Volkstanz gegen Pop und Pornos

Die “Rote Garde” entwickelte als Jugendverband der “Kommunistischen Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten” (KPD/ML) besondere Formen der Kulturarbeit, mit der ein “Kampf gegen die ideologische Beeinflussung und Vergiftung der Jugend” angegangen werden sollte. Auf dem “1. Ordentlichen Kongress der Roten Garde”, der zwischen dem 13. und 15. Mai 1978 mit einem “Massenzeltlager” und einer “Großveranstaltung” begangen wurde, forderten Vorsitzende eine politische Praxis, die aus der Diffamierung damaliger Popkultur erwuchs.

Im Grundsatzreferat, das dank der Arbeit des Mao-Projektes erneut der Öffentlichkeit vorliegt, wurde eine Konspiration konstruiert, die die jugendlichen Prolet_innen mit perfiden Methoden verführen würde. Ein “Apparat der Massenbeeinflussung würde gegen die Jugend” eingesetzt werden, warnte der Redner, der “Alkoholismus, Pornografie und Ausschweifungen aller Art” unter lohnabhängigen Jugendlichen beklagte. Der “1. Vorsitzende” beschwerte sich über angebliche “Dauerberieselung in Musik, Tanz und Unterhaltung”, die er als “Sumpfblüten der Unkultur” bezeichnete.

Der Jugendverband bezog sich in seinem Hass auf mehrere Vordenker. Neben dem Parteivorsitzenden der eigenen K-Gruppe, Ernst Aust, begeisterten sich die Kader_innen für den albanischen Stalinisten Enver Hoxha, der in seinen Schriften vor der “Verführung zu Alkoholismus, Narkotismus, Sexualismus” warnte. In diesem Geiste positionierte sich auch die Jugendgruppe. Im Grundsatzreferat fürchtete der Vorsitzende einen “dekadenten Pop- und Porno-Rummel”, dem sich Mitglieder nicht hingeben sollten.

Statt “Rock”, “Pop” und anderer Produkte der Kulturindustrie, die im Grundsatzreferat angegangen wurden, versuchten sich die “Roten Garden”  an eigenen und überaus deutschen Praktiken, die die “Arbeiterjugend” begeistern sollten. Im Grundsatzreferat ist von “Tanz- und Unterhaltungsabenden” die Rede, die “Geländespiele” und andere Formen körperlicher Verausgabung begleiten sollen. Dabei warnte der Vorsitzende vor “Überspitzungen”. Manche Kader_innen würden, bei Gründung der geforderten “Volkstanzgruppen”, vor “lauter ‘Pflege des deutschen Volksguts'” den “Spaß an Tanz” und “Bewegung” vergessen, hält das Grundsatzreferat fest.

Kader_innen bei der Pflege deutschen Liedguts (1978)

Es sei “möglich, auf einem Tanzabend auch ab und zu ein Lied von den ‘Beatles’ oder ähnliches zu spielen”, erlaubte der Vorsitzende der “Roten Garden”. Eine Ausnahmeregelung, die die empfohlene “Volksmusik” und “Volkslieder” ergänzen sollte. Noch wichtiger schien allerdings die “paramilitärische Ausbildung”, die als “Bestandteil” für den “Sieg im” angestrebten “Volkskrieg” definiert wurde. Den Kampf für ein “gemeinsames Ziel”, forderte der Vorsitzende:

“Ein Deutschland, das dem deutschen Volk gehört. In dem sich keine amerikanischen oder russische Besatzer mehr breitmachen. (…) Ein Deutschland, das durch keine Macht der Welt mehr daran gehindert werden kann (…), sich (…) wiederzuvereinigen.”

