Eine typisch deutsche Argumentation

“12. Dezember. Cincinnati.

Soeben bin ich von einer typischen von deutschen Genossen organisierten Versammlung zurückgekehrt. Der große Saal war gestopft voll. Kein Wunder auch, hatten doch die Sozialisten eine ‘deutsche Versammlung’ angekündigt, ohne zu sagen, dass eine Russin sprechen würde, noch dazu eine internationalistisch eingestellte Sozialistin! Alle möglichen Leute waren gekommen, eine Menge Spießer, brave deutsche Bürger. Auf ein paar Hundert kamen ein, zwei Dutzend Frauen.

Nach der Versammlung ist alles ganz anders als bei den amerikanischen Kundgebungen. Dort kommt man zu mir, sagt mir in herzlichem Ton: ‘Eine glänzende Rede. Gerade das haben wir uns gewünscht: mehr revolutionären Geist in der Bewegung’. Gewöhnlich kommen Proletarier mit sympathischen, ehrlichen Gesichtern; sie schimpfen auf die führenden Leute, sind voller Enthusiasmus und Glauben an die Massenbewegung

‘Die amerikanischen Arbeiter vermögen keine Opfer zu bringen’, beklagen sich die Deutschen über sie. ‘Da haben sie gerade erst eine Gewerkschaft organisiert, doch statt zunächst durch ordentliche Beitragszahlungen die Kasse zu stärken, zetteln sie gleich einen Streik an.’

Eine typisch deutsche Argumentation: Die Organisation ist Selbstzweck.”

Alexandra Kollontai: Aus dem amerikanischen Tagebuch 1915

Isolation & Einsamkeiten

Gegen das “System wechselseitiger Konzessionen” und für die “öffentliche, authentische Isolation”. So positionierte sich Karl Marx. Freund Engels betont in seiner Antwort, dass die Beiden “keinen Support von der Partei irgendwelchen Landes” benötigen. Folge sei aber “auch eine gewisse Einsamkeit…”

Sternstunden des TV-Journalismus (II)

Jede Woche erscheint eine Zeitschrift, die sich “die aktuelle” nennt. Das Blatt der Funke Mediengruppe berichtet eigentlich über “VIPs und Königshäuser”. Science-Fiction Filme gehören bestimmt nicht zu den Themen, die oft im Magazin besprochen werden. Tode sind Anlass für einen Nachruf, der “‘Prinzessin Leia’ aus den ‘Star Trek’-Filmen” erwähnt. Nicht einfach, die beiden größten Franchises aus dem Bereich Science-Fiction zu trennen, wenn ansonsten Prinz Harry, Krebserkrankungen und Ehedramen im Mittelpunkt stehen.

Faksimile aus der Fachzeitschrift

 

Donald, Drogen, Zionisten

“Kämpfende Jugend”: Zentralorgan des Jugendverbandes der “Kommunistischen Partei Deutschlands” (KPD/AO), die zwischen 1970 und 1980 für “ein unabhängiges, vereintes und sozialistisches Deutschland” eintrat. Ihre Mitglieder, die sich als proletarische Kader_innen inszenierten, glorifizierten den chinesischen Staatskapitalismus. Hass gegen Israel vermengte sich mit völkischen Positionen. Mythen dienten der Untermauerung des Standpunkts. Der Zionismus, Comicfiguren und berauschende Substanzen erregten den Unwillen des Jugendverbandes. Heute feiern derartige Positionen, auch durch die Propaganda von maoistischen Jugendbanden, ein unschönes Comeback.

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Sternstunde des TV-Journalismus

Im Dezember 2015 empfiehlt ein Redakteur des NEON Magazins die französische Serie “Les Revenants”. Der Serientipp endet mit einem falschen Hinweis: “Ein US-Remake ist natürlich bereits in der Mache.” Hätten sich der Redakteur oder seine Redaktion die Mühe gemacht, eine Suchmaschine zu verwenden, wäre dieser Satz wahrscheinlich nicht im Heft gelandet.

Das Remake wurde bereits ab Ende 2014 (!) durch den amerikanischen Sender A&E produziert. In den USA wurde die Serie seit dem 9. März 2015 (!) ausgestrahlt. In Deutschland konnten Kundinnen und Kunden des Streamingdienstes Netflix bereits am 10. März 2015 (!) auf die erste Episode zugreifen. In den kommenden Wochen wurden sämtliche Folgen des Remakes freigegeben.

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Maulwurfsarbeit

Für die Aufsatzsammlung „Maulwurfsarbeit II” habe ich einen längeren Text über das Verschwörungsdenken in der deutschen Linken verfasst. Dort finden sich zahlreiche lesenswerte Texte, etwa von Bini Adamczak, Olaf Kistenmacher und Thorsten Mense. Die Sammlung kann auf den Seiten der Rosa Luxemburg Stiftung heruntergeladen werden.

[…] Mit der vorliegenden Aufsatzsammlung wollen wir unser Veranstaltungsprogramm dokumentieren, das wir in Kooperation mit der Rosa Luxemburg Initiative Bremen als Abendveranstaltungen, Tages– oder Wochenendseminare durchgeführt haben. Diese sehen wir als Teil praktischer Theorie gegen zerstörte Illusionen an und als unsere Form des „where everything is bad it must be good to know the worst“. Mit dieser Aufsatzsammlung schließen wir an unsere beiden vorigen an; in der Form eher an die verschiedene Aspekte beleuchtende „Maulwurfsarbeit“ als an die im monographischen Stil zusammengestellte „Staatsfragen“. Dass wir in den Veranstaltungen und in den Aufsatzsammlungen unterschiedliche Problembereiche behandeln, begründet sich dadurch, dass an allen gesellschaftlichen Phänomenen Abdrücke herrschaftsförmiger Vergesellschaftung zeigen und daher auch überall dort thematisiert werden müssen. Es geht also um den angestrebten Überblick in erdrückender gesellschaftlichen Totalität. […]”

Die Wahl der Qual

Ein neuer Bundespräsident wird gesucht: Während eine große deutsche Koalition, die fast alle Parteien umfasst, nun den ehemaligen Bürgerrechtler Joachim Gauck nominieren will, favorisieren einige Linkspartei-Politiker_innen und Piratenpartei-Aktivist_innen den Kabarettisten Georg Schramm. Es wäre eine Wahl wie zwischen Pest und Cholera. Joachim Gauck, der von einigen Netzaktivist_innen mit der hohlen Parole „Yes, we Gauck” unterstützt wurde, ist ein deutscher Antikommunist, der den Nationalsozialismus verharmlost, deutsche Täter_innen zu Opfern machen will und dem dumm-dreisten Jubel-Nationalismus huldigt, der in Deutschland en vogue ist. Er ist wie die zu erwartende Pest, die von der Mehrheit der großen deutschen Koalition gewählt werden wird.

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Verschwörungstheorien statt Gesellschaftskritik

In der Ja­nu­ar-​Aus­ga­be der Pro­gramm­zeit­schrift des „Radio Corax“ aus Halle ist ein Ar­ti­kel erschienen. Dort setzt sich der Autor die­ser Zei­len mit ver­schie­de­nen Ver­schwö­rungs­fans in­ner­halb der deut­schen Lin­ken aus­ein­an­der. Weiterlesen “Verschwörungstheorien statt Gesellschaftskritik”