Legende vom Vorwissen

Die Autoren, die sich mit dem 11. September 2001 befassen und dabei den ein oder anderen Mythos vom „Inside Job” in die Welt posaunen, machen es sich einfach. Da werden verkürzte, verfälschte und gefälschte Zitaten genutzt, um den Mythos von der Verschwörung zu spinnen, die für alles — und eben auch für islamfaschistischen Anschläge des 11. September 2001 — verantwortlich sein soll.

Da werden aber auch amerikanische Filme und Serien mit einer manischen Pedanterie nach angeblichen Beweisen durchsucht, mit denen man davon überzeugen will, dass in Wirklichkeit eine mysteriöse Verschwörung für die Anschläge verantwortlich wäre. Dieser angeblichen Verschwörung wird eine ungeheuere Macht nachgesagt.

Sie kontrollieren, so behauptet es der Verschwörungsautor, sogar die Filmindustrie und das Fernsehen. Schließlich habe die angeblichen Konspirateure — Jahre vor dem 11. September 2001 — in verschiedensten Filmen und Serien Hinweise hinterlassen. Die Verschwörungsideologen, die im Gewand des allwissenden Aufklärers auftreten, weisen in ihren Büchern auf diese angeblichen Hinweise hin, die sie entdeckt haben wollen.

Der verschwörungsideologische Autor Gerhard Wisnewski, dessen Bücher im bekannten und renommierten Knaur-Verlag erscheinen, schreibt zum Beispiel in seinem neuesten Buch über über einige Filme, die er mit den Ereignissen in Verbindung bringt.

Wisnewski beschäftigt sich dort unter anderem mit dem Science Fiction Film „Independence Day”, der eine Alien-Invasion zeigt. Der Film stammt aus dem Jahr 1996 und zeigt in bombastischen Bildern, wie die großen Städte der Welt durch riesige Raumschiffe, die einen gigantischen Laserstrahl einsetzen, vollkommen zerstört werden. Dabei ist auch zu sehen, wie New York durch Feuerbälle und gigantische Explosionen vernichtet wird.

Für Gerhard Wisnewski sind diese Szenen ein Hinweis, weil „man” angeblich „genau die gleichen Rauchwolken durch die Straßenschluchten wabern“sieht, „wie später am 11. September 2001“. Wisnewski ist daher überzeugt: Für ihn sind die Ereignisse des 11. September 2001 „in Teilen ein Remake von Independence Day“.

Mit dieser Behauptung kann Wisnewski an eine Legende anknüpfen, die von verschiedenen Verschwörungsideologen verbreitet wird, die dabei auch auf andere Filmen und Serien zurückgreifen. Es handelt sich um die Legende vom Vorwissen, die nicht nur mit diesem Film belegt werden soll.

Einige Verschwörungsgläubige glauben zum Beispiel, dass in dem Film „Super Mario Brothers”, der aus dem Jahr 1993 stammt, der 11. September 2001 vorhergesagt wurde, weil dort zu sehen ist, wie sich das World Trade Center in ein Gebäude des Bösewichts verwandelt. Nun kursiert ein kurzer Filmschnippsel, mit dem die Behauptung belegt werden soll, dass die Anschläge vorausgeahnt worden seien.

Manche Verschwörungsgläubige verweisen wiederum auf das Akte X Spin Off „Die einsamen Schützen”. Der Pilotfilm dieser kurzlebigen Serie zeigte vor den Anschlägen des 11. September auch einen Plan, mit dem ein Flugzeug ins World Trade Center gesteuert werden soll.

Andere Verschwörungsgläubige sind in der Fernsehserie „Die Simpsons” fündig geworden. In der Folge „Homer in New York”, die aus dem Jahr 1997 stammt, ist eine Werbeanzeige zu sehen, mit der die Gläubigen die Mythen zum 11. September 2001 belegen wollen. Die Anzeige eines Busunternehmens zeigt nämlich eine 9, im Hintergrund sind die Zwillingstürme zu sehen. Für einige Verschwörungsgläubige ist mit dieser durchaus beliebten Numerologie der letztendliche Beweis erbracht, das die Produzenten der Fernsehserie „lange im Vorraus über die angeblichjen Terroranschläge vom 11.09.2001 bescheid wussten”.

