Ausführungen eines Akademikers

Eine profane Ankündigung, die US-Botschaft zum 1. Mai nach Jerusalem zu verlegen, empörte die hiesige Gesellschaft, deren Antisemitismus sich immer wieder im ritualisierten Aufschrei gegen Israel erbricht. Daher wollte die Merkel-Administration “die Haltung” der US-Regierung nicht unterstützen, während Gabriel vor einem “Öl” warnte, das nun in ein “Feuer” gelangen könnte. Die “Antikapitalistische Linke”, ein Arbeitskreis innerhalb der Linkspartei, verstieg sich gar in die Behauptung, dass die Entscheidung für die israelische Hauptstadt eine “Demütigung der Palästinenser” sei, was “gewalttätige Kräfte” stärken würde. Die Nazis vom “III. Weg” wandten sich ebenfalls gegen die Ankündigung, wobei sie von “der starken jüdischen Lobby in den Vereinigten Staaten” schwadronierten. In Berlin brannte der Davidstern. In Bremen drohte ein Professor, indem er “Erwartungen” an die Jüdische Gemeinde der Stadt apo­s­t­ro­phie­rte.

Während sich das politische Deutschland gegen Israel vereinte, folgten Aufmärsche von empörten Antisemit_innen. “Ein Thema für die Straße”, unkte “Der Standard” vorab. So brannte der Davidsstern in verschiedenen Städten der Bundesrepublik. Ein Polizeisprecher aus Berlin betonte, dass solch ein Verbrennen des Judensterns nicht strafbar sei. Die Ausbrüche und ihre Relativierungen knüpfen an die allgemeinen Ablehnung des gemeinen Deutschen an. Schließlich wenden sich, so verkündet es die Tagespresse, rund 64 Prozent der Bürger_innen gegen die Trump-Ankündigung. Es bleibt bei der regressiven Verweigerung, sich in der “Jerusalem-Frage” auf die Seite der Emanzipation zu stellen, die in diesem Fall – wie es sich für eine schöne Farce gehört – auch durch die misogyne Charaktermaske Trump vertreten wird.

Eruptive Ausbrüche des antisemitischen Mobs, der in diesen Tagen vielfach aufmarschierte, gab es in verschiedenen Formen. Am 13. Januar 2018 versammelten sich notorische Feind_innen des israelischen Staates in Bremen. Anfang des Jahres brannte dort zwar keine Fahne, dafür sprach ein geistiger Brandstifter. In der Hansestadt erklang eine renommierte Stimme der deutschen Soziologie, während Fahnen eines Fantasy-Staats wehten. Vor anwesenden Teilnehmer_innen, die sich ansonsten für das iranische Mullah-Regime begeistern, referierte ein hanseatischer Professor. Zum Abschluss seiner Ansprache, die viele Elemente des klassischen Antisemitismus reproduzierte, wandte sich  Rudolph Bauer an hiesige Jüdinnen und Juden. Indem der Akademiker als “Erwartungen” codierte Forderungen an die Jüdische Gemeinde der Stadt adressierte, identifizierte der deutsche Professor vermeintliche Verantwortliche, von denen er ein anti-israelisches Verhalten einforderte.

Eigentlich ist Bauer, der 1939 in Oberpfalz zur Welt kam, ein deutscher Sozialwissenschaftler. Von 1972 bis 2002 wirkte er als Professor für Sozialpädagogik an der Universität Bremen. Sein dreibändiges “Lexikon des Sozial- und Gesundheitswesen” gilt auch heute als Standardwerk. Den Auftritt vor größtenteils männlichen Teilnehmern, die lautstark gegen Israel wüteten, übertrug der YouTube-Kanal “Weltnetz.TV”. Der Kanal mit dem NS-Titel, angeblich “Plattform für linken und unabhängigen Videojournalismus”, dokumentiert den Aufmarsch recht wohlwollend. Sönke Hundt, Aktivist der sogenannten Linkspartei, produzierte den Beitrag. Im direkten Umfeld zum Werbevideo, das rund 22 Minuten lang ist, bewerben die Verantwortlichen ähnliche Inhalte, die verschwörungsideologische Akteure wie der Montagsquerfrontler und YouTube-Aktivist Ken Jebsen generieren.

