Propaganda à la KenFM: Ein Nachruf

Mit einem Paukenschlag und einem Shitstorm endet die Karriere einer verschwörungsideologischen Legende. In der KenFM-Sendung des Radiomoderators Ken Jebsen, der über das Jugendradio Fritz des öffentlich-rechtlichen Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) zu hören war, wurde Verschwörungsideologie, Israel-Hass und Antiamerikanismus verbreitet. Nun ist der Propagandist reaktionärer Verschwörungstheorien vorerst nicht mehr über das Radio zu hören.

Die Sendung wurde, nachdem eine E-Mail des Radiomoderatoren veröffentlicht wurde, erst einmal abgesetzt. Fast zehn Jahre hatte KenFM die Theorien der verschwörungsideologischen Szene propagiert und war deswegen von den Fans der verschwörungsideologischen Deutung der Realität gefeiert worden. Seine Radiobeiträge wurden vor allem auf den Internetseiten der verschwörungsideologischen Szene beworben. Ken Jebsen stellte sie über YouTube, für ihn das „Fernsehen des kleinen Mannes“, zur Verfügung. Dort wurden sie hunderttausendfach angeklickt.

In seinen Beiträgen machte der Radiomann beispielsweise „den Ami“ für die „Terrorlüge“ des 11. September 2001 und für fast alle Übel dieser Welt verantwortlich. Der Hass auf die USA ging mit einer absoluten Verharmlosung der Bundesrepublik einher, die er als deren „Vasall“ bezeichnete.

Außerdem hetzte der Radiomann, zu dessen Markenzeichen sein ratternder, schneller Sprachstil zählte, gegen Israel. Dafür huldigte der Radiomann „Palästina“: Es sei ein „von Besatzern kontrolliertes Kriegsgebiet, eine handvoll blutgetränkter Erde“, behauptete Jebsen in einem seiner Beiträge.

Dort relativierte er den Antisemitismus der palästinensischen Organisationen und rechtfertigte deren mörderisches Vorgehen mit dem angeblich gerechtfertigten „Hass“ der „Palästinenser“, die „wie Vieh vegetieren“ würden. Er träumte von einem „Staatengebilde IsraelPalästina“ und schwang sich bevorzugt zu einer Art deutschem Nachhilfelehrer auf, der mit seiner Sendung den jahrzehntelangen Konflikt lösen wollte.

Dies sollte unter anderem durch ein durch Israel geschaffenes Yad Vashem in „Palästina“geschehen, das „all der palästinensischen Opfer gedenkt, die durch israelische Besatzung umgekommen sind“. Ein „zukünftiger israelischer Präsident“ solle dort niederknien „wie einst Willy Brandt“ in Warschau. Mit diesem Geschichtsrevisionismus ging eine Leugnung des Antisemitismus einher. Diesen Antisemitismus blendete Jebsen aus. Dafür „forderte er alle Hilfe für Palästina“. Schließlich würden die Deutschen wissen, „was Teilung und Fremdbestimmung bedeutet“, ratterte er in seiner Sendung.

In einer anderen Sendung verharmloste er das iranische Atomprogramm. Das Land sei „Übernahmekandidat Nummer Eins“, lautete ein Titel seiner Sendung, in der er sich gleich zu Beginn auf Henry Ford berief, der neben seiner Tin Lizzy auch antisemitische Bücher wie die „Protokolle der Weisen von Zion“ oder „Der internationale Jude – Ein Weltproblem“ herausbrachte.

Ken Jebsen bezog, zur Freude seiner Groupies, ganz eindeutige Positionen. Dazu gehörte auch die Einordnung des II. Weltkriegs, den er im geschichtsrevisionistischen Jargon als „Ölkrieg“ verharmloste, von dem die Rockefellers als alleinige Monopolisten profitiert hätten. Er zeigte damit deutlich auf, wie mehrheits- und gesellschaftsfähig die verschwörungsideologische Deutung der Realität ist.

