Gemeinschaft gegen die “1 Prozent”

Die „Occupy-Bewegung“ ist in aller Munde. Am 15.10.2011 demonstrierten mehrere zehntausend Menschen in vielen Städten der Bundesrepublik. 8000 waren es in Frankfurt, 7000 in Berlin, 3000 in Hamburg und immerhin noch 350 in Bremen. „Echte Demokratie Jetzt“, lautete eine Forderung, die oftmals von den Medien erwähnt wurde. Andere Forderungen gingen bei soviel Demokratie-Idealismus allerdings unter.

In Berlin wurden Schilder in die Höhe gereckt, die einen Galgen zeigten, darunter war die Parole „Alternativlos“ zu lesen. In Frankfurt wurden Demonstrant_innen, die sich mit einer amerikanischen Fahne und einem Schild, auf dem unter anderem „Lest Marx“ zu lesen war, unter die Occupy-Demonstrant_innen gemischt hatten, angegriffen. In verschiedenen Reden wurde in einem eindeutigen antisemitischen Jargon gegen die angebliche Macht „der Rothschilds“ angeschrien. In Köln warnte eine Verschwörungsideologin vor einem angeblich drohenden dritten Weltkrieg, der durch „den Ami“ und „den Israeli“ geplant werden würde.

Die bundesdeutsche Presse berichtete dennoch durchaus positiv über die Demonstrationen. So schrieb die „Bild-Zeitung“ von der „nackten Wut gegen die Banken“ und zeigte nackte Demonstrantinnen vor dem Reichstag. Maybrit Illner freute sich im ZDF: „Das ist eine richtige Volksbewegung geworden“. In der TAZ wurde unterdessen darüber gejubelt, dass „hunderttausende gegen den Kapitalismus“ auf die Straße gegangen seien. Viele Medien berichteten freundlich über die Rituale der neuen „Bewegung“.

So zum Beispiel über die Praxis des „menschlichen Mikrophons“, bei dem die Sätze der Sprecher_innen lautstark durch die Menge wiederholt werden. In sozialen Netzwerken wie Twitter wurde allerdings an an die Satire „Das Leben des Brian“ erinnert. In einer Szene ruft Brian dort verzweifelt in die Menge: „Ihr seid alle Individuen“, diese wiederholt diesen Satz lautstark als kollektive Masse: „Wir sind alle Individuen“. Ähnliches geschah tatsächlich in London. Dort trat der Wikileaks-Gründer Julian Assange auf einer Occupy-Veranstaltung auf und rief: „We are all Individuals“. Die Menge antwortete ihm im Chor.

Nach diesen Demonstrationen entstanden in verschiedenen Städten winzige Zeltstädte, die in der Form an die „Occupy-Bewegung“ in den USA erinnern. Schließlich wird nicht nur in Frankfurt und Berlin gecampt. Seit dem 17.09.2011 war der Zucotti-Park in New York besetzt. Eine Besetzung, die sicherlich auch auf die deutsche „Bewegung“ gewirkt hat, auch wenn es signifikante Unterschiede zwischen den Aktionen in New York und den Aktionen in Frankfurt oder Berlin gibt.

In den USA ist die Beteiligung sozialer Aktivist_innen nicht zu übersehen, die der dortigen „Bewegung“ einen Stempel aufgedrückt haben. So gab es dort Aufrufe, den Hafen von Oakland zu besetzen. Dies wurde mit einem Aufruf zum Generalstreik verbunden, hier wurde also viel eher um soziale Teilhabe gekämpft und Produktionsmittel besetzt. Eine derartige Politik mag immer noch verkürzt sein, allerdings unterscheidet sie sich deutlich von der „Occupy-Bewegung“ in Deutschland. Hier sind es ganz andere Theorien und eine daraus resultierende politische Praxis, die zum Dreh- und Angelpunkt der „Bewegung“geworden sind.

Allerdings beteiligten sich auch in den USA Verschwörungsaktivist_innen, Zinskritiker_innen und Rechtspopulist_innen an den Demonstrationen und Aktionen der „Occupy-Bewegung“. Die Theorien der„Occupy-Bewegung“, die mit der Phrase von der verkürzten Kapitalismuskritik noch freundlich umschrieben ist, bieten ihnen zahlreiche Anknüpfungspunkte.

