Aufmarsch gegen die USA

Am 10. September 2011 versammelten sich mehrere hundert Menschen in Karlsruhe, um für „die Opfer und die Wahrheit“ auf die Straße zu gehen. Es handelte sich um eine Aktion von organisierten „Truthern“ und „Infokriegern“, die die historischen Ereignisse des 11. Septembers 2001 umdeuten.

Die terroristischen Anschläge seien nicht durch fanatische Mitglieder al-Qaidas ausgeführt worden, sondern in Wirklichkeit das Werk einer Verschwörung gewesen. Diese Verschwörung wird wahlweise der amerikanischen Regierung oder gar dem israelische Geheimdienst Mossad angelastet, die für den „Inside Job“ verantwortlich gemacht werden.

Am 10. September 2011 war die Verschwörungsszene in Karlsruhe unterwegs und stellten ihre wachsende Handlungsfähigkeit unter Beweis. Zwischen vier- und fünfhundert Menschen beteiligten sich an dem Aufmarsch. Für diese Manifestation des deutschen Irrationalismus hatte die Verschwörungsszene seit Monaten mobilisiert. Es gab verschiedene Videos, mit denen Organisatoren und Teilnehmer – wie die „Die Bandbreite“ – für den Aufmarsch warben. Mobilisiert wurde über den esoterischen und verschwörungstheoretischen Kopp-Verlag. Eva Herman bewarb den Aufmarsch in den Kopp-Nachrichten.

Die Demonstration war bereits am Montag, den 24. Februar 2011 angemeldet worden. Organisiert wurde sie von einem „Stammtisch“ aus Karlsruhe, der sich an den Internetseiten „The Real Stories“ und „Alles Schall und Rauch“ orientiert. In diesem „Stammtisch“ sind deutsche Kleinbürger organisiert, die eine organisatorische Vernetzung des verschwörungstheoretischen Milieus betreiben. Auf der Demonstration in Karlsruhe kam die Verschwörungsszene zusammen, um ihre krude Version der „Wahrheit“ zu bewerben.

Auf Plakaten war von einer „kontrollierten Sprengung“ die Rede. Die Verschwörungsfans behaupten, dass die World-Trade-Center durch eine Sprengung zerstört wurden, was den „Inside Job“ darstellt, von dem die Anhänger dieser Verschwörungstheorie halluzinieren. „9/11 was an Inside Job“, hieß es auf einem Transparent. Auf Plakaten wurden 49 tote Bundeswehrsoldaten erwähnt, die „für die Lüge von den 19 Teppichmesser-Terroristen“ gestorben seien. „US-Terror weltweit“, hieß es auf einem anderen Plakat, das den Lautsprecherwagen zierte.

Hier wurde nicht den dreitausend Menschen gedacht, die am 11. September 2001 aufgrund der Angriffe durch al-Quida starben. Die Zahl der Opfer wurde dreist nach unten korrigiert. Außerdem wurden sie zu Opfern eines „US-Terrors“ gemacht, der auch die Toten in Afghanistan und dem Irak umfassen würde. Der Anchorman sagte:

Wir gedenken den 2000 Opfern in New York und den Millionen Opfern der illegalen Angriffskriege in Afghanistan und Irak.

Der Redner appellierte auch an die Gefühle der Deutschen: „Es kann nicht sein, dass gerade wir als Deutsche an zwei illegalen Angriffskriegen beteiligt“ sind, jammerte der Anchorman: „Unsere deutschen Soldaten sterben für diese Lüge“, brüllte er.

An dem Aufmarsch beteiligten sich Mitglieder der sogenannten „Anti Genozid Bewegung“, einer Vorfeldorganisation der Sekte „Organische Christus-Generation“ des Ivo Sasek. Diese sieht in der Anwendung von RFID-Transpondern die Anzeichen eines bevorstehenden Massenmordes an Christen.

Andere Teilnehmer_innen des Aufmarsches gaben einen Einblick in ihr anti-amerikanisches Weltbild:

Das war inszeniert, Amerika hat schon immer seine Krieg erlogen. (…) Die haben das Ziel die ganze Welt zu terrorisieren.

So sprach ein Teilnehmer in eine Kamera. Es geht eben nicht nur um den 11. September 2001, sondern um ein Weltbild, das in den USA alles Böse verortet und diese für alle Kriege und den weltweiten Terrorismus verantwortlich macht.

Der Aufmarsch dieser Verschwörungsfans, deren Triebkraft ein unbändiger Hass auf die Vereinigten Staaten von Amerika darstellt, wurde nicht nur vom Südwestrundfunk (SWR) gefilmt, die einen mehr als unkritischen Bericht fabrizierten. Berichte gibt es von einer „Chemtrail-Petition“-Seite, auf der die Behauptung aufgestellt wird, dass es angebliche „Chemtrails“ gäbe, die aus Flugzeugen versprüht werden, um die Menschen zu vergiften.