Auf diese Weise wird die Legende vom Vorwissen gesponnen. Mit plumper Numerologie, verfälschten Deutungen und der ein oder anderen Serie soll das Konstrukt der gigantischen Verschwörung untermauert werden, an der sogar der Simpsons Produzent Matt Groening, der Akte X-Macher Chris Carter und der Independence Day Regisseur Roland Emmerich beteiligt sein könnte. Die Märchenerzähler zum 11. September werden sicherlich noch weitere Filme und Fernsehserien entdecken, mit denen sie ihre Mythen belegen wollen. Schließlich werden auch in anderen Filmen Gebäude und Städte zerstört.

Letztendlich werden hier Gedanken aufgegriffen, die bereits für vorherigen Weltverschwörungsideen konstitutiv waren. In den Werken der Verschwörungsindustrie wurde bereits Anfang des letzten Jahrhunderts behauptet, dass die angebliche Verschwörung die Medien kontrollieren würden und ganze Städte in die Lufts sprengen könne. Die heutigen Autoren, die die Ereignisse des 11. September benutzen,  scheinen an diesen Wahn anzuknüpfen.

In ihrem Konstrukt werden die großen Medien ebenfalls durch die übermächtige Verschwörung dominiert, die sogar so dreist ist, Jahre vor den Anschlägen bestimmte Hinweise in harmlosen Spielfilmen und Serien zu hinterlassen, bevor sie zur Sprengung schritt. Letztendlich knüpfen also auch heutige Verschwörungsideologen an die Wahnideen an, die bereits von ihren geistigen Ahnen beworben wurden.

DIE GERHARD WISNEWSKI ZITATE STAMMEN AUS FOLGENDEM BUCH: OPERATION 9/11– DER WAHRHEIT AUF DER SPUR. KNAUR TASCHEBUCH VERLAG. MÜNCHEN, 2011. SEITE 227 FF.

Untergangsmythen

Am 14. April 1912 streifte das zum damaligen Zeitpunkt größte Passagierschiff der Welt einen Eisberg und versank im Atlantik. Etwa 1500 Menschen fanden den Tod. Schnell wurde der die Titanic zum Handlungsort zahlreicher Spielfilme und Romane.

Bereits im Jahr des Untergangs entstand der Stummfilm „Saved from Titanic“, in dem Dorothy Gibson, die den Untergang überlebt hatte, die Hauptrolle übernahm. In den Jahrzehnten nach dem Untergang erschienen Spielfilme, Dokumentationen, Sachbücher und Sensationsromane.

Einiges wurde hundertjährigen Jubiläum erneut auf den Markt gebrach. Noch einmal durfte sich Jack Dawson in James Camerons Kinofilm zum „König der Welt“ machen. Noch einmal versank die Titanic in diesem romantischen Kitschspektakel in den eisigen Fluten. Wer noch nicht genug hat kann die zahlreichen Ausstellungen begutachten, Dokumentationen auf N24 anschauen, Computerspiele spielen und Bücher verschlingen, die sich mit dem Untergang des Schiffes befassen und in denen oftmals an die Herzen gehenden Geschichten verbreitet werden.

Die Katastrophe ist aber auch eine Grundlage für verschiedene Mythen, die bereits kurz nach dem Untergang verbreitet wurden und die zum hundertjährigen Jubiläum eine Renaissance erleben dürfen. Bereits kurz nach dem Unglück wollte der ehemalige Seemann Peter Pryal den Kapitän der Titanic, Edward John Smith, gleich zweimal auf den Straßen Baltimores entdeckt haben, obwohl er doch mit dem Ozeanriesen untergegangen war.

Zur Freude der Klatschpresse stellte Pryal auf diese Weise den Tod auf der Titanic in Frage. Die damaligen Revolverblätter verbreiteten dieses Märchen nur zu gerne. Sie betrieben einen Scheckbuchjournalismus und kauften die kruden Geschichten von vermeintlichen Zeugen ein, die für ihre Behauptungen gut bezahlt wurden. Wenn keine Zeugen aufzutreiben waren, wurden einfach Geschichten erfunden. So verbreiteten sich Mythen und Märchen, die bis heute bekannt sind.

Der deutsche Doktor Friedrich Carl Quitzrau, der auf dem Schiff Mount Temple nach Kanada reiste, behauptete zum Beispiel, dass dieses Schiff der Titanic nicht zu Hilfe geeilt sei und stattdessen mit abgedunkelten Lichtern das Sterben beobachtet hätte. Die zeitgenössische Presse griff diese Behauptungen auf und Quitzrau hatte seinen kurzweiligen Zeitungsruhm.

