München: Konstruktion eines Mythos

Als er in München zur Waffe griff, um Menschen zu ermorden, war David S. erst 18 Jahre alt. Nach der Attacke war das Verlangen nach einer Erklärung groß. Es entstand das mediale Psychogramm eines Täters, der sich an „Killerspielen“ wie „Counter-Strike“ begeisterte. Ein junger Mann eben, psychisch instabil und gemobbt, der als Außenseiter galt. Innenminister De Maizière reanimierte unterdessen eine alte Debatte, indem er ein „Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet“ entdeckte, die Jugendliche in ihrer Entwicklung bedrohen.

Währenddessen suchten andere Akteure die Täter, die in Wirklichkeit für die Morde verantwortlich sein sollen. Im Netz wurde bereits in der Nacht nach den Attacken, als noch weniger Informationen bekannt waren, nach Schuldigen gefahndet. So mutierte eine ganze Anzahl an Ungläubigen, die weder Medien noch Bildern trauen, zu Aufklärern, die sich mit den Morden befassten. Bereits kurz nach den Attacken kursierten die ersten Mythen, durch die die Taten erklärt wurden.

Einen Tag nach den Ereignissen veröffentlichte die Facebook-Seite „Neues Bewusstsein“ eine erstaunliche Deutung, die munter geteilt wurde. Nicht nur dort wurde ein Video, das David S. bei seinen Taten zeigte, zur Beweisführung herangezogen. Der Täter sei in die Szene „hineingebeamt“ worden, hieß es. Ob er aus der Zukunft kam, wurde leider nicht beantwortet. Die Theorien vom Beamen wurden auch in anderen Facebook-Gruppen debattiert, in der sich Verschwörungsgläubige sammeln.

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Der Prozess

Am Montag, den 25.02.2013, stand ein Mensch vor Gericht, weil er keine Fernsehgebühren bezahlt hatte. Im britischen Horsham fand ein Prozess gegen Tony Rooke statt, bei dem es eigentlich nur Fernsehgebühren gehen sollte. Doch es ging auch um die Ereignisse 11. September 2001 und eine gigantische Fernseh-Verschwörung, an die Rooke zu glauben scheint.

In Großbritannien muss man ebenfalls Fernsehgebühren zahlen, mit denen die British Broadcasting Company (BBC) finanziert wird. Rooke hatte die Zahlung dieser Gebühren eingestellt und sich wenig später von einem Kontrolleur erwischen lassen. Gegen einen Zahlungsbefehl legte er einen Widerspruch ein. Rooke wollte das resultierende Gerichtsverfahren vor dem Magistrates Court, um sich als Ankläger aufzuspielen. Dem Angeklagten ging es darum, die BBC der Beihilfe zum Terrorismus zu beschuldigen. Dabei berief er sich auf Paragraph 15, Artikel 3, des „Terrorism Act 2000“, in dem es um die Finanzierung von terroristischen Gruppierungen geht.

Tony Rooke macht die BBC zu einer terroristischen Gruppierung, weil diese angeblich die Hintergründen des 11. September 2001 verschweigen und all diejenigen diffamieren würde, die die Wahrheit ans Licht bringen wollten. Dabei geht es auch um zwei Dokumentationen der BBC, die die Verschwörungsideologen und ihre Konstrukte kritisch beleuchten. Damit war der Sender ins Fadenkreuz der Verschwörungsgläubigen geraten.

Dem Verschwörungsgläubigen ging es vor dem Magistrates Court um seine Sache: Der Aktivist der verschwörungsideologischen Gruppe „Christians for 9/11 Truth“ glaubt, dass die britische „Mainstream-Medien“ ein Teil der gigantischen Verschwörung seien, die er für die Ereignisse des 11. September 2001 verantwortlich macht.

Auf der Internetseite seiner christlich-fundamentalistischen Sekte werden daher Martin Luther King und Jesus Christus in Stellung gebracht, um über die angeblichen Hintergründe des 11. September aufzuklären. Seinen Prozess wollte er zum Fanal machen, mit dem die angebliche Wahrheit ans Licht kommen sollte. Der Truther wurde dabei von verschiedenen Verschwörungsideologen unterstützt, die vor Gericht als Zeugen aussagen sollten.

Der dänische Verschwörungsideologe Niels Holger Harrit, der ein Begründer der so genannten und vielfach widerlegten „Nanothermit-Theorie“ ist, war nach Hersham gereist. Der britische Truther Ian Henshall, der sich gerne über den angeblichen Einfluss von „jüdischen Gruppen“ erregt und die Unterstützung durch den britischen Nationalsozialisten Martin Webster lediglich aus taktischen Gründen ablehnt, war ebenfalls anwesend, um als Zeugen aufgetreten.

Als Kameramann trat der norwegische Verschwörungsideologe Torstein Viddal auf, der bis 2010 ein Mitglied der rechtspopulistischen „Fremskrittspartiet“ (FrP) war. Viddal erregte in letzter Zeit einiges Aufsehen, als er heimlich das Abschlussstatement des Anders Behring Breivik aufnahm und über Youtube verbreitete. Er macht diesen Massenmörder zum „Zionisten“ und erfreut auf diese Weise die Antisemiten in aller Welt. Viddal propagiert dabei das Konstrukt einer zionistischen Weltverschwörung, die die Massenmedien kontrollieren würde. Diese angebliche Verschwörung sei außerdem – direkt oder indirekt — für verschiedene Anschläge verantwortlich.

Die Zeugen und der Kameramann, der sie vor dem Gerichtsgebäude befragte, glauben wie ihr Kompagnon Rooke, dass die BBC bereits vor dem 11. September 2001 über den Ablauf und die Hintergründe der Anschläge informiert war. Sie glauben an die machtvolle Verschwörung, die Politik und Presse kontrolliert und dabei über Leichen geht. Die eigentlichen Täter des 