zeitung” (NWZ), die im benachbarten Oldenburg erscheint, “Die Basis” ebenfalls vor. Kritik blieb wie im Falle der ostfriesischen Berichterstattung aus. Dass die Gruppe aus Oldenburg im Rahmen der Kreisverbandsgründung über die Erschießung des niedersächsischen Ministerpräsidenten debattierte, war diesem Blatt bislang keine Zeilen wert.

Prediger gegen Israel

In Oldenburg versammelten sich Anfang April wenige Demonstrierende, die am „Ostermarsch“ teilnahmen. Ganz analog kamen Mitglieder von der sogenannten Linkspartei, von “Fridays for Future” und von der Endzeitsekte “Extinction Rebellion” am Hauptbahnhof zusammen. Teilnehmende lauschten den umfassenden Ausführungen eines Pfaffen. Bert Gedenk reiste aus Ostfriesland an. In den vergangenen Jahren fiel der “Friedensbeauftragte der Evangelisch-reformierten Kirche” durch rabiate Unflätigkeiten gegen den israelischen Staat auf. Mit einem Boykott-Apell wandte er sich im Rahmen von theologischen Debatten sehr deutlich gegen den “bewaffnete[n] Versuch der Juden, den Kommunismus lebend zu erreichen“ (ISF).

Aufruf und Ansprache

Im Aufruf outeten sich die Organisierenden vom “Oldenburger Friedensbündnis“ erneut als deutsche Idealisten, die auch zu Ostern “im Sinne einer lebendigen Demokratie” streiten wollten. Mit ihren Forderungen positionierte sich die Struktur gegen in Deutschland gelagerte Atomwaffen des US-Militärs, das nach dem achten Mai 1945 verständlicherweise auf deutschem Boden verblieb. Ähnliche Ansichten wie die Organisierenden vertritt der christliche Hauptredner aus Emden. Seit 1996 arbeitet der Pfarrer für die dortige evangelisch-reformierte Gemeinde.

In seiner Ostermarsch”-Rede zu Oldenburg pries Gedenk, der außerdem im “Emder Friedensforum” aktiv ist, zunächst eine “Völkerfamilie dieser Welt”, die aufgrund eines ratifizierten Vertragswerks zum Atomwaffenverbot einen Grund zum Feiern hätte. Im Anschluss wandte sich der Prediger gegen die atomare Bewaffnung; und zwar vor allem von ganz bestimmten Staaten. Im Rahmen seiner Ausführungen empörte sich der Redner außerdem über “Medien”, denen er eine unsachgemäße Berichterstattung zum Vertragswerk vorwarf. 

Am Beispiel der “Ostfriesen-Zeitung” (OZ) wurden diese Berichterstattenden vom Priester als “Feind des internationalen Rechtes” gebrandmarkt. Anschließend monologisierte der friedensbewegte Christ von “der Wurzel des Übels”, gegen die sich die erhoffte “Tat” richten müsse. Von Menschen gemachte Götzen”, warnte der Pfaffe, “erkennt man immer daran, dass sie Menschenopfer wollen und Menschenleben fressen”. Dass der ostfriesische Evangele mit solchem Sermon an Bilder des christlichen Antijudaismus anknüpfte, erregte vor Ort keinen Widerspruch.

Sorge um Deutschland

Gedenk ergötzte sich wenig überraschend auch zu Ostern in Oldenburg an der Bibel, aus der er vielfach zitierte. Dieses “Opium” (Marx) erschien ihm als “Buch der Aufklärung und Befreiung”. Am Hauptbahnhof formulierte der Prediger auf dieser Basis abschließende Forderungen, die sich gegen amerikanische Atomsprengköpfe richteten. Es ginge darum, so der in nationalen Kategorien agitierende Gedenk, “alle Atomwaffen von deutschem Boden, also die amerikanischen in pfälzischen Büchel, so wie es die breite Mehrheit unseres Volkes beschlossen hat, auch wirklich zu entfernen” (Rechtschreibfehler im Original).

Abschließend beklagte der ostfriesische Deutsche ganz idealistisch einen “Rechtsbruch gegen das deutsche Volk”. Es handele sich um einen echten “Skandal”, empörte sich der auf dem Bahnhofsvorplatz empörende Priester. Vor Friedens-Flaggen und “Fridays for Future-Fahnen” wurde vom “Ausverkauf der Demokratie durch unsere Regierung“ gesprochen. Mit diesem Topos des Anti-Amerikanismus forderte der Agitierende den Aktivismus der Teilnehmenden.  Diese sollten “nicht als Kämpfer in eigener Sache, sondern im Einsatz für den einen großen Frieden“ aufstehen.