Viele seiner Äußerungen hätten – in ähnlicher Form – auch von Nationalsozialisten stammen können, die die Bun­des­re­pu­blik ebenfalls als „Va­sall“ der USA imaginieren. Jebsen ging es eben niemals um Aufklärung; ihm ging es darum, den Hass auf die USA und auf Israel zu ar­ti­ku­lie­ren. Dieser Hass ging mit der Angst vor der Moderne, die durch Verschwörungstheorien in einer irrationalen Weise rationalisiert wurde, einher.

Ob nun der 11. September 2001, das Atomwaffenporgramm des Iran, der Hunger in Afrika oder die Geschichte von Wikileaks: Jebsen hatte zu allen Themen eine wenig fundierte Verschwörungstheorie parat, die er dafür umso schneller herunterratterte. KenFM wurde auf diese Art und Weise zu einem verschwörungsideologischen Sprachrohr, der an die Ressentiments der deutschen Bevölkerung anknüpfen konnte und diese zugleich reproduzierte.

Anhand der nun veröffentlichte E-Mail, die aus einem privaten Schriftverkehr mit einem Kritiker stammt, lässt sich die politische Positionierung des Ken Jebsen noch deutlicher erkennen. Hier äußerte sich der Radiomann unverblümt:

sie brauchen mir keine holocaus informatinen zukommen lassen. ich habe mehr als sie. ich weis wer den holocaust als PR erfunden hat. der neffe freuds. bernays.

Goebbels hätte dessen Anweisungen lediglich „umgesetzt“. Selbst für die Shoah macht der Antisemit also einen Juden verantwortlich. Diese Hetze garnierte Ken Jebsen mit den beliebten Entlastungsgeschichten, die amerikanische Firmen für den Nationalsozialismus verantwortlichen machen:

ich weis wer die rassendatten im NS reich möglich gemacht hat. IBM mit hollerithmachinen. ich weis wer wärend des gesamten krieges deutschland mit bombersprit versorgt hat.standartoil also rockefeller.

Diese entspricht über weite Teile den Inhalten, die er lange Jahre in seiner Sendung verbreitete. Schließlich deutete er auch dort an:

Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, der wird am Ende blind werden.

Die E-Mail, deren Echtheit von Jebsen in einer aktuellen Stellungnahme bestätigt wird, ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Seine Radiosendungen waren durchaus dazu geeignet, den Hass zu schüren und die deutsche Kriegsschuld am Vernichtungskrieg zu relativieren. Auch aus dieser Sichtweise ist die Absetzung der Sendung durchaus erfreulich.

Nicht erfreut sind dagegen die Fans des Ken Jebsen. Sie äußern sich beispielsweise auf der Facebook-Seite von KenFM und eifern ihrem Idol in Sachen Rechtschreibung und Inhalten nach. „Jetzt versucht man also sogar das letzte bisschen ehrlichen Journalismus zu töten“, jammert ein Fan.

Dort wird Henryk M. Broder, der für die Veröffentlichung der E-Mail verantwortlich war, als „Kommissar“, „Volksdemagoge“, „Brandstifter“ und „Hetz- und Schmierenschreiber“ bezeichnet, der für einen „unliebsamen ruf für juden“ sorgen würde.

An den Beleidigungen beteiligt sich übrigens auch ein Occupy-Aktivist aus Berlin, der gerade in der Klosterstraße vor einer Kirche campiert. Dieser schreibt außerdem:

RBB wollte am Dienstag kommen und das Camp filmen. Es wurde bereits besprochen aus Solidarität zu Jebsen den Dreh nicht zu unterstützen, bis der Fall geklärt ist! wie wäre es stattdessen mit einer KenFM-Sondersendung von dort?.

Falls Jebsen in Zukunft wirklich nicht mehr über Radio Fritz zu hören sein sollte, könnte er als Sprecher des Occupy-Camps durchaus an seine bisherige Karriere anknüpfen.

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