Ernest Gill, ein Seemann von der Californian, verkaufte sich wiederum an die Bostoner Presse und behauptete, man habe von diesem Schiff den Untergang der Titanic beobachtet, ohne zu Hilfe zu eilen. Für etwas mehr als eine handvoll Dollar und ein wenig Ruhm schienen diese vermeintlichen Zeugen zu jeder Behauptung bereit zu sein. Hinzu kamen Falschmeldungen über unglaubliche Reichtümer und über angebliche Geschwindigkeitsrekorde, die durch verschiedene Presseagenturen verbreitet wurden und in die damaligen Spielfilme zum Untergang einflossen, mit denen auch antisemitische, anti-amerikanische und anti-britische Propaganda betrieben wurde.

In dem nationalsozialistischen Propagandafilm „Titanic“, der im Jahr 1943 gedreht wurde, wird der Untergang auf das Wirken der „Börsenspekulanten“ zurückgeführt, die die Titanic in ein Eismeer rasen lassen. „Das Geld ist der einzige Wert, an den ich glaube“, sagt der amerikanische Industrielle John Jacob Astor dort. Der Film, der auf einen vor, während und nach dem  Nationalsozialismus populären Sensationsroman des Autoren Josef Pelz von Felinau zurückgeht, sah sich derweil als „ewige Anklage gegen Englands Gewinnsucht“.

In diesem Machwerk agierte der deutsche Held Petersen gegen die angebliche „Weltordnung“ der„Spekulanten“. Der Nazi-Film, für den die Deutschen nach Kriegsende anstanden, verbreite einige Mythen, die sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen: So wird dort zum Beispiel die Behauptung aufgestellt, dass die Titanic die schnellstmögliche Überquerung des Atlantiks zum Ziel gehabt hätte, um das imaginäre „Blaue Band“ zu gewinnen. Dabei war das schon aus technischen Gründen nicht möglich. Die Titanic hätte niemals die Geschwindigkeit erreichen können, die dafür notwendig gewesen wäre.

Später gingen allerlei verschwörungsideologische Goldgräber mit ihren Mythen über die Titanic hausieren und bezeugten bevorzugt Geschichten, die der Vater oder der Großvater von einem mittlerweile verstorbenen Zeitzeugen erfahren haben sollte. So erlangte William Diebel seine zwei Minuten Fernsehruhm. Er munkelte im September 1987 in der Fernsehsendung „Return of the Titanic“, die von Telly „Kojak“ Savalas moderiert wurde, von einer Geschichte, die seinem Vater im ersten Weltkrieg zu Ohren gekommen war: „Er behauptete, dass die Titanic in Wirklichkeit nie einen Eisberg gerammt hat. In Wirklichkeit sank sie aufgrund einer Explosion“.

Verschwörungsideologen konstruieren mit derartigen Märchen nun den Mythos eines gigantischen Versicherungsbetrugs, der gerne auch mit gewaltigen Explosionen und einem angeblich nicht vorhandenen Eisberg angereichert wird. Für viele Verschwörungsgläubige ist die echte Titanic niemals untergegangen. Stattdessen wurde sie durch ihr Schwesterschiff, die beschädigte Olympic, ausgetauscht und versenkt. Der gigantische Versicherungsbetrug wird zumeist einer Person angelastet, der Besitzer des Firmen-Konglomerats war, das die Titanic produzierte.

Es handelt sich um den amerikanischen Bankier J.P. Morgan, der in seiner Zeit nicht nur hohe Profite realisierte, sondern auch zum bevorzugten Hassobjekt verschiedener Anti-Amerikaner avancierte, die sich über dessen Knollennase belustigten und ihm eine Allmacht nachsagten, die dieser in der Realität nie besaß. Eigentlich wollte Morgan mit der Titanic reisen, hatte diese Reise jedoch abgesagt und vergnügte sich lieber im französischen Aix-les-Bains mit seiner Geliebten. Für Verschwörungsgläubige ist dieses belanglose Ereignis ein Hinweis darauf, dass Morgan aus guten Gründen auf die Reise verzichtet hätte. Schließlich sei er an der angeblichen „Verschwörung“ beteiligt gewesen, der die Titanic zum Opfer fiel.