Bert Gedenk tritt nicht nur als Sprecher vom “Emder Friedensforum” und als der “Friedensbeauftragte” seiner Kirche auf. Schließlich ist der evangelische Akteur das Mitglied einer ostfriesischen Struktur, die sich vorgeblich einem “theologisch-gesellschaftspolitischen Diskurs” widmet. In diesem Rahmen forderte der “Arbeitskreis” zunächst den Boykott und dann die Abschaffung Israels. Das belegt ein Papier, das seine Gruppe schon vor Jahren publizierte. 

Pfaffen gegen den Judenstaat

Lange Zeit vor der Osterpredigt am Hauptbahnhof befasste sich Gedenk mit angeblichen “Realitäten” zum “Konfliktfeld Israel” und “Palästina”. Zu seiner phantasievollen Darstellung gehörte 2013 die blutig-blumige Beschreibung von Staatsgrenzen, die Israel von den palästinensischen Autonomiegebieten teilt. Gedenk und seine Compagnons mieden jede Sachlichkeit. Sie schrieben stattdessen über eine “Trennmauer, die Dörfer und Städte zu Gefängnissen” machen würde.

Es folgte eine anti-israelische Anklageschrift mit vielen Unterpunkten. Dort führte der “Arbeitskreis” um Gedenk unter anderem den “Diebstahl von Land durch israelitische Siedlungen” auf. In einem an die Sprache des völkischen Antisemitismus erinnernden Jargon klagten diese Predigenden außerdem über die angebliche “systematische Zersiedelung palästinensischen Lebensraums” (sic!).

Gedenk und die beiden Mitverfassenden verharmlosten die Shoa. Das deutsche Menschheitsverbrechen bagatellisierten sie durch Gleichsetzung mit Geschehnissen im Rahmen des israelischen Verteidigungskriege, die der Staatsgründung von 1948 folgten. In Bezug auf die industrielle Vernichtung munkelten die Schreibenden um Gedenk während dessen von einer “Gefangenschaft in Schuldgefühlen gegenüber Israel”.

Boykottaufruf gegen Israel

Die Dämonisierung des jüdischen Staats zieht sich wie ein roter Faden durch das Papier, mit dem Gedenk und seine Kollegen zunächst einen “Kaufboykott” gegen Israel forderten. In Anlehnung an die antisemitische „Boycott, Divestment and Sanctions“-Struktur (BDS) wünschte sich ihr “Theologischer Arbeitskreis” sogar einen “Kaufverzicht”, der sich gegen jüdische Israelis richten sollte. Es ginge keineswegs darum, “nicht bei ‘Juden’ zu kaufen, weil sie Juden sind”, hieß es zu Beginn verteidigend.

Gefordert wurde stattdessen der Boykott von israelischen Personen, die sich laut Gedenk und seinen Compagnons “fremdes Land (…) auf Kosten anderer angeeignet” hätten. Sie forderten daher “den Aufbau” von “notwendigem Außendruck”. Das Handeln gegen Israel würde auch dazu dienen, den Judenstaat “vor weiterem Unrecht gegen Gott und die Menschen zu bewahren”.

Außerdem ginge es darum, “den Palästinensern das Land (…) zurückzugeben, das ihnen zusteht”. Die BDS-Apologeten um Gedenk verglichen den eingeforderten Boykott von israelischen Jüdinnen und Juden mit dem “Kampf gegen die Apartheid in Südafrika“. So reproduzierten sie schon damals ein bis heute wichtiges Motiv der antisemitischen Boykott-Bewegung.

Wunsch nach Vernichtung

Dass die Veröffentlichung offenbar weiterhin aktuell ist, zeigt sich auch daran, dass sie sich 2021 auf der Internetseite eines christlichen “Solidaritätsnetzwerks” findet. Die sich für “Unterstützung des Boykottaufrufs gegenüber Waren aus völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungen” einsetzende Vereinigung lobt die fünfzehnseitige Veröffentlichung von Gesine Jannsen, Dr. Eberhard Mechels und Bert Gedenk, weil sie “zu klarer Positionierung und zu konkretem Handeln” aufrufe.

Vielleicht liegt das an den abschließenden Ausführungen von Gedenk und Co. Dass es für die drei Pfaffen 2013 offenbar nicht beim Boykott bleiben sollte, sondern es ihnen um die Auflösung des israelischen Staates ging, machten sie zum Ende der für den christlichen Israel-Boykott noch heute relevanten fünfzehn Seiten deutlich. Diesem für vom weltweiten Antisemitismus bedrohten Jüdinnen und Juden existierenden Schutzraum wünschten die christlichen Theologen die Abschaffung.