Teilweise wurden auch antisemitische Theorien propagiert. In Los Angeles hetzte beispielsweise eine Patricia McAllister, die im dortigen öffentlichen Schulwesen arbeitet, in einem Interview:„Ich glaube, dass die zionistischen Juden, die hinter den großen Banken und der Federal Reserve (der amerikanischen Zentralbank) stecken, aus diesem Land vertrieben werden sollten“. Das Interview ging um die Welt.

Oftmals wird behauptet, dass es sich um keine keine homogene Bewegung, sondern um die Ansammlung von Individuen handeln würde. Diese bilden den „Schwarm“, heißt es in den Selbstdarstellungen der Aktivist_innen. Dabei wird unterschlagen, dass es sehr wohl gemeinsam Nenner gibt, die die Aktivist_innen auf die Straßen und in die Camps gebracht haben.

Die Occupy-Aktivst_innen begreifen sich nicht nur als Teil einer großen Bewegung. Sie behaupten, dass sie stellvertretend für die 99 Prozent der Gesellschaft stehen, die einer angeblichen „Elite“, den 1 Prozent, ausgeliefert sind. Dies ist ein gemeinsamer Nenner, der zu merkwürdigen Verbindungen führt. In Frankfurt wurde die FDP-Politikerin Katja Hessel zum Beispiel begeistert im Camp empfangen: „Plötzlich wirken sie alle wie Brüder und Schwestern im Geiste. In welcher Partei war Hessel nochmal? FDP, sagt sie. Wir sind offen für alle Parteien, sagen die anderen, sie gehöre ja schließlich auch zu den Neunundneunzig Prozent. Die übrigen ein Prozent, das seien ja nur die ganz Kranken, sagt eine, ein paar hundert höchstens, die kontrollierten die ganze Wirtschaft“, berichtet die Frankfurter Rundschau.

Vielen Aktivist_innen geht es auch um die Formierung einer großen deutschen Gemeinschaft, die derartige Verbindungen hervorbringt. Diese große Gemeinschaft ist auch in den Manifesten der „Bewegung“ zu finden. So zum Beispiel in einem Manifest aus Bremen. Die Aktivist_innen beschreiben sich dort als„normale Menschen“: „Einige von uns bezeichnen sich als aufklärerisch, andere als konservativ“, heißt es im Manifest, mit dem die breite Volksbewegung angestrebt wird.

Die Theorie von den 1 Prozent, die die Gesellschaft angeblich beherrschen, erinnert an Zentralsteuerungstheorien, die einen wichtigen Bestandteil vieler verschwörungsideologischer Konstrukte darstellt. Oftmals werden hier auch antisemitische Theorien, zum Beispiel gegen die angebliche „Elite“ der „Rothschilds“, propagiert.

Verschiedene Verschwörungsideologen gehen davon aus, dass die Menschen durch eine ganz kleine, mehr oder weniger geheime „Elite“ gesteuert und kontrolliert werden, die Politiker_innen und Journalist_innen wie Marionetten steuern würden.

Daher ist es kein Wunder, dass viele Verschwörungsideologen die „Bewegung“ begeistert begrüßten. So sind an den Camps auch Aktivist_innen beteiligt, die sich ansonsten mit dem 11. September 2001 oder den sagenhaften „Chemtrails“ beschäftigen. Der 11. September 2001 gilt ihnen als „Inside Job“, verübt durch amerikanische Institutionen, hinter der die heimliche „Elite“ ausgemacht wird, die durch die Anschläge profitiert hätte.

Die „Chemtrails“ sollen geheime Kondensstreifen von Flugzeugen sein, die der Wettermanipulation, Bevölkerungskontrolle oder gar der Bevölkerungsreduktion dienen sollen. Derartige Theorien waren auch auf den Demonstrationen der „Occupy-Bewegung“ zu hören.