Derartige Mythen wurden durch Robin Gardiner und Dan van der Vat popularisiert, die mit ihren Büchern die „Geschichte eines gigantischen Versicherungsbetrugs“. erzählen wollten. Das Buch über die angebliche „Titanic-Verschwörung“ erschien 1996 im renommierten Goldmann-Verlag. Hier verbreiteten Gardiner und Van der Vat ihre „Verschwörungstheorie“, in dem sie allerlei Mythen mit technischen Details, Gesellschaftstratsch und historischen Fakten vermischten. Hinzu kamen die typischen Suggestivfragen, mit denen – wie so oft – die Existenz einer Verschwörung nahe gelegt wird. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die Titanic in Wirklichkeit die beschädigte Olympic gewesen sein könnte. Die Eigner der Schiffe hätten einen „Austausch“ vorgenommen und die falsche Titanic  – mehr oder weniger bewusst – untergehen lassen.

Mit dieser Idee konnte auch ein anti-amerikanisches Ressentiment bedient werden. In den Büchern dieser Verschwörungsideologen wird der amerikanische Bankier Morgan als übermächtiger,„ausländischer Raubritter“ und „Hai“ gezeichnet, der seine angeblich „unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten“ eingesetzt hätte, um „Macht und Profit zu erlangen“. So bleiben die Fakten auf der Strecke. Zwar schildern Gardiner und van der Vat recht akkurat den Untergang und die daran anschließenden Untersuchungen, müssen aber verständlicherweise jeden Beweis für den vermeintlichen Versicherungsbetrug schuldig bleiben und sich auf Gerüchte über J.P. Morgan beschränken. Es bleibt bei Suggestivfragen und Mutmaßungen, mit denen die beiden Autoren jedoch ihren Teil dazu beigetragen haben, dass dieser Verschwörungsmythos über die Titanic bekannt wurde.

Verschiedene Verschwörungsideologen haben sich nach dieser Lektüre ausführlicher mit der Katastrophe befasst und die Werke ihrer Vorgänger benutzt, um ähnliche oder sogar noch waghalsigere Verschwörungsmythen zu propagieren. In diesem Jahr veröffentlichte beispielsweise Gerhard Wisnewski sein Buch über die angebliche Verschwörung, der er ein „Attentat“ auf die Titanic nachsagt. So gebührt ihm der zweifelhafte Verdienst, die Verschwörungsmythen seiner Vorgänger radikalisiert zu haben.

In seinem Buch beruft sich Wisnewski immer wieder auf seine geistigen Vorgänger, die in seinem Buch zu „Titanic-Experten“ mutieren. Der deutsche Verschwörungsideologe, der in diesem Jahr zur Privataudienz mit dem iranischen Holocaustleugner und Antisemiten Ahmadinedschad reiste, bietet gleich mehrere Erklärungsansätze, mit denen er den Untergang des Dampfers verklärt.

Doch zunächst beschäftigt Wisnewski sich mit seinem „liebsten Propagadafilm“. Gemeint ist die berühmte Titanic Verfilmung des John Cameron, der ihn und andere zum „Opfer einer ausgeklügelten Propagandaaktion“ gemacht hätte. Rose, deren fiktive Geschichte im Spielfilm zum Leben erweckt wird, sei „mit dem Nimbus einer Holocaustüberlebenden ausgestattet“, behauptet Wisnewski. Nun versucht Wisnewski den Beweis zu erbringen, dass dieser Spielkitschfilm nicht unbedingt auf historischen Fakten beruht. So möchte Wisnewski den Zweifel am Untergangshergang wecken. Auf eine ähnliche Weise nutzt er die Aquarelle des Künstlers Ken Marschall, auf denen er Beweise für seine wahnwitzigen Verschwörungsideen gefunden haben möchte.

Schnell ist eine erste Erklärung ausgebreitet, die noch schneller durch eine weitere Erklärung ersetzt wird. In Wirklichkeit sei die Titanic im Rahmen eines „verdeckten Krieges“ zwischen England und den USA versenkt worden. Letztendlich geht es aber um einen noch perfideren Plan, bei dem mittels „Bombe im Bauch“eine „Explosion“ verübt wird, um die Titanic, die eigentlich die Olympic ist, „planmäßig absaufen“ zu lassen.