Die Forderung nach Aufhebung des Staates, der auch durch Überlebende der Shoa begründet wurde, beendete den Sermon der ostfriesischen Geistlichen. Schließlich schwebte ihnen vor Jahren ein allerdings noch zu schaffender “Rechtsstaat” vor. Dieser sollte “Juden und arabische Christen und Muslime gleichermaßen“ dienen. Vielleicht, so unkte der anti-israelische Zusammenhang, ginge es auch um eine “dritte, noch ganz unbekannte Lösung oder Zwischenlösung” (sic!).

Verschwörungsredner und Feigenblätter

Bert Gedenk passt hervorragend zum hiesigen Ostermarsch, der in den vergangenen Jahren zahlreiche Redende mit ähnlichen Inhalten nach Oldenburg brachte. Die Organisierenden luden mit dem ehemaligen Militär Jürgen Rose zum Beispiel 2018 einen verschwörungsideologischen Soldaten der Querfront ein. Der munkelte, dass die “Bundeswehr seit dem Ende des Kalten Kriegs (…) auf Kommando der US-amerikanischen Imperialmacht (…) umgebaut wurde”, bevor er eine “sicherheitspolitische Alternative gegen die US-amerikanische Form von Amok-Politik” forderte.

Nach diesem anti-amerikanischen Akteur durfte im folgenden Jahr ein Vertreter der antisemitischen Gruppe “Bremer Friedensforum” sprechen. In dessen Rede wurden die “völkerrechtswidrige Annexion des Golan durch Israel” sowie amerikanische Atomwaffen auf deutschem Boden beklagt. Durch einen Code, “alternative Medien”, empfahl der Sprecher damals die Lektüre der Propaganda von Verschwörungsproduzenten.

Zugehörige Wortführer ließen sich in den vergangenen Jahren im Rahmen von verschwörungsideologischen Events erleben. Vielfach sprach Reiner Braun, der 2017 in Oldenburg ähnliche Inhalte hervorbrachte, obwohl er zuvor unter anderem als Akteur der “Friedenswinter”-Querfront agierte. Auf dem damaligen Ostermarsch warf er dem Judenstaat unter anderem die “Unterstützung von Landraub” vor, während er eine deutsche “Unterwerfung unter die Politik der USA” beklagte.

Die auf Aktionen vielfach vorgenommene Konstruktion eines weltbeherrschenden, amerikanischen Antagonisten, der auch im verschwörungsideologischen Friedensaktivismus dem Frieden der “Völker” entgegensteht, ergänztFridays for Future” seit einigen Jahren durch umweltpolitische Ansprachen. Auch 2021 gab es eine Rede der Umweltorganisation. Beifall gab es zumindest in diesem Jahr durch Akteure, die zur esoterischen Endzeitsekte “Extinction Rebellion” gehören.

Allein das US-Militär”, so ein FFF-Feigenblatt, “verbraucht mehr fossile Energieträger als ganz Afrika“. Mit solchen Sätzen bot “Fridays for Future” zu Ostern eine ökologisch erscheinende Ergänzung, die zum klassischen Anti-Amerikanismus des Geistlichen passte. Der sprach, wie andere Redende der Vorjahre, zu Ostern fast ausschließlich gegen die USA, wobei die offenen anti-israelischen Ausfälle zumindest in diesem Jahr vor dem Hauptbahnhof ausblieben.

FFF-Mobilisierung: Aufruf zum Ostermarsch 2020
“Fridays For Future” und “Friedensbündnis”: Mobilisierung zum Ostermarsch (2020)

Kritik im Handgemenge

Die Abschaffung des Judenstaats, der als “Reaktion auf das Dementi aller Versprechungen der bürgerlichen Nationalrevolution” entstand und “als Antwort auf den stalinistischen Verrat an der kommunistischen Weltrevolution” (ISF) materielle Gewalt wurde, war 2013 ein finales Ziel dieses im Jahr 2021 in Oldenburg redenden Pfaffen. Der Traum von der Vernichtung Israels, dieser nur “als zu spät gekommene Notwehr gegen den Massenmord an den europäischen Juden” (ISF) zu begreifenden Staatlichkeit, dürfte die Organisierenden vom  “Friedensbündnis” nicht stören. Schließlich positionierte sich Struktur selbst immer wieder gegen Israel. 

Im Aufruf zum Ostermarsch des Jahres 2017 wollte die Gruppe vor allem einen “Flächenbrand im Nahen Osten (…) stoppen”, für den sie offenbar Israel verantwortlich macht. Neben innenpolitischem Reformismus, der sich gegen die Bundeswehr und die NATO richtete, wendete sich das “Friedensbündnis” explizit gegen Israel: “Die Duldung der israelischen Besatzungs- und Außenpolitik muss beendet werden”, forderte die Struktur, die auch in diesem Jahr die Zusammenkunft organisierte, im damaligen Aufruf.

