Donald, Drogen, Zionisten

“Kämpfende Jugend”: Zentralorgan des Jugendverbandes der “Kommunistischen Partei Deutschlands” (KPD/AO), die zwischen 1970 und 1980 für “ein unabhängiges, vereintes und sozialistisches Deutschland” eintrat. Ihre Mitglieder, die sich als proletarische Kader_innen inszenierten, glorifizierten den chinesischen Staatskapitalismus. Hass gegen Israel vermengte sich mit völkischen Positionen. Mythen dienten der Untermauerung des Standpunkts. Der Zionismus, Comicfiguren und berauschende Substanzen erregten den Unwillen des Jugendverbandes. Heute feiern derartige Positionen, auch durch die Propaganda von maoistischen Jugendbanden, ein unschönes Comeback.

Positionen eines Jugendverbandes

Der Jugendverband huldigte China, begeisterte sich aber auch für die antisemitischen Rackets der PLO. Diese Parteinahme ging mit Hetze gegen Israel einher. Dieser Staat sei ein “zionistisches Verbrecherregime”, der mit einem “Terrorkurs” gegen die “Front der arabischen Völker” vorgehen würde, behauptete ein ZK-Mitglied des Jugendverbandes in einem Motivationsschreiben an damalige Leser_innen. Während ein “Heimatrecht der Palästinenser” erdacht wurde, hetzte die “Kämpfende Jugend” gegen den Staat der Shoa-Überlebenden, dem vielfach das Existenzrecht abgesprochen wurde. Dem “Zionistenstaat” unterstellte die Jugendgruppe 1976 “faschistische Ideologie”, “Expansion und Unterdrückung”. Zugleich wurde Israel mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt. Daher forderte der Verband vielfach den “Sieg im Volkskrieg” und rief zur finanziellen Unterstützung von antisemitischen Mördern auf.

Zeitgleich polemisierte die Vorfeldorganisation, so wie ihre “KPD/AO”, gegen “sowjetischen Sozialimperialismus” und “US-Imperialismus”. In paranoiden Texten warnten Mitglieder vor den Konstrukten, denen ein “Ringen nach Weltherrschaft” unterstellt wurde. Durch die “neuen Zaren” drohe die Gefahr eines Weltkrieges, behaupteten die Kader_innen, die deswegen auf Positionen sogenannter Vaterlandsverteidigung einschwenkten. Schon zuvor bezog sich die Truppe auf das “Volk” und die “Volkskämpfe”. Bald wollten die selbsternannte Avantgarde die Bundesrepublik sogar mit der Waffe verteidigen. So träumte die “Kämpfende Jugend” 1975 vom deutschen “Volkskrieg” und dem “militärischen Zusammenschluss Europas”. Völkische Mobilmachungen zeichneten das Zentralorgan aus.

Verschwörungsmythen zum Drogenkonsum

Inhalte, die dank umfassender Arbeit des Mao-Projekts zugänglich sind, offenbaren fetischisierte Vorstellungen über die hiesige Gesellschaft. Der Proletarier, in seiner deutschen Variante, avancierte zum Objekt eines Kultes, dem diese Maoist_innen verfallen waren. Feind der Lehre waren “Revisionisten” und “Kosmopoliten”. Zugleich hetzte der Verband mit seiner Zeitschrift gegen “Bonzen” und “Parasiten”. In der Zeitschrift schrieben Kader_innen des Verbandes gegen Comics, gegen Punkrock und gegen den Konsum von Drogen an. So entstand plumpe Propaganda: Verschwörungsideologischer Irrsinn vermengte sich mit Phrasen des orthodoxen Marxismus.