Bauer in Bremen (13.01.2018)

Das Video zum Aufmarsch zeigt Bauer, den der “Ausschuss der palästinensischen Gemeinde” um Anmelder Mohammed Dabour einlud, bei seinem Auftritt. Während seiner Rede verhaspelt sich der Sozialwissenschaftler gleich mehrfach, wobei er seine Unkenntnis über historische Persönlichkeiten der deutschen Konterrevolution offenbarte. “Wem gehört Jerusalem”, lautete die rhetorische Frage, die Bauer und die anderen Redner beantworteten. Vor den Augen und Ohren anwesender Polizeibeamter erbrach sich ein antisemitisches Sermon. Der deutsche Professor richtete zunächst Kampfgrüße an die “Brüder und Schwestern in Gaza” und “in den  besetzten Gebieten des Westjordanlandes” [DOC], bevor er zum Tagesgeschehen überging, wobei er dem Judenstaat mehrfach das Existenzrecht absprach: “Die Hauptstadt-Proklamation ist ähnlich unzeitgemäß wie der Staat Israel selbst”, wütete Bauer.

Eigentlich ist Israel ein notwendiger “Notwehrversuch gegen den Nazifaschismus” [PDF]; doch der deutsche Wissenschaftler sprach in Bremen vom “Anarchronismus”, wobei er sich klassischer Motive des Anti-Amerikanismus bediente. Trumps Ankündigung wertete Bauer als “Zeichen”, “dass Israel (…) ein Marionettenstaat Washingtons” sei. Den Judenstaat, notwendige Antwort auf den Aufklärungsverrat der Arbeiter_innenklasse, bezeichnete der auch zu historischen Themen forschende Professor als “kolonialistische Zweigstelle der USA”, der seit der Staatsgründung “ebenfalls wie ein Kolonialstaat” auftreten würde. Es handele sich, so die deutliche Dämonisierung, um ein “autoritäres Regime der ethnischen Säuberung”, das sich bereits seit 1948 gegen “die Menschen der indigenen (…) Bevölkerung” richtet. Solche Geschichtsverdrehungen, die anti-amerikanische und antisemitische Stereotype vermengte, sorgte vielfach für Beifall der Teilnehmer_innen. Kader der Kampagne “Israel ist Illegal” beteiligten sich an diesen Manifestationen.

“Dieser Akt ist als besonders perfide, tückisch und hinterhältig zu verurteilen”, wütete der Wissenschaftler, der einen perfiden Geheimplan des “US-Kapitals” erfand. Die israelische Hauptstadt solle “Anlageobjekt für Banken, Versicherungen, Touristikunternehmen und Investoren aller Art werden”. Während er den kapitalistischen Akt der Akkumulation von Kapital zur jüdisch-amerikanischen Besonderheit machte, wandte der Sozialwissenschaftler weitere Doppelstandards an. Nebenbei verlegte Bauer den deutsch-französischen Krieg um mehr als 20 Jahre. Solche Ungenauigkeiten ergänzte Phrasen, die sich kaum von den Aussagen staatstragender Sozialdemokraten unterscheiden: “Aus pazifistischer Sicht gießt die Jerusalem-Entscheidung des gegenwärtigen US-Präsidenten Öl ins Feuer der israelischen Aggressionspolitik”, machte Bauer den zu Beginn erwähnten Gabriel.

Bauer in Bremen (13.01.2018)

Im Fortgang klang der Wissenschaftler fast wie ein vergessener Liberaler. Dass “in  Deutschland eine Kritik an Israel unerwünscht ist”, fürchtete schon FDP-Urgestein Jürgen Möllemann, der als deutschnationaler Israelfeind gleichfalls mit antisemitischen Erklärungsmustern arbeitete. Auch in anderer Hinsicht argumentierte Bauer, einstmals lokaler Spitzenkandidat der Kleinpartei “Die Grauen”, wie ein postnazistischer Politiker. Am Ende seiner Ausführungen verharmloste er sein Land und dessen Ideologie, indem er den zur anti-modernen Raserei gesteigerten Vernichtungsantisemitismus verklärte. Statt deutsche Barbarei zu benennen, sprach Bauer von “rassistischen Vorurteilen” im “Dritten Reich”. Dass Antisemitismus keine Form des Rassismus ist, beweisen die exklusiv zur Vernichtung von Jüdinnen und Juden betriebenen Fabriken. Währenddessen kooperierten die Nationalsozialisten mit japanischen Militaristen sowie arabischen Nationalisten.