Bei einer vorherigen Veranstaltung der Gruppe sprach sich Wolfgang Gehrcke, Autor mit Verschwörungsinhalten, nach Einladung des “Friedensbündnis” gegen “Antideutsche” und für die Verteidigung der BDS-Bewegung aus, wobei anwesende Antisemiten der Boykott-Truppe den Persilschein mit lautem Beifall quittierten. Dass sich der damalige Fraktionsvorsitzende der sogenannten Linkspartei in seinem Buch auch auf einen rechten Holocaust-Leugner beruft, störte die Einladenden offenbar nicht.

Formen deutscher Demagogie kennzeichnete bereits die klassische “Friedensbewegung” in den 1980er Jahren. In Deutschland sei nichts ungefährlich, nicht mal die Begeisterung für den Frieden”, warnte Wolfgang Pohrt damals. Sein Urteil bleibt weiterhin aktuell. Das zeigen Inhalte, die Prediger für das “Oldenburger Friedensbündnis” alljährlich auf dem “Ostermarsch” oder bei einer der raren Veranstaltungen verkünden.

Vor Ort gab es wie in den Vorjahren keinen Widerspruch gegen die Manifestation deutscher Demagogie. “Die Linke” wünschte sich nach der diesjährigen Zusammenkunft stattdessen “im nächsten Jahr” einen “Ostermarsch wieder wie gewohnt”. Dass sich sozialdemokratische Parteien wie “Die Linke” oder links-liberale Organisationen wie “Fridays for Future”, nach mehreren Jahren der konkreten Kollaboration mit dem friedensbewegten Antisemitismus, endlich von dem reaktionären österlichen Ritual distanzieren, ist ebenso wenig wie nötiger Widerspruch durch antifaschistische Gruppen aus der Region zu erwarten.

Kleinstadthölle (2017)

Wolfgang Gehrcke, im Jahr 2017 stellvertretender Fraktionsvorsitzender und Mitglied im Vorstand der sogenannten Linkspartei, empörte sich bei seiner damaligen Lesung in Oldenburg über eine Flugschrift, die Kritik seines israelbezogenen Antisemitismus mit einer Parole gegen Deutschland verband.

Der komplette Auftritt des sozialdemokratischen Verschwörungsgläubigen findet sich auch Mitte 2021 auf der ungepflegten YouTube-Seite des Kreisverbands für Oldenburg und das Ammerland. Dass dort bis heute zu sehen ist, wie der verschwörungsideologische Stichwortgeber minutenlang die antisemitische BDS-Bewegung verteidigt, ist dieser politischen Struktur zu verdanken. Offenbar möchte “Die Linke” aus meiner deutschen Kleinstadthölle weiterhin mit solchen Inhalten auf YouTube werben.

Eine typisch deutsche Argumentation

“12. Dezember. Cincinnati.

Soeben bin ich von einer typischen von deutschen Genossen organisierten Versammlung zurückgekehrt. Der große Saal war gestopft voll. Kein Wunder auch, hatten doch die Sozialisten eine ‘deutsche Versammlung’ angekündigt, ohne zu sagen, dass eine Russin sprechen würde, noch dazu eine internationalistisch eingestellte Sozialistin! Alle möglichen Leute waren gekommen, eine Menge Spießer, brave deutsche Bürger. Auf ein paar Hundert kamen ein, zwei Dutzend Frauen.

Nach der Versammlung ist alles ganz anders als bei den amerikanischen Kundgebungen. Dort kommt man zu mir, sagt mir in herzlichem Ton: ‘Eine glänzende Rede. Gerade das haben wir uns gewünscht: mehr revolutionären Geist in der Bewegung’. Gewöhnlich kommen Proletarier mit sympathischen, ehrlichen Gesichtern; sie schimpfen auf die führenden Leute, sind voller Enthusiasmus und Glauben an die Massenbewegung

‘Die amerikanischen Arbeiter vermögen keine Opfer zu bringen’, beklagen sich die Deutschen über sie. ‘Da haben sie gerade erst eine Gewerkschaft organisiert, doch statt zunächst durch ordentliche Beitragszahlungen die Kasse zu stärken, zetteln sie gleich einen Streik an.’

Eine typisch deutsche Argumentation: Die Organisation ist Selbstzweck.”

Alexandra Kollontai: Aus dem amerikanischen Tagebuch 1915

Der Zeitreisende und ein Kommunist

Als sich am 1. November 2019 der vierzigste Todestag des britischen TV-Autors Malcolm Hulke näherte, erinnerte der britisch-linke “Morning Star” an den vor Jahrzehnten verstorbenen Kommunisten. Obwohl der englische Linke in den 1970er Jahren ein gefragter Autor von für die Popkultur bedeutsamen TV-Produktionen war, blieben die Nachrufe hierzulande aus. Dass das langjährige Mitglied der “Kommunistischen Partei Großbritannien”  für die BBC-Serie “Doctor Who” schrieb, ist in Deutschland kaum bekannt.