Noch viel öfter wird allerdings gegen die angebliche „Elite“ vorgegangen. Für derartige Theorien begeistern sich auch die Führungspersonen dieses ideologischen Milieus. Vielleicht beteiligte sich der ehemalige Wrestler und Gouverneur Jesse Ventura auch deswegen an den Aktionen von Occupy-Wallstreet. Es gehe darum, den „Krebs auszumerzen“: „Ich liebe die Wallstreet, wirklich. Ich mag nur nicht die Gauner und Verschwörer, die sie betreiben“, sagte der Autor mehrerer Bücher, in denen es um die verschwörungstheoretische Deutung des 11. Septembers geht, in eine Fernsehkamera. Jesse Ventura ist nicht die einzige Person aus diesem Milieu, die sich an den Occupy-Aktionen beteiligt.

An der Bewegung sind beispielsweise zahlreiche Aktivist_innen beteiligt, die sich positiv auf die Filmreihe „Zeitgeist“ beziehen. Diese geht auf den Filmemacher Peter Joseph und die Vision des Futuristen Jacque Fresco zurück. Die Zeitgeist-Reihe betreibt eine verschwörungsideologische Deutung der Realität. Hier wird ebenfalls eine geheime „Elite“ konstruiert, die für alles Unrecht verantwortlich gemacht wird. Der erste Teil dieser Reihe ist allerdings vor allem ein antisemitisches und geschichtsrevisionistisches Machwerk. Hier werden die USA unter anderem für den ersten und zweiten Weltkrieg verantwortlich gemacht. Hinter den USA würde eine geheime „Elite“ der „Rothschilds und Rockefellers“ stehen. Der Zeitgeist-Macher Peter Joseph trat unter anderem am 15.10.2011 im Occupy-Wallstreet-Camp auf und hielt dort eine umjubelte Rede.

Auch in Deutschland gibt es bekannte Occupy-Aktivisten, die sich auf die Zeitgeist-Filme beziehen. So zum Beispiel der Frankfurter Occupy-Aktivst Wolfram Siener. Der „Spiegel“ porträtierte ihn als„charismatische Führungsfigur“ der „Occupy-Bewegung“. Auf die Frage, durch welche Bücher und Filme er geprägt worden sei, verwies Siener auf die Zeitgeist-Reihe.

Diese Reihe war auf der Internetseite von „Occupy-Frankfurt“ nicht zu entdecken, allerdings wurde dort eine Zeit lang der antisemitische Hetzfilm „Fabian – oder gib mir die Welt plus fünf Prozent“ beworben. Dieser Film wurde unter anderem vom rechtspopulistischen und verschwörungsideologischen Kopp-Verlag produziert.

In den USA begeisterte sich wiederum Alex Jones für die „Occupy-Bewegung“. Dieser ist ein amerikanischer Radio- und Filmemacher, der verschiedene Verschwörungstheorien propagiert. Der 11. September 2001 oder die Morde des Anders Behring Breivik sind für ihn Taten, für die er amerikanische oder gar israelische Institutionen verantwortlich macht. Für ihn gibt es eine heimliche „Elite“, die er die Verantwortung für sämtliche Anschläge der vergangenen Jahrzehnte zuschreibt. Der „Elite“ ginge es darum Angst zu verbreiten, um eine „Neue Weltordnung“ zu errichten, behauptet Jones.

Mit seiner Internetseite „Infowars“ erreicht er viele Menschen, die sich für Verschwörungstheorien begeistern, um die komplexe Realität mit einfachsten Erklärungsansätzen zu begreifen. Mit der Internet-seite „Infokrieg“ verfügt „Infowars“ auch über einen deutschen Ableger, der die Theorien des Alex Jones aufgreift und an die deutschen Verhältnisse anpasst.

Jones mischte sich beispielsweise am 11.10.2011 unter die ihm zujubelnden „Occupy-Houston“ Demonstrant_innen. Dort warb er für einen Zusammenschluss zwischen Tea-Party und „Occupy-Bewegung“, was von vielen Demonstrant_innen begeistert beklatscht wurde. In beiden Bewegungen sieht er den Beginn einer zweiten amerikanischen Revolution, die sich gegen „Bankster“ und„ Globalisten“, die eine „Schattenregierung“ gebildet hätten, richten würde.