Zum Abschluss der Ansprache wandte sich Bauer, der ein historisches Paralleluniversum entwarf, an die Jüdische Gemeinde der Stadt. Zuvor appellierte der Sozialwissenschaftler an seine eigene Regierung, von der er eine “Beendigung der (…) ‘sicherheitspolitischen Zusammenarbeit Deutschlands mit Israel” sowie “die Rücknahme des (…) erweiterten Antisemitismusbegriffs” forderte, der nach Ansicht des deutschen Akademikers “die Ausübung der Meinungsfreiheit einschränkt”. Nach ähnlichen Forderungen an die Hansestadt richtete sich Bauer abschließend an die Jüdische Gemeinde. Im Rahmen seines Forderungskatalogs rief der Wissenschaftler die nicht anwesenden Jüdinnen und Juden dazu auf, mit “der palästinensisch-islamischen Seite” zusammenzukommen.

Die Jüdische Gemeinde aus Bremen solle sich direkt bei der israelischen Regierung “für den Stopp von (…) Siedlungsprojekten” aussprechen und dabei “Verhandlungen über die Zukunft der Kinder und Kindeskinder von palästinensischen Flüchtlingen” einfordern, lauteten die harsche “Erwartungen”. Kurz darauf endeten die Ausführungen des deutschen Professors, der kein Wort über die Geschichte der angesprochenen Jüdischen Gemeinde verlor, die er für israelische Verteidigungspolitik und amerikanische Ankündigungen in Haftung nahm. Dass der Großteil der Jüdinnen und Juden, die zur damaligen Jüdischen Gemeinde in Bremen gehörten, während des Nationalismus in die Ghettos von Minsk und Riga deportiert oder direkt in Auschwitz und Theresienstadt ermordet wurden, war den Ausführungen des Professors nicht zu entnehmen.

Das deutsche Denken dieses Akademikers veranschaulicht das Gedicht, mit dem er seine Rede beendete [DOC]. Bauer rezitierte “die letzte Strophe eines Darwish-Gedichts”, das die “verzweifelte Lage der Menschen in ihrer palästinensischen Heimat zur Sprache” bringen würde. Mit dunkler Stimme sprach der Professor, vom “Hunger”, mit dem er den Menschenmord legitimierte. Dann “esse ich das Fleisch meines Unterdrückers”, drohte der Deutsche mit Kannibalismus. “So hüte Dich (…) vor meinem (…) Zorn”, warnte der Akademiker seinen israelischen Feind. Freude beim anwesenden Mob, der die Inhalte des Sozialwissenschaftlers mit Beifall quittierte.

Teilnehmende in Bremen (13.01.2018)

Dass Bauer und Israel in einem konträren Verhältnis stehen, wobei sich der deutsche Wissenschaftler der typischen Schuldumkehr bedient, beweist eine frühere Schrift des Akademikers. In der Tageszeitung “Junge Welt” veröffentliche der Wissenschaftler eine Rezension, das sich mit einem anti-israelischen Pamphlet des hanseatischen Linksaktivsten Arn Strohmeyer befasste. In diesem Text machte Bauer den Judenstaat, eine notwendige Reaktion auf Aufklärungsverrat und Antisemitismus, für “Einsperrung, Vertreibung und Tötungen aller Art” verantwortlich. Manchen “Zionisten”, so die zeitlose Chiffre, schrieb der Deutsche sogar “Herrenmenschenzüge” zu. Samuel Salzborn warf ihm im Anschluss vor, sich “antisemitischer Ressentiments” zu bedienen [Siehe: Maegerle, S. 356 ff.].

Mit seiner letzten Rede, die die Lokalpresse in der Hansestadt nicht thematisierte offenbarte Bauer, wie sich seine Vorstellungen radikalisierten. Kein Wunder, dass seine Brandrede mit Forderungen an die Jüdische Gemeinde endet. Sein denkwürdiger Auftritt wurde bislang weder von antifaschistischen Strukturen noch von lokalen Medien thematisiert. Schweigen in der Hansestadt, in der islamfaschistische Rackets mit deutschen Akademikern gegen Israel wüten. Wiederholungen sind möglich, sodass entschiedener Widerspruch nötig bleibt. Die rege Tätigkeit der sozialwissenschaftlichen Koryphäe bietet viele Gelegenheiten, um gegen diesen Apologeten des aktuellen Antisemitismus zu intervenieren.

 

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