Von den Avengers zum Zeitreisenden

Malcolm Hulke sammelte am Theater erste Erfahrungen in der Kulturindustrie. Nach einer Produzententätigkeit verfasste der Kommunist in Folgejahren unter anderem Drehbücher für neun Folgen des TV-Hits “The Avengers”. Mit solchen Arbeiten trug Hulke, der zuvor und wohl auch zeitgleich kommunistische Inhalte verfasste, zum damaligen Erfolg des schwarz-weißen TV-Klassikers bei, der nach seiner Eindeutschung als “Mit Schirm, Scharm und Melone” in Westdeutschland versendet wurde. 

Zuvor schrieb der Autor zwei Drehbücher, die als Vorlage für die Spielfilme “Life In Danger” (1959) und “The Man In The Back Seat” (1961) dienten. Zudem wandte sich Hulke phantastischeren Themen zu. Durch “Target Luna” erregte er das Interesse eines BBC-Verantwortlichen. In den folgenden Jahren schrieb Hulke mehrere Handlungsstränge für “Doctor Who”. Insgesamt 54 Episoden, die in Deutschland erst mit einiger Verspätung erschienen, entstanden auf Basis der Drehbücher des englischen Linken.

Diese Arbeiten verliehen der Hauptfigur, dem zeitreisenden Alien vom Planeten Gallifrey, weitaus mehr Tiefe. Zwischen 1967 und 1974 war Malcolm Hulke als Autor an der Science-Fiction Serie beteiligt. Heute können Interessierte, trotz einigen Schwundes anderer Folgen, den Großteil der Episoden, die dieser Autor schrieb, mit wenigen Mausklicks abrufenAuf DVD, Blu-ray oder per Stream gibt es die Folgen mit Patrick Troughton, der die Hauptfigur zwischen 1966 und 1969 spielte, und mit seinem Nachfolger Jon Pertwee, der zwischen 1970 und 1974 den humanistischen Time Lord in der dritten Inkarnation verkörperte, zu sehen.

Manches aus den meist Episoden der britischen TV-Vergangenheit wirkt erstaunlich aktuell. Gerade in den Pertwee-Jahren, die Malcolm Hulke mit seinen Drehbüchern entscheidend prägte, befasst sich die Serie, die oftmals als Produkt für Heranwachsende verunglimpft oder missverstanden wurde, mit universellen Themen, die in kapitalistischen Verhältnissen zeitlos erscheinen. 

Doctor-Who-Third-Doctor-Title

Zeitlosigkeit eines Zeitreisenden

Als die Verantwortlichen bei der BBC dem Charakter, einem uralten Außerirdischen mit  Zeitmaschine, ein Erden-Exil in den 1970er Jahre verpassten, konnte die Hauptfigur in den Pertwee-Jahren zeithistorische Ereignisse mit besonderem Sarkasmus, beißender Ironie oder stoischem Zynismus kommentieren. Dass die Schreibenden der Serie tagesaktuelle Themen wie Streiks und Aussperrungen aufgriffen, sorgte für ungewohnte Parteilichkeit der Hauptfigur, die mit Sicherheit zur Popularität des britischen Straßenfegers beitrug. Die antiautoritäre Praxis dieser Hauptfigur, die Anweisungen des britischen “United Nations Intelligence Taskforce” (UNIT) Offiziers, des Brigadiers, dauerhaft ignoriert, wurde auch dank der Mitwirkung von Hulke dauerhafter Bestandteil des Protagonisten. 

Damalige Mehrteiler, die wie der “The Green Death”-Handlungsbogen katastrophale Resultate kapitalistischer Akkumulationsprozesse durch Umweltverschmutzung thematisieren, scheinen auch in der Gegenwart erstaunlich aktuell. Das gilt auch für Episoden, die sich mit faschistischen Herrschaftsformen befassen. Mit dem “Inferno”-Sechsteiler kreierten damalige Verantwortliche einen Handlungsbogen, der auf einer faschistischen Parallelerde angesiedelt ist, deren Regimes mit unverantwortlichen Experimenten die ohnehin tote Erde bedrohte. 

Diese Folgen erschienen in Zeiten, als sich der britische Faschismus erneut an einem seiner Comebacks versuchte, wobei der Sechsteiler als deutliche Kritik an den drohenden Resultaten faschistischer Praxis zu verstehen ist. Sie erinnern an einen anderen Science- Fiction Klassiker: In der vierten Folge der ersten Star Trek Serie, der Episode “Mirror, Mirror”, verschlägt es Captain Kirk und seinen Landetrupp gleichfalls in ein faschistisches Paralleluniversum.  