Auch über Karlsruhe seien „ChemTrails in kleiner Dosierung und das über den ganzen Tag hinweg versprüht“ worden, behaupten die „Chemtrail“-Ideologen. Außerdem gibt es einen Video-Bericht von „Infokrieger-News“. Der Verantwortliche dieser Internetseite, der „Infokrieger“ Jens Blecker hielt auf einer Zwischenkundgebung eine Rede. Im Nachhinein erfreut sich Blecker an dem Umstand, dass der Aufmarsch „sauber und ruhig“ ablief.

Als weiterer Redner war Christoph Hörstel eingeladen worden, der mit seiner Kleinst-Organisation „Neue Mitte“ in der Vergangenheit unter anderem Aufmärsche gegen Israel veranstaltete. In der Gründung dieses Staates sieht Hörstel einen „blutigen Akt kolonial Ungerechtigkeit“. Israel sei ein „rassistischer unterdrückerischer Staat“, gegen den die palästinensischen Organisationen ein „Recht auf Gegenwehr“ ausüben würden.

Die FAZ bezeichnet Hörstel als „umtriebigen Lobbyisten“ der Taliban in Deutschland. Außerdem betätigt sich Hörstel als Propagandist des iranischen Regimes. Der deutsche Jubelperser trat beispielsweise auf einer Veranstaltung mit dem iranischen Botschafter, dem Schlächter Ali Reza Scheikh Attar, in Hamburg auf.

Christoph Hörstels Rede in Karlsruhe richtete sich gegen die „NATO-Regierung“, einer „Verbrecherbande mit angeschlossenen Propagandaapparat“, die einen „Massenmord“ verübt hätte. Er zog eine historische Linie, bei der er allerhand historische Ereignisse benutzte, um das Bild einer riesigen US-Verschwörung zu propagieren. Dabei berief sich Hörstel auch auf „unsere Freunde von Rechts“, denen er zustimmte:

Seit 1898 wird gelogen. Da kommen unsere Freunde von Rechts, die mit den seltsamen Stiefeln und den kurzen Haaren und weisen auf 1916 hin, auf dieses Schiff namens Lusitania. Ihr Lieben! Recht habt ihr! Das war auch eine gezinkte Sauerei!

Nach dieser Werbung für die Lusitania-Verschwörungstheorie übersprang Hörstel allerdings einige Jahrzehnte, er wolle nicht „auf die ganzen Lügen“ eingehen.

Doch aus so wurde deutlich, dass Hörstel ein Jahrhundert der Verschwörungen entwirft, für das er die USA verantwortlich macht. In der Konsequenz fordert Hörstel ein Neubewertung dieses Jahrhunderts ein und betreibt damit einen Geschichtsrevisionismus, der darauf hinausläuft, sämtliche Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts verschwörungstheoretisch zu verklären.

Musikalisch wurde der Aufmarsch von der Band „Die Bandbreite“ und von dem Rapper „Kilez More“ begleitet. Diese traten nicht nur auf der Demonstration auf, sondern ihre Lieder erschallten in Rotation aus dem Lautsprecherwagen. Hier wurde „Was ist los in diesem Land“ gespielt. In diesem Lied der Band „Die Bandbreite“ wird gegen „verhurte Politiker“, „Dekadenz“ und „Bonzen“ angesungen. Das Video zum Lied zeigt eine Fla­sche Zy­klon B , wäh­rend der Sän­ger von einem „Völ­ker­mord“ in Af­gha­nis­tan singt. Auf diese Art und Weise wird die Ver­nich­tung der Jü­din­nen und Juden re­la­ti­viert und mit dem Vor­ge­hen der NATO auf eine Stufe ge­setzt.

Außerdem gab die Band das Lied „Selbst Gemacht“ zum Besten. Mit dem Lied zieht die Band eine verschwörungsideologische Kontinuität vom Angriff auf Pearl Harbour, bei dem die USA angeblich „eigene Leute geopfert“ hätten, bis zu den Anschlägen auf das World Trade Center. Dieser Anschlag sei ebenfalls „Selbst Gemacht“ gewesen. Die angeblichen Täter hätten „dabei an das Geld gedacht“.

Die Demonstration endete mit diesen musikalischen Beiträgen. Im Anschluss an den Aufmarsch war eine After-Show-Party im Restaurant „Walhalla“ angekündigt, in dem der organisierende „Stammtisch“ auch ansonsten zusammenkommt.

Der Aufmarsch stellte einen geistigen Abgrund dar, dem sich die deutsche Verschwörungsszene ergeben hat. Hier kamen Verschwörungsfans, Chemtrail-Ideologen und Sekten-Mitglieder zusammen, um gegen die USA zu hetzen. Hier wurde an deutsche Gefühle appelliert, hier wurden die USA zu den eigentlichen Terroristen gemacht. Hier wurde ein Jahrhundert der Verschwörungen propagiert, mit dem auch Kriege wie der zweite Weltkrieg umgedeutet werden können.

Es ist eine revisionistische und deutsche Anklage gegen die USA, die von den Verschwörungsfans formuliert wird. Der Aufmarsch dieser deutschen Verschwörungsfans soll im nächsten Jahr erneut stattfinden. Dann dürften wiederum hunderte Verschwörungsfans zusammenkommen, um gemeinsam gegen die USA zu marschieren.

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