In Deutschland arbeiten Verschwörungsideologen ebenfalls an einer derartigen Querfront. Am 03.11.2011 veranstaltete der „Linksnationalist“ Jürgen Elsässer eine Podiumsdiskussion über die „Occupy-Bewegung“. Der ehemalige Junge Welt Autor fordert heute einen Zusammenschluss zwischen „Linken“, „Rechten“ und „Religiösen“, die die „Globalisten“ schlagen sollen.

An der Podiumsdiskussion beteiligte sich unter anderem Oliver Janich, der Parteivorsitzende der anti-europäischen Partei der Vernunft, in deren Parteiprogramm auch verschwörungsideologische Forderungen, wie die nach einer Neu-Untersuchung des 11. Septembers 2001, zu finden sind. Außer Janich und Elsässer saß allerdings auch Bernd Menningen auf dem Podium. Dieser ist ein Aktivist von Occupy-Berlin und fühlt sich der Gruppe „Alex11“ zugehörig, an der weitere Verschwörungsaktivisten beteiligt sind.

Diese Gruppe ist aus einem Campversuch am Alexanderplatz hervorgegangen. Vor einigen Monaten versuchten sich einige Aktivist_innen, die heute größtenteils in der Occupy-Bewegung aktiv sind, an einem Camp auf dem Alexanderplatz. Sie scheiterten allerdings an mangelnder Teilnahme und an dem Ärger mit den Behörden. Auf diesem Camp sprachen auch verschiedene Verschwörungsideologen zu den anwesenden „Empörten“.

So zum Beispiel Georg Berres, der auf den Spitznamen „Bauchi“ hört. „Bauchi“ behauptet, dass die Bundesrepublik Deutschland in Wirklichkeit lediglich eine „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“, eine GmbH, sei. Diese Verschwörungstheorie ist in weiten Teilen dieser Szene durchaus anerkannt. Außerdem warb der Verschwörungspropagandist für die Zusammenarbeit mit der rechten Szene. Man dürfe niemanden ausschließen, sagte Berres. Auch in diesem Camp wurde die verschwörungsideologische Filmreihe „Zeitgeist“ beworben.

Das hat sich bis heute nicht geändert. Zwar campieren die Demonstrant_innen nicht mehr auf dem Alexanderplatz, sondern an dem Bundespressestrand, aber die verschwörungsideologische Deutung der Realität zieht sich wie ein roter Faden durch die Aufrufe und Aktionen der Occupy-Bewegung in Berlin.

Am 11.11.2011 riefen die Aktivist_innen beispielsweise zu einem „Karneval der Empörten“ auf. „Noch sind wir die Narren“, hieß es im Aufruf. Während dieser Aktion waren „Marionettenspieler und Marionetten“ zu sehen, vielleicht wird auch dadurch deutlich, von welch einem ideologischen Weltbild die Demonstrant_innen getrieben werden.

Die Aktionen und die Theorien der „Occupy-Bewegung“ machen deutlich, dass es sich hier in keiner Weise um ein emanzipatorisches Projekt handelt. Antisemitische Theorien, Verschwörungsideologien und verkürzte Kapitalismuskritik ergeben eine äußert unschöne Melange. Dabei verfallen die Aktivist_innen einem Weltbild, das der Emanzipation des Menschen im Wege steht. Diejenigen, die damit aus guten Gründe ein Problem haben, sollten mit ihren beschränkten Mitteln intervenieren, bevor es dafür zu spät ist. Schließlich ist von der großen Gemeinschaft gegen die „1 Prozent“ keine Emanzipation, dafür aber Barbarei zu erwarten.

Für den 15.01.2011 mobilisieren die „Occupy“-Aktivist_innen zu ihren nächsten Märschen. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob noch einmal Zehntausende auf die Straße gehen werden oder ob dieses Datum das endgültige Ende dieser „Bewegung“ markieren wird.

DER ARTIKEL ERSCHIEN ERSTMALS IN DER ZEITUNG DES ASTAS DER UNIVERSITÄT FRANKFURT.

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