Auch in den Episoden des “Frontier in Space”Handlungsbogens erleben Zuschauende eine dem Weltraumcaptain nicht unähnliche Figur. Sie sehen einen kämpferischen Doctor, der sich gegen das jeweilige Unrecht erhebt, das ihn auf Erden oder im Weltraum begegnet. Dass es der Zeitreisende, mehr als drei Jahrzehnte vor Grant und Sattler im ersten “Jurassic Park”, mit Dinosauriern aufnahm, sei an dieser Stelle ebenfalls erwähnt. Was wie eine Vorwegnahme heutiger Kinoproduktionen wirkt, ist dem linken Science-Fiction Autoren zu verdanken.

Vom Aktivismus zur Schreibmaschine

Es waren sich der politischen Linken zugehörig fühlende Schreibende, die zur Besonderheit der bereits damals sehr populären BBC-Serie beitrugen. Das beste Beispiel für solche Personen ist Malcolm Hulke. Als Mitglied der von Strömungskämpfen gebeutelten “Young Communist League” (YCL) organisierte sich der schreibende Kommunist schon in jungen Jahren.  Zum Ende des Zweiten Weltkriegs nahm ihn die “Communist Party of Great Britain” (CPGB) in ihre Reihen auf. 

“Als junger Mann verwarf er seinen jüdischen Glauben, wenn auch nicht die jüdische Kultur – und trat der Kommunistischen Partei bei.” Der aktivistische Linke beteiligte sich unter anderem an Besetzungen von Hotels. Mit solchen Aktionen wollten kommunistische Kader in London den Einzug von Wohnungslosen erzwingen. Dass diese Menschen ihre Wohnungen durch die deutschen Bomben verloren, ehrt den frühen Aktivismus des späteren TV-Autoren auch posthum.

Zeit seines Lebens blieb Hulke offenbar der politischen Linken zugehörig. Fest steht, dass er seinem kommunistischen Zirkel bis 1964 angehörte. Mit Sicherheit trug die linke Positionierung des Malcolm Hulke dazu bei, dass viele “Doctor Who”-Episoden der späten 1960er und frühen 1970er Jahre auch heute sehr sehenswert sind. Antifaschistische Mindeststandards sowie antiautoritäre Praxen zeichnen einige Handlungsbögen aus, die zwischen 1969 und 1974 erschienen. Für viele Folgen war der Drehbuchautor direkt verantwortlich.

Im sechsteiligen “Invasion of the Dinosaurs”Handlungsbogen, den Hulke zum Abschluss der dritten Doctor-Verkörperung schrieb, ist ein militaristischer Kriegstreiber der eigentliche Gegner der heroischen Hauptfigur. Im zehnteiligen “The War Games”Handlungsbogen, den Hulke als erstes für “Doctor Who” verfasste, geht es mit War Lords um entsprechende Despoten. Dass solche Menschenfeinde die Produkte irrationaler Verhältnisse sind, machen die Episoden von Malcolm Hulke deutlich.

Überwachung eines Drehbuchautoren

Die Positionierung des “Doctor Who”-Autoren war viele Jahrzehnte nur wenigen Personen bekannt. Zu den Eingeweihten gehörten einige seiner Genoss_innen. Eifrige Angehörige des Geheimdienstes MI5, der unter Druck erst Jahrzehnte nach dem Tod des Drehbuchautoren einige der angesammelten Informationen veröffentlichte, befassten sich gleichfalls mit dem Autoren. Dass seine Briefe gelesen und Telefonate abgehört wurden, sorgte für den großen Datensatz, von dem Hulke nicht mehr erfuhr. Weiteres Aktenmaterial entstand, weil Mitarbeiter von Polizei und Geheimdienst nach direkten Kontakten mit dem TV-Autoren über Jahre Abschriften der Gespräche verfassten. 

Seine Akte, die seit 2014 zumindest in Teilen für die Öffentlichkeit zugänglich ist, umfasst ein Bewerbungsschreiben, mit dem Hulke seine “Communist Party of Great Britain” (CPGB) im Jahr 1947 um einen Job bat. Der Geheimdienst hielt auch fest, dass die Partei ihr Mitglied in den Folgejahren als Schreibkraft beschäftigte, wobei Anrufe aus dem Hauptquartier der stalinistischen Struktur ebenfalls durch die Schnüffelnden der antikommunistischen Agentur dokumentiert wurden.   

Dass sich der MI5 auch in späteren Jahrzehnten mit der publizistischen Tätigkeit des überwachten Kommunisten befasste, mag manche Lesende – angesichts des antikommunistischen Furors in bürgerlichen Klassenstaaten – nicht überraschen. Die aus diesem Grund existierende Akte umfasst unter anderem Analysen von Stücken, die Hulke  im CPGB-Blatt “Daily Worker” und im linksliberalen “The Guardian” unterbrachte. Sie dokumentiert auch, wie der britische Linke ab Ende der 1950er Jahre als Drehbuchautor für TV-Serien und Kinofilme einer monetär sowie ideell recht befriedigenden Form der Lohnarbeit nachging.