Dafür wurde die falsche Titanic durch einen „irren Kapitän“ in ein „Mienenfeld“ aus Eis gesteuert,  um die passende „Kulisse“ für das „’Massaker’ unter Amerikas reichsten Männern“ zu erzeugen. Währenddessen werden „die Passagiere bei einem fröhlichen Besäufnis abgefüllt“. Danach habe eine „schaurige Selektion” stattgefunden. Natürlich hat die „bewaffnete Bande“, mit Kapitän Smith als Anführer, in Wirklichkeit überlebt. Das ist die Kurzfassung des Märchens, das einem von Gerhard Wisnewski, auf mehr als 400 qualvoll zu lesenden Seiten, aufgetischt wird.

Dabei identifiziert Wisnewski auch Verantwortliche. Er präsentiert den üblichen Bösewicht, der jedoch nur einen Oberbösewicht repräsentiert. Wie so oft in der einschlägigen Verschwörungsliteratur, wird der Industrielle Morgan als „grausamer, angriffslustiger Finanzmann“ gezeichnet, der „Geld aus dem Nichts schaffen“ konnte, für die damaligen kapitalistischen Krisen verantwortlich gemacht wird und „jeden Knochen bis auf die Knochenhaut“ abnagt.

Mit seiner Version des Morgan-Mythos überschreitet Wisnewski, der mit seinen Machwerken bereits possierliche Mythen über den Unfalltod von Jörg Haider, die islamofaschistischen Angriffe des 11. September 2001 und die Mondlandung verbreitete, allerdings noch eine weitere Grenze. Schließlich möchte Wisnewski einen Hintermann ausgemacht haben, den er verantwortlich macht. Wisnewski kolportiert die Behauptung, dass Morgan nur der „US-Statthalter der Rothschilds gewesen“ sei und beruft sich in diesem Kontext auf den fanatischen Antisemiten Eustace Mullins, der Jüdinnen und Juden in schlimmster NS-Tradition als „Parasiten“ bezeichnete.

Um das Märchen vom „Attentat“ glaubwürdig erscheinen zu lassen, macht Wisnewski die Überlebenden unglaubwürdig, die von diesem angeblichen „Attentat“ nichts mitbekommen haben. Der eine Überlebende hätte an „selektiver Demenz“ gelitten, der andere sei betrunken gewesen, wieder andere hätten eventuell „Anweisungen“ bekommen. Sie hätten gelogen, sich „wie ertappte Verbrecher“ verhalten oder heißen Rosenbaum. Viele Erinnerungen von Überlebenden könne man „getrost ins Reich der Phantasie verweisen“, behauptet Wisnewski, der die Überlebenden unglaubwürdig machen muss, weil ihre Erinnerungen oftmals seinem Verschwörungskonstrukt vom „Attentat“ widersprechen.

Dafür werden die Märchen und die Geschichten, mit dem der ein oder andere Zeitgenosse nach dem Untergang der Titanic ein kleines bisschen Bekanntheit erlangen wollte, in aller Ausführlichkeit präsentiert. Außerdem dürfen die Märchenerzähler noch einmal eine Wiederauferstehung erleben. Ihre Geschichten, die sie vom Vater oder Großvater erfahren haben wollten, wurden bereits in Gardiners Buch und in den anderen Machwerken der Verschwörungsindustrie recycelt. Nun bedient sich Wisnewski, um den Mythos vom „Attentat” zu spinnen. Zusätzlich pickt Wisnewski ganz selektiv einige wenige Fakten heraus, die seinen Verklärungsansatz dienlich sind. Doch grundsätzlich werden diese Verschwörungsmythen zum Untergang der „Titanic“ durch die seriöse Forschung widerlegt.

Es ist der irrationale Glaube an die angebliche Weltverschwörung, der die Verschwörungsfans, die sich auf den Spuren ihrer Vorfahren bewegen, auch im Falle der Titanic begeistert. Der Untergang der Titanic ist, wie die Angriffe des 11. September 2001, nur ein Anlass, mit dem der Glaube an die Weltverschwörung belegt werden soll. Die Verschwörungsbücher zum Untergang können ein Baustein für die Verschwörungskonstrukte sein.

Daher werden weitere Filme und Bücher über den angeblichen Versicherungsbetrug oder das vermeintliche Attentat auf die Titanic produziert werden. In diesen Machwerken wird sich jedoch nur der Wahn offenbaren, der die alten Mythen aufs Neue reproduziert, um die vermeintlichen Verantwortlichen ins Fadenkreuz zu nehmen.