Jubelstürme erwartete damals der Parteivorsitzende Ernst Aust, der “völlig unerwartet” auf der “Großveranstaltung” zum Treffen des Jugendverbandes auftrat, was für lange Beifallsbekundungen gesorgt haben soll. Ideologische Grundlagen legte der Vorsitzende, um den sich über Jahrzehnte ein bizarrer Personenkult entfaltete, bereits in vorherigen Jahren. Auf einem “Jugendkongress” der “Roten Garden”, der 1975 stattfand, widmete sich Aust dem angeblichen “Gift der bürgerlichen Dekadenz”. Indem er ein drastisches Beispiel suchte, wandte sich der Vorsitzende gegen lange Haare:

“Aber man muss sich doch den Jugendlichen anpassen, sagen manche, wenn ich mir die Haare kürze, isoliere ich mich von ihnen. Das heißt doch nichts anderes als zu sagen: Wenn ich Jugendliche aus einer Haschkommune gewinnen will, muss ich selber haschen.”

Während Aust Hasch und Pornos fürchtete, träumte der Stalinist von Sex im Wald: “Die Liebe spielt in diesem Alter eine große Rolle. Lernt Euch kennen! Auch ich bin als junger Kommunist mit meinem Mädchen nicht in den Wald gegangen, um (…) zu diskutieren”. Solche Fantasien wurden durch ein praktisches Programm ergänzt, das Jugendliche begeistern sollte: “Volkslieder”, “Volkstänze” sowie “Walzer, Foxtrott und Tango” wurden unter anderem durch den Vorsitzenden der “KPD/ML” empfohlen.

Teilnehmer_innen beim Volkstanz (1978)

Die Praxis aus “Volksmusik” und “Volkstänzen” passte zu den nationalistischen Phrasen von Partei und Jugendverband, die sich schon 1973 mit einer Erklärung positionierten, in der die Förderung des “Nationalbewußtseins”, des “Nationalgefühls” und des “wahren deutschen Patriotismus” eingefordert wurde. Ernst Aust inszenierte sich derweil als Partei-Prolet, der mit der Phraseologie des linksdeutschen Irrationalismus arbeitete. Sein nationaler Hass auf die Vereinigten Staaten fand in der “Liebe zur Heimat” seine Ergänzung. Die Jugend müsse “im Geiste des Patriotismus” erzogen werden, forderte Aust. Mit Lenin berief er sich auf “Vaterlandsliebe, Liebe und und Hingabe um die Heimat”.

So wurde die Geschichte des linken Nationalismus um bizarre Positionierungen bereichert, die nicht in Vergessenheit geraten sollten. Schließlich beziehen sich anachronistische Teile der Linken weiterhin auf Konstrukte wie “Volk” und “Vaterland”. Anderen dienten die Phrasen des deutschen Maoismus als völkische Einstiegsdroge. So schrieb ein Anhänger, der Nationalsozialist Thomas Brehl, über seinen “Chef, (…) der seine politische Heimat” zunächst “bei der damals bereits nationalkommunistischen KPD/ML fand”. Gemeint ist Michael Kühnen, der neben Christian Worch eine der zentralen Figuren des aufstreben Neo-Nationalsozialismus war.

Es gibt ähnliche Karrieren: Michael Koth, langjähriger Funktionär der “Sozialistischen Einheitspartei Westberlin” (SEW) und späterer Vorsitzender der “KPD/ML” in der geteilten Stadt, ging mit anderen Mitgliedern der Splittergruppe zur “Kommunistischen Partei Deutschlands” (Ost), die sich bis in die Gegenwart einer verschwörungsideologischen Phraseologie verschrieben hat. Später diente Koth als Kader des nazistischen Kampfbunds deutscher Sozialisten (KDS), der sich im Stil an den Sturmabteilungen orientierte.

Heute ist der Querfrontler Vorsitzender einer Splittergruppe, die sich “Antiimperialistische Plattform Deutschlands” nennt. Der ideologische Leuchtturm dieser Gruppe ist das Regime in Nordkorea. Zwar sind manche Vorstellungen des Kaders einer nazistischen Konstruktion der Welt gewichen, allerdings bleibt ein Wesenskern erhalten. Anti-Amerikanismus ist die historische Konstante, die sich weiterhin im Hass auf den Westen entlädt. Die ferne Vergangenheit, in der Kader des deutschen Maoismus gegen die Vereinigten Staaten hetzten, ist sehr nahe, wenn Michael Koth heute über den “US-Imperalismus und seine Vasallen” spricht.

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