Die Wahl der Qual

Ein neuer Bundespräsident wird gesucht: Während eine große deutsche Koalition, die fast alle Parteien umfasst, nun den ehemaligen Bürgerrechtler Joachim Gauck nominieren will, favorisieren einige Linkspartei-Politiker_innen und Piratenpartei-Aktivist_innen den Kabarettisten Georg Schramm. Es wäre eine Wahl wie zwischen Pest und Cholera. Joachim Gauck, der von einigen Netzaktivist_innen mit der hohlen Parole „Yes, we Gauck” unterstützt wurde, ist ein deutscher Antikommunist, der den Nationalsozialismus verharmlost, deutsche Täter_innen zu Opfern machen will und dem dumm-dreisten Jubel-Nationalismus huldigt, der in Deutschland en vogue ist. Er ist wie die zu erwartende Pest, die von der Mehrheit der großen deutschen Koalition gewählt werden wird.

Die vermeintliche Alternative ist allerdings auch nicht besser: Der von Linkspartei-Politiker_innen und Pirat_innen ins Spiel gebrachte Kabarettist Georg Schramm begeistert sich für Verschwörungsideologie und esoterische Anthroposophie, reproduziert einen strukturellen Antisemitismus und weitere Ressentiments. Er repräsentiert die Cholera bei einer Entscheidung, die eigentlich keine Entscheidung ist. Bei der Wahl der Qual werden eventuell zwei Kandidaten antreten, die für ein Land geschaffen sind, das aus vor allem aus Vergangenheitsverharmloser_innen und Wutbürger_innen zu bestehen scheint.

Zwischen Antikommunismus und NS-Relativierung

Pastor Joachim Gauck ist Erstunterzeichner der „Prager Erklärung zum Gewissen Europas und zum Kommunismus” (2008), welche die Vernichtungspraxis des Nationalsozialismus mit dem real existierenden Stalinismus des sowjetischen Blocks gleichsetzt. Mit der Erklärung wurde ein „Europäischer Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus” eingefordert, der am 23. September 2009 vom Europäischen Parlament beschlossen wurde. In der Entschließung des Parlaments, an der Joachim Gauck nicht unschuldig ist, wird die „europäische Integration” als Antwort auf „die Leiden”verkauft, „die zum Holocaust sowie zur Ausbreitung totalitärer und undemokratischer kommunistischer Regime in Mittel– und Osteuropa führten”. Mit derartigen Gleichsetzungen, zwischen der industriellen Vernichtung und der „Ausbreitung (…) kommunistischer Regime”, wird der Holocaust offensiv verharmlost. Die Rolle der Roten Armee und der Sowjetunion, deren Soldat_innen als Befreier_innen nach Berlin kamen, wird nicht benannt.

Ähnliches geschieht in einem Verein, an dessen Spitze Gauck steht. Der Zusammenschluss „Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.” äußert sich eindeutig: Bereits auf der Internetseite sind die Schwerpunkte dieses konservativen Think-Tanks erkennbar: Man positioniert sich für „die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen sowie dem Unrecht des SED-Regimes”. Mit dieser Gleichsetzung werden die einzigartigen Verbrechen des Nationalsozialismus verharmlost. Dabei besteht ein Unterschied zwischen dem Stasi-Knast in Hohenschönhausen und den Vernichtungslagern in Auschwitz oder Sobibor. Dies dürfte selbst ein deutscher Pfaffe erkennen. Doch Joachim Gauck scheint es sich zur Hauptaufgabe gemacht zu haben, die qualitativen Unterschiede zu verwischen.

Dafür macht Joachim Gauck das Tätervolk zu Opfern. O-Ton Gauck: „In den letzten Jahren ist in Deutschland ein lange vernachlässigtes Erinnerungsgut wieder aufgetaucht: Deutsche als Opfer. Nach jahrzehntelanger Bearbeitung der deutschen Schuld in vielen Facetten tauchten Bombenkriegsopfer, Flüchtlinge und Vertriebene wieder auf. Reflexartig wurde auch bei dieser Entwicklung die Warnung vor einer Relativierung der deutschen Schuld vorgebracht, für mich eine überflüssige Sorge“. Gauck knüpfte hier an den virulenten deutschen Opfermythos an, der bestrebt ist, die Mehrheit der Deutschen, zu weiteren Opfern des Nationalsozialismus zu machen. Im Interview mit dem Deutschlandfunk klagt Gauck daher über eine angebliche „Übersättigung mit diesen Schuldthemen” und bastelt fleißig am deutschen Opfermythos: „Das sind die Schlesier und die Pommern und die Ostpreußen, die alles verloren haben. Viele von uns anderen Deutschen haben manches verloren. Die haben dann ihre ganze Heimat verloren”, jammert der mögliche zukünftige Bundespräsident.

Joachim Gauck ist ein deutscher „Patriot”, der die nationalistischen Eruptionen, die anlässlich von Herren-Fußball-Weltmeisterschaften zu erleben sind, lobt und sich für Deutschland begeistert. „Der Patriotismus der Jungen vor vier Jahren, als die Weltmeisterschaft bei uns stattfand, der war einfach charmant, der war friedlich, der grenzte niemand aus”, behauptet der Kandidat, der von den zahlreichen Übergriffen auf Migrant_innen oder Menschen, die sich dem dumm-deutschen Jubel-Spektakel nicht anschließen wollten, schweigt. Er ist ein stolzer Deutscher, der „sein Vaterland” liebt und der auf die Frage ob er „Patriot” sei, nur eine Antwort kennt: „Absolut”. Gauck ergötzt sich an den deutschen Zuständen, die er glorifiziert: „Wir sind nicht mehr eine Mördernation. Wir sind eine freiheitliche, demokratische Nation, ein schönes Land mit aktiven Bürgern”, begeisterte sich der deutschnationale Kandidat in einem Interview. Gauck liebt dieses Land und seine Fahne: „Ich wusste schon immer, dass es meine Fahne ist”, sagt Gauck.

In diesem Kontext ist er ein passender Kandidat für die groß-deutsche Koalition, die sich auf den Pastor geeinigt hat. Ein „antikommunistischer Normalisierer der deutschen Geschichte” wird seinen Teil dazu beitragen, eine ganz spezifische deutsche Vergangenheitsbewältigung zu betreiben. Als selbsternannter „linker, liberaler Konservativer” wird er von der großen deutschen Parteiengemeinschaft gewählt werden und fortan an der Umdeutung der deutschen Geschichte arbeiten. Seine zukünftigen Reden dürfte dementsprechend ausfallen. Dann wird der Pastor mit salbungsvollen Worten die deutschen Zustände verharmlosen, den Nationalsozialismus bagatellisieren und den deutschen Opfermythos reproduzieren.

Zwischen Verschwörungsideologie und Esoterik

Der andere gehandelte Kandidat ist auch nicht besser. Georg Schramm besucht seit Jahren mit seiner Kunstfigur Lothar Dombrowski die Kleinkunst-Bühnen der Bundesrepublik. Er begeistert die deutschen Wutbürger_innen, die wahlweise gegen einen mehr als hässlichen Bahnhof mobil machen, gegen die „Macht der Banken” aufmarschieren oder dem verschwörungsideologischen Wahn erlegen sind. Schramm hat eine politische Kunstfigur geschaffen, die ganz eifrig Politik betreibt. So zum Beispiel auf den Kundgebungen gegen Stuttgart 21, die vom umtriebigen Kabarettisten gleich mehrmals besucht wurden.

Auf der „67. Montagsdemo” sprach sich Georg Schramm im März 2011 nicht nur für den hässlichen deutschen Bahnhof aus, sondern hetzte gegen „Zins­wu­cherer“, „Spe­ku­lan­ten“ und anderes „Lügenpack”, dem er das deutsche „Volk” entgegenstellte. Dort bewegte sich Schramm in der Tradition des deutschen Antisemitismus, in dem er gegen „Banker” hetzte und ihre Lohnarbeit als „dreckiges Handwerk”bezeichnete, das „ein ehrbarer Christ gar nicht ausüben wollte”. Er sprach von den „Fäden der Geldverleiher”, dem ein „marodes System” ausgeliefert sei.

„Das nennt man in der Biologie eine Symbiose, aber wenn es zu Lasten des Wirtstiers geht, nennt man es eine parasitäre Symbiose”, rief Schramm der jubelnden Menge zu. Eine derartige Biologisierung war und ist eine Komponente deutscher Ideologie und eine Grundlage des Antisemitismus. Hier werden und wurden Juden als „Parasiten” bezeichnet, die das „deutsche Wirtstier” aussaugen würden. Ganz ähnlich äußerte sich Schramm, auch wenn er Jüdinnen und Juden nicht direkt benannte, also auf einer Ebene des strukturellen Antisemitismus verblieb.

Sein Faible für deutsche Wutbürger_innen führte Schramm auch nach Frankfurt. Dort sprach der Kabarettist für die deutsche Occupy-Bewegung. Hier polemisierte der Kabarettist, der ganz und gar nicht witzig ist, gegen den „Zins­wu­cher” und machte ominöse „Hin­ter­män­ner” verantwortlich. Schramm bewegt sich in deutscher Tradition, bereits der nationalsozialistische Theoretiker Gottfried Feder sprach in seinem Machwerk „Das Programm der NSDAP und seine weltanschaulichen Grundgedanken” im Jahr 1925 vom „schärfsten Einschreiten gegen Zinswucher”. Die Phrase vom „Zinswucher” ist eindeutig besetzt und wurden von Teilen der Occupy-Bewegung, aber auch von Georg Schramm, aufgegriffen. In Frankfurt wurde der deutsche Populist begeistert beklatscht.

Ebenso begeistert zeigen sich die Zuschauer_innen, die Schramms Programm auf den Theaterbühnen der Republik begutachten. Vor einem Auftritt gab Schramm zwei Fans ein ausführliches Interview. Bei den Fans handelt es sich um Aktivisten von „We are Change Schweiz”, einer bekannten Plattform der Verschwörungsszene. Hier haben sich „Truther” und „Infokrieger” organisiert, sie stellen die historischen Abläufe des 11. September 2001 in Frage und machen  amerikanischen Institutionen für die mörderischen Anschläge verantwortlich. Auf der Internetseite finden sich Reden des anti-europäischen Rechtspopulisten Nigel Farage und Interviews, die zum Beispiel mit Franz Hörman geführt wurden, der an anderer Stelle sagt, dass „die Frage des Genozids zur Zeit des Nationalsozialismus nicht endgültig geklärt” sei. Dort findet sich auch ein Interview, das die Verschwörungsideologen mit Georg Schramm geführt haben.

Hier entpuppt sich Schramm als Mensch, dem verschwörungsideologisches Denken und Esoterik nicht fremd sind. Der deutsche Kabarettist lobt „die Anthropsophen-Bank” GLS, die sich auf den Esoteriker Rudolf Steiner beruft. Dieser schuf nicht nur ein esoterisches Glaubenssystem, sondern hetzte gegen „Negerromane” und machte in jüdischen Bürger_innen ein „Zersetzungsferment” aus. Die Bank, die von Schramm beworben wird, ist ein Projekt seiner geistigen Nachfolger_innen. Hier wird daran gearbeitet, die Esoterik Rudolf Steiners gesellschaftlich zu verankern. Neben der Werbung für die esoterische Bank bejaht der Kaberettist im Interview die Existenz angeblicher „Chemtrails”, mit denen Chemtrail-Theoretiker die Kondensstreifen von Flugzeugen bezeichnen, denen angeblich merkwürdige Mittelchen untergemischt werden, um die Bevölkerung zu dezimieren oder zu kontrollieren.

Die Verschwörungsfans von „We are Change” freuten sich im Nachhinhein über das Interview, dass auf zahlreichen Internetseiten des Verschwörungsmilieus veröffentlicht wurde. Es sei schön, auf Menschen „zu treffen die wach sind, kritisch sind und zornig”, heißt es auf der Internetseite von „We are Change”. Georg Schramm scheint mit den Verschwörungsideologen gar kein Problem zu haben. Dies sollte nicht verwundern. Schließlich passen seine Aussagen zu diesem Internetportal, auf dem sich ganz ähnliche Texte über „Zinswucher” und „Geldverleiher” finden lassen. Dort ist von einem „Geschäftsmodell mit dem Zins” die Rede, das durch „Spekulation (…), zum Krebsgeschwür und Wucherung in den einzelnen Staaten” geführt hätte.

Die plumpen Parolen des Georg Schramm stoßen vor allem bei deutschen Wutbürger_innen und bei Verschwörungsfans, die die Verhältnisse verklären, auf große Gegenliebe. Die Reden des Kabarettisten finden sich auf zahlreichen Internetseiten der Verschwörungsszene. Der nationalistische Verschwörungsblog „Widerstand in Aktion” fordert Schramm sogar zur Kandidatur auf: „Das wäre ein perfekter Dienst am Vaterland all das zu verhindern oder hinauszuzögern mit seinen Unterschriften was diese Verbrecher und Verräterbande in der Bundsregierung dem eigenen Volk aufbürdet”. Ebenso große Liebe schlägt ihm durch Politiker_innen der Links– und Piratenpartei entgegen, die den Populisten eventuell vorschlagen werden. Jan Vahlenkamp, ein Aktivist der Linkspartei, hat eine Petition angestoßen, die den Kabarettisten ins Schloss Bellevue bringen soll. Georg Schramm hätte sich seit „Jahrzehnte hinweg einen Namen als ebenso scharfzüngiger wie unterhaltsamer Kritiker des kapitalistischen Wirtschaftssystems gemacht”, heißt es hier. Der Mini-Napoleon Oscar Lafontaine hält Georg Schramm für einen „interessanten Vorschlag“. Auch wenn der Kabarettist letztendlich nicht antreten sollte, verraten die Überlegungen durchaus einiges über den Zustand der deutschen Linken und der noch deutscheren Piraten.

Die Wahl-Qual

Schramm und Gauck passen ganz außerordentlich gut zu einem Land, in dem Wutbürger_innen, Antikommunist_innen und Vergangenheitsbewältiger_innen gemeinsam den Ton angeben. Die Ideologie der Kandidaten offenbart allerdings einiges über die deutschen Zustände. Auf der einen Seite ein Wutbürger, der gegen „Geldverleiher” und „Parasiten” anschreit. Auf der anderen Seite ein stolzer „Patriot”, der„Pommern” und Schlesier” zu Opfern macht. Letztendlich wird wohl Joachim Gauck gewählt werden, Georg Schramm dürfte trotz alledem von der Medienaufmerksamkeit profitieren. Man wird mit beiden nicht glücklich werden, egal wie diese Wahl-Qual ausgehen wird.

EINE ÜBERARBEITETE VERSION DIESES BEITRAGS IST IM BUCH „EIN SUPER-GAUCK: POLITISCHE KULTUR IM NEUEN DEUTSCHLAND“ ERSCHIENEN, DAS ÜBER AMAZON BEZOGEN WERDEN KANN.

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