Audienz beim Antisemiten

Zur Audienz mit dem antisemitischen Präsidenten Ahmadinedschad reisten nicht nur der Querfrontler Jürgen Elsässer, der Finanzexperte Ralf Flierl und der Verschwörungsideologe Gerhard Wisnewski. An der Reise, die von Yavuz Özoguz, Betreiber des antisemitischen Internetseite „Muslim-Markt” und Vorsitzender des Vereins „Islamischer Weg”, organisiert wurde, beteiligte sich auch ein liberaler Politiker aus der deutschen Provinz. Claus Hübscher stammt, wie der Reise-Organisator, aus der niedersächsischen Kleinstadt Delmenhorst, dort ist er nicht nur stellvertretender Kreisvorsitzender der FDP, sondern seitdem 30.03.2012 auch der Landtagskandidat der Partei. Die Provinzpresse bezeichnet ihn als „liberales Urgestein”, denn der Politiker ist seit Jahrzehnten in Delmenhorst aktiv und gilt als Gesicht der dortigen FDP.

In der beschaulichen Kleinstadt, die vor einigen Jahren in die Schlagzeilen geriet, als der mittlerweile verstorbene Nationalsozialist Jürgen Rieger das örtliche Hotel am Stadtpark kaufen wollte, arbeitete Hübscher bis zu seiner Pensionierung als Geschäftsführer der örtlichen Volkshochschule. Außerdem war er für den städtischen Fachbereich für Bildung, Wissenschaft, Sport und Kultur zuständig. Der starke Mann der FDP sucht beständig den Kontakt zu seinen Mitmenschen. Er debattiert über Hundehaltung, die Sicherheit und den „Genossen-Filz” in Delmenhorst.

Im Wahlkämpfen besucht er Gartencenter oder beteiligt sich an der ein oder anderen Grundsteinlegung. In den innerparteilichen Machtkämpfen kann sich Hübscher stets durchsetzen. Hier wird mit harten Bandagen gefochten, seine Gegner deuteten schon mal Wahlbetrug an, er sprach von Verschwörungstheorien. In den vergangenen Jahren machte die örtliche FDP eher den Eindruck einer vollkommen zerstrittenen Partei, es kam zu Parteiaustritten und innerparteilichen Machtkämpfen, die Hübscher aber immer überstand.

Kurioserweise ist Hübscher aber nicht nur das FDP-Urgestein in Delmenhorst, sondern auch ein Kopf des „Arbeitskreis für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit”, für den er Reden hält und Schweigemärsche leitet. Der FDP-Politiker hält gerne moralisierende Ansprachen, so zum Beispiel am 11. Dezember 2011. Damals wird ein Hanukka-Leuchter im Rathaus der Stadt entzündet. Hübscher findet salbungsvolle Worte und erweist sich zugleich als sparsamer Deutscher, der auf die Energiepreise achtet:

Wir haben hier etwas Bleibendes geschaffen. Mögen die Lichter ewig brennen (…). Natürlich haben wir darauf geachtet, dass Energiersparlampen verwendet werden.

Es ist die sonstige Praxis des FDP-Politikers Hübscher, die für einen ersten kleinen Provinzskandal sorgte. Im Februar 2012 organisiert Hübscher eine Veranstaltung mit Yavuz Özoguz, dem Betreiber des „Muslim Markt”. Beide leben in Delmenhorst, hier wollte man in der örtlichen Volkshochschule über die „Stellung der Schiiten innerhalb des Islams” debattieren. Hübscher organisiert dort seit Jahren eine Reihe über „Kulturen und Religionen in Delmenhorst”, mit denen „die kulturellen Wurzeln” der „Nachbarn und Mitbürger”vorgestellt werden sollen. Die Presse berichtet über die Propaganda-Veranstaltung mit dem Betreiber der antisemitischen Internetseite, die Jüdische Gemeinde protestiert und die Volkshochschule will Özoguz damals dann doch kein Podium bieten.

Der Betreiber des antisemitischen „Muslim-Markt” generiert sich in der Folge als Opfer, Hübscher lobt ihn als „interessanten Mann”. Die Veranstaltung findet letztendlich im Hotel Thomsen statt. Das Veranstaltungsangebot des liberalen Landtagskandidaten ist trotz dieser Geschehnisse weiterhin im Programm der Volkshochschule zu finden, auf die der liberale Politiker durch seine Wahl zum „Vorsitzenden des Dozentenrates” auch weiterhin Einfluss nimmt.