Der zugängliche Teil der Geheimdienstakte erstreckt sich bis ins Jahr 1964. Damals war Malcolm Hulke bereits erfolgreich für das ITV-Network sowie die Konkurrenz von der British Broadcasting Company (BBC) tätig. Die Überwachenden hielten den Autoren für einen “gefährlichen Mann”, der seine “kommunistischen Perspektiven ohne Skrupel” vertreten würde. 

Tatsächlich gab es für den Überwachten aber gute Gründe, die ihn zum Parteieintritt bewegten. Der 1924 geborene Hulke berichtet im Rückblick, dass er sich im Kontakt mit Angehörigen der Roten Armee politisierte. Außerdem identifizierte sich der britische Soldat mit den sowjetischen Siegen über den NS-Mordapparat. “Weil die Rote Armee gerade die Deutschen zurückgedrängt hatte”, begründete der Autor im Nachhinein seinen Parteieintritt.

Der Entschluss zur Mitgliedschaft und für den Kommunismus sei “mehr ein emotionaler Ausdruck denn eine logische Schlussfolgerung” gewesen. Dass Hulke, der am D-Day an der militärischen Zerschlagung der deutschen Streitkräfte teilnahm und später ein Programm zur Entnazifizierung in Kiel leitete, sich nicht immer mit den willkürlichen Parteilinien des orthodoxen Marxismus zufrieden gab, dürfte einer der Gründe für Differenzen und Auseinandersetzungen in und mit seiner Communist Party darstellen.  

Von der Zukunftsproduktion und dem Tod

Der MI5 verweigert seit 2014 den Zugang zu den Teilen der Akte, die spätere Jahre der Überwachung umfasst. Die Zeiten, in denen der Kommunist zum Erfolg von “Doctor Who” beitrug, bleiben weiterhin unter Verschluss. So bleibt die Frage offen, ob sich die Agent_innen des Geheimdienstes auch nach 1964 mit den Drehbüchern über die Abenteuer des Zeitreisenden befassten, wobei die baldige Mitarbeit an der Serie schon zuvor festgehalten wurde. Darüber berichtete nicht nur der “Morning Star”, sondern auch das “Doctor Who Magazine”

Über “Doctor Who” sprach Hulke auch nach dem Ende seiner Mitarbeit, wobei er die zeitlose Bedeutung der TV-Serie hervorhob. Sie würde durch die Darstellung von Beziehungen gesellschaftlicher Gruppen politische Tiefe entwickeln. Alle “Doctor Who”-Episoden enthalten derartige Darstellung, “selbst wenn eine andere Gruppe von Leuten aus Reptilien besteht”, so der Autor, der am 6. Juli 1979 verstarb, im Rückblick. 

Als überzeugter Atheist sorgte der Verstorbene vorab dafür, dass es bei seiner Beisetzung  weder einen Priester noch Gebete gab. Inwieweit die Agent_innen des MI5 das Begräbnis dokumentierten, ist nicht bekannt. Heutige “Doctor Who”-Fans, gerade in deutschen Gefilden, wissen meist wenig über den englischen Autor, der nicht nur mit seinen Drehbüchern zur zeitlosen Bedeutung des Science-Fiction-Produktes beitrug.

Schließlich schrieb Hulke sieben “Doctor Who”-Romane. Außerdem verfasste er mit seinem Freund, dem eng mit der Serie verbundenen Terrance Dicks das Standartwerk “The Making of Doctor Who”. Er musste ein “professioneller Autor” werden, sagte Hulke rückblickend: “Ich hatte keine echten Qualifizierungen, um irgendetwas anderes zu sein.”

Ein Gespenst geht um im Fernseher

Mit seinen “Doctor Who”-Drehbüchern inspirierte Malcolm Hulke zahlreiche Autoren, die nach seinem Tod für die BBC-Serie schrieben. Deutliche Reverenzen an die Ideale des Drehbuchautoren, einer emanzipativen Umgestaltung der kapitalistischen Zustände, gab es vor allem 1989. Zum temporären Ende der Serie bedienten sich die Nachfolgenden visueller Mittel und kleiner Dialoge, wobei es in Augenblicken um den Wert der Solidarität und die Macht des kommunistischen Aufhebungsversprechens ging.  

Dass die zum Ende der 1980er Jahre von Sylvester McCoy verkörperte Hauptfigur und seine feministische Begleitung Ace, an deren Kleidung in aller Deutlichkeit ein roter Sowjetstern mit Hammer und Sichel prangte, von der BBC abgesetzt wurde, lag vielleicht nicht nur an der stetig sinkenden Einschaltquote, sondern auch an solchen Momenten. Dieses zeitweilige Ende, das mit dem Zusammenbruch der staatssozialistischen Bürokratien sowjetischer Prägung einherging, erlebte Malcolm Hulke nicht mehr. Zehn Jahre nach dem Tod des Kommunisten verschwand der Doctor zeitweilig vom Bildschirm.

Die Science-Fiction-Figur, an deren echter Herausbildung ein kommunistischer Autor maßgeblichen Anteil besitzt, fristete ihr Dasein nur temporär ausschließlich in Comics, Romanen oder Hörspielen. Ein Spielfilm, der als Auftakt zu einer Serie floppte, blieb Episode. Doch die BBC führt die Abenteuer des Zeitreisenden seit 2005 erneut als TV-Produkt fort. Dass die Figur in einer deutlichen Tradition zu vorherigen Inkarnationen wie dem dritten Doctor steht, zeigt sich in vielen Episoden neueren Produktionsdatums. 

Fortführung der Traditionslinien

Auf den Spuren seiner Vorgänger kämpfte der mittlerweile elfte Doctor nicht nur gegen Aliens wie die Daleks, sondern auch gegen deutsche Nationalsozialisten. Als es den Zeitreisenden in das Berlin von 1938 verschlug, spürte der “Führer” in der “Let’s Kill Hitler”Episode direkte Folgen. Die Thematisierung von Rassismus, von Homophobie oder von Sexismen findet sich vor allem in neueren Episoden, wobei ein weiterer Höhepunkt in einer holprigen Entwicklungsgeschichte mit der aktuellen Ausformung des Zeitreisenden erreicht wurde.

In Paris beantwortet der dreizehnte Doctor, der endlich als Frau inkarnierte, eine entsprechende Frage. “Niemals”, betont die aktuelle Hauptfigur, die an die Tradition der dritten Verkörperung anknüpft, zur Beruhigung einer Resistance-Kämpferin, welche den dauerhaften Sieg des Nationalsozialismus fürchtet. Über solche Dialoge, die an die geschilderten Vorarbeiten von linken Drehbuchautoren wie Malcolm Hulke anknüpfen, hätte sich dieser Schreibende bestimmt gefreut.

Aufgrund seines Todes entging dem Autor aber nicht nur die aktuelle Fortführung der Science-Fiction-Serie, sondern auch der Niedergang und die Implosion der von seiner Partei idealisierten Sowjetunion. Außerdem erfuhr Hulke nichts über den Grad der Überwachung durch den antikommunistischen Staat, deren Ausmaß auch zum Ende des Jahres 2020 nur in Auszügen bekannt ist. 

Mehr zum Thema: Nachdem Darstellerin Katy Manning mit ihren Erinnerungen an den Drehbuchautor einleitet, spricht Michael Herbert in einem Onlinetalk der “Working Class Movement Library” über den Autor. “Doctor Who and the Communist: the writing and politics of Malcolm Hulke” ist auf YouTube zu sehen. Das gleichnamige Buch ist leider nicht in Deutschland erschienen. Dafür gibt es im Netz einen weitaus umfassenderen Beitrag des Experten.

Mobile Kleinstadthölle

Earthlings Werbung auf der Heckscheibe eines Fahrzeugs in OldenburgUnterwegs in Oldenburg. Ein Straßenverkehrsteilnehmer bewirbt eine Internetseite zum Film “Earthlings”. Dieser manipulative Streifen verwendet eine perfide Gleichsetzung, um die Zustände in Schlachthöfen noch verstörender erscheinen zu lassen. Sein visueller Antisemitismus besteht aus Aufnahmen von KZ-Toten, die in Szenen von Fleischverarbeitung in Zuchtbetrieben übergehen. Dass der Holocaust gegenüber den täglichen Schlachtungen von Tieren an Bedeutung verliert, ist gewollte Intention des Films, den der friesische Fahrer empfiehlt. 

Die Lobby-Gruppe PETA, die “Grundrechte von Tieren” realisieren möchte, bewirbt “Earthlings” ebenfalls vielfach. “Was hier zu sehen ist, ist nichts für schwache Nerven”, heißt es beispielsweise in jenem dumpf-deutschen Werbejargon, der nicht nur den Beitrag über die “Lieblingsdokumentationen” der Organisation prägt. Dass diese Struktur, die schon 2003 industrielle Vernichtung in deutschen Konzentrationslagern mit Fleischkonsum gleichsetzte, auch in den 20er Jahren des 21. Jahrtausends vom antisemitischen Inhalt der Dokumentation schweigt, muss angesichts gleichbleibender Gleichsetzungen durch PETA nicht verwundern.