In Ausgabe 9 der “Kämpfenden Jugend” schrieb eine zur Kaderin gewandelte Konsumentin 1974 über persönliche Drogen-Erfahrungen, die sie höchst unglaubwürdig erscheinen lassen. Sie offenbarte Geheim-Wissen, das die Zeitschrift ihren Leser_innen mitteilte. “Die Dealer haben sich in einem ‘Ring’ von oben nach unten gut durchorganisiert. Da gibt es die ‘obersten’ (das ist der eigentliche Ring, der aus nur 8 Leuten für ganz Deutschland besteht), dann kommen die ‘Kreisdealer’ (die sind für einen Kreis verantwortlich), die Ortsdealer, die nur einen Ort unter sich haben, und diese sind es dann, die den Stoff an (…) Oberdealer weitergeben.” Mit derartigen Insider-Infos, die aus einem TKKG-Hörspiel stammen könnten, verbreitete das Blatt Ressentiments und Verschwörungsmythen.

Gegen Comics und Popkultur

Die Einordnung von Punker_innen bereitete den Autor_innen in den späten 1970ern ebenfalls Probleme, sodass die altbekannten Lösungsmittel genutzt wurden. Diese Produkte der Kulturindustrie galten als Manipulationsinstrument der USA. Der Jugendverband warnte wie andere linksdeutsche Gruppen vor Punk-Musik. Dabei wurde auch über die “versponnenen Höhenflüge” elektrischer Musikanten gejammert, um im Anschluss von perfiden Plänen der “kapitalistischen Musikindustrie” zu berichten. Diese erfand ein neues Genre, das “aus Amerika kam”. Punk sei “Hässlichkeit und Verkommenheit als Lebensstil”, schrieb ein Mitglied im Blatt, um zu vermuten, dass das Genre “die nähere Zukunft nicht überleben wird”.

Die Ablehnung von Produkten der westlichen Kulturindustrie, der ein deutscher Proletenkult entgegengestellt wurde, äußerte sich auch im Hass auf Zeichentrickmagazine. In der dritten Ausgabe des Jahres 1973 schrieb ein Mitglied des Jugendverbandes über Comics, durch die der “Imperialismus” die Jugend mit “militaristischem Gift” versorgen würde. Es waren Kulturprodukte aus den USA, die Anti-Amerikaner_innen in ihrer Zeitschrift angingen. Der Verband echauffierte sich über amerikanische Comicfiguren wie Donald Duck, Micky Maus und Superman. Viele Comics seien “gegen den Befreiungskampf der Völker gerichtet”, behauptete der Verein, der ganz ähnliche Thesen wie die damalige K-Gruppen-Konkurrenz verbreitete.

Vom Hass zum Boykott

“Einer flog über das Kuckucksnest” ist ein Klassiker der Kinogeschichte. Das verstörende Gleichnis in filmischer Form, mit einem jungen Jack Nicholson als Insassen einer psychiatrischen Einrichtung, erregte den Unwillen des Zentralorgans. Ihr Autor machte den Film zum “Teil” einer “imperialistischen Fäulnis”, die “das Land herunterzuwirtschaften droht”. Worte fanden auch die Kader_innen, die sich im Zentralorgan zum Neo-Western “Spiel mir das Lied vom Tod” äußerten. Eine_r machte dem Film den Vorwurf, dass er im “Kern individualistisch” und im “Schluss revisionistisch” sei. Die Produkte der amerikanischen Kulturindustrie wurden dämonisiert. Mit markigen Worten markierte der “Kommunistische Jugendverband Deutschland” sie als “Gefahr für die Völker”.

Filme aus Hollywood galten daher als “Dreck”. Comics nannten sie “Drecksprodukte”, die ebenfalls zur Gefahr für den Erfolg der sozialistischen Weltrevolution stilisiert wurden. “Wir werden den Kampf gegen diese Produkte nicht nur mit Wort und Bild (…) führen”, drohten die Verantwortlichen. Pop und Punk war ihnen, die stattdessen die Wiedergabe von “Volksmusik” in Form von “Arbeiterliedern” praktizierten, ebenfalls verhasst. Stattdessen forderten sie eine “Kultur im Dienste des Volkes”. Die verhasste Kultur aus den Vereinigten Staaten, die in den Lichtspielhäusern und in Comics erlebbar war, sollte derweil mit anderen “Mitteln” bekämpft werden. Schon 1974 träumte das Zentralorgan von “Kaufboykott”, “Kino-Sperren” und “Auslieferungsverhinderung”. 

Wiederkehr eines Leichnams

Die unter marxistisch-leninistischen Label auftretende Partei und ihr Jugendverband lösten sich zu Beginn der 1980er Jahre auf. Kader_innen der “KPD/AO” übernahmen andere Funktionen in neuen Projekten. Das ZK-Mitglied Christian Semler arbeitete als Redakteur der TAZ. Antje Vollmer agierte als Vizepräsidentin des Bundestags. Parteimitglied Horst Mahler, der durch den Jugendverband und die Partei verteidigt wurde, leugnete die Shoah. Während ideologische Standpunkte in abgeschwächten oder radikalisierten Formen fortlebten, brachen die meisten Mitglieder mit Mao Zedong und Pol Pot.

Heute ist die selbsternannte “Kommunistische Partei Deutschland” Teil linkdsdeutscher Vergangenheit, die nicht vergehen will. Zwar ist die Organisation dahin, allerdings leben Ideologie und dazugehöriger Mummenschanz in unterschiedlichen Formen fort. Es existieren Sekten wie der “Jugendwiderstand”, die das maoistische Erbe angetreten haben. In Fragen des Drogenkonsums zeigt diese Bande, die seit längerem in Berlin und seit kurzem in Bremen nervt oder schlägt, eine eindeutige Haltung. Verantwortlich sind die Vereinigten Staaten. So wird – mal wieder – gegen die USA angeschrieben, die diesmal nicht Comics, sondern “Drogenhandel und Drogenkonsum” als Manipulationsinstrumente gebrauchen.

Der amerikanische Staat sei “Hauptproduzent von Cannabis weltweit”, behaupten geistige Nachfahre_innen in einem Text. Tatsächlich sind Länder wie Marokko, Albanien, und Kolumbien die wichtigsten Hersteller des berauschenden Stoffes. Immerhin verzichten die Autor_innen auf den Mythos von den acht “Großdealern”, die die gesamte Bundesrepublik versorgen. Dafür veröffentlichte ihr Verein eine inhaltlich ähnliche Broschüre, die sich gegen den “Feind” wendet, der das deutsche Proletariat durch infame Methoden wie Drogen oder das Fernsehprogramm bedroht.

Standpunkte des deutschen Maoismus

Die heutigen Groupies des Maoismus diffamieren, mit ganz ähnlichen Worten wie ihre geistigen Ahnen, weiterhin den Staat Israel. “In Palästina wird ein ganzes Volk seit Jahren vertrieben und abgeschlachtet, unterdrückt und kolonisiert”, lügt der “Jugendwiderstand”. Erneut sollen die “Völker der Welt” mobilisiert werden. Zunächst drohen die Rackets mit dem Aufbau einer Partei, die “mit eisernem Proletarischen Besen alle Unterdrücker, Ausbeuter und Kriegstreiber vom Planeten zu fegen” gedenkt. Angesichts dieser Zeilen sei dem “Jugendwiderstand” eine Entwicklung gewünscht, die an die Selbstdemontage der “KPD/AO” erinnert.

Wer glaubte, dass Organisationsformen und Inhalte der klassischen K-Gruppen mit dem Niedergang in den 1980er Jahren für immer verschwinden würden, darf sich nun seines Irrtums bewusst werden. Im Form von jungen Gruppen, wie dem “Jugendwiderstand” oder der “Roten Jugend Berlin”, lebt die deutsche Ausformung des Maoismus fort. Mit der “Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschland” (MLPD) existiert eine weitere Gruppierung, die in der Tradition der K-Gruppen steht. Umso wichtiger scheint die Auseinandersetzung mit grundlegenden Positionen, an die maoistische Banden, Bünde und Parteien als operettenhafte Gebilde anknüpfen, indem sie uralte Inhalte reproduzieren.

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