Der Mini-Skandal verbindet den FDP-Politiker Hübscher und den antisemitischen Aktivisten Özoguz, auf dessen Internetseite verschiedene Israel-Hasser, Geschichtsrevisionisten, Nationalsozialisten und Verschwörungsideologen interviewt werden. Der Geschichtsrevisionist Stephan Steins lamentiert dort etwa über die „Faschismus-Variante Zionismus” , der ehemalige NPD-Kader Andreas Molau über „die Identifikation mit der eigenen Abstammung und Kultur” und der Verschwörungsideologe Oliver Janich über geheimnisvolle „Kreise”, die „die Finanzkrise zu nutzen, um ihre Macht weiter auszubauen”.

Vielleicht war es der kleine Skandal, der nun zur gemeinsamen Reise nach Teheran führte. Dort kam es zur„Privataudienz” beim iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, der sich ansonsten gerne mit Holocaustleugnern und Nationalsozialisten ablichten lässt.

Im Iran werden Regime-Kritiker_innen von den Anhängern des klerikal-faschistischen Regimes zunächst gefoltert und dann ermordet, Homosexuelle werden öffentlich erhängt. Auf Gespräche mit Regime-Gegner_innen wurde verzichtet, die Menschenrechtssituation im Iran scheint für die Reisetruppe keine Rolle gespielt zu haben. Dafür lauschte die Delegation etwa einer Stunde den Worten des Holocaustleugners Ahmadinedschad, der das Menschheitsverbrechen immer wieder als „große Lüge” bezeichnet.

Auf den Fotos der Reisetruppe sind nun nicht nur verschiedene Verschwörungsideologen zu sehen, die ansonsten von geheimen Erdbebenwaffen oder vom angeblichen Attentat auf die Titanic träumen, sondern auch der Landtagskandidat der FDP, der auf diese Weise wohl große Weltpolitik betreiben wollte.

Gemeinsam mit Jürgen Elsässer, der iranische Regime-Kritiker_innen als „Discomiezen, Teheraner Drogenjunkies und die Strichjungen des Finanzkapitals” beleidigte, und mit Gerhard Wisnewski, der im rechten „Kopp-Verlag” den Verschwörungsmythos vom Mossad-Mord an Uwe Barschel propagiert, war Claus Hübscher Teil der Delegation, die nach Teheran gereist war. Gemeinsam besuchten sie den iranischen Präsidenten, der Israel als „finstere und schmutzige Mikrobe” bezeichnet und von einem„zionistischen Regime” spricht, das „von den Seiten der Zeit getilgt werden muss”.

In den Medienberichten des iranischen Regimes wird die „Privataudienz” beim Antisemiten Ahmadinedschad ausführlich gewürdigt. Ein Bericht auf der Internetseite des iranischen Präsidenten erwähnt die Motivation der Reisenden. Die Gruppe sei in den Iran gereist, um einen Eindruck über die „islamische Gesellschaft” im Iran zu erhalten. Der Reiseleiter sprach während der „Privataudienz” von „zionistischen Medien, insbesondere in Europa”, die ein „verfälschtes Bild über den Iran” präsentieren würden.

Es sei eine Reisegruppe aus „wahrhaftigen Deutschen” gewesen, „die das Feuer der Liebe in ihrem Herzen nicht haben erlöschen lassen”, schreibt der „Muslim-Markt”–Betreiber Özoguz nun in seinem Reisebericht, andere bejubeln das Treffen mit ihrem Idol ebenfalls. Nur der FDP-Landtagskandidat Hübscher schweigt bisher von seinem Treffen mit dem iranischen Präsidenten.

Nach der Audienz beim Antisemiten reisten Claus Hübscher und seine Gefährten am 29.04.2012 zurück nach Deutschland. In Delmenhorst wird der FDP-Politiker nun als Landtagskandidat Wahlkampf betreiben, außerdem wird der Provinzpolitiker vielleicht die ein oder andere Veranstaltung mit dem Reiseleiter Özoguz organisieren. Dort können sie dann in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen und die „Privataudienz” beim Antisemiten in den schillerndsten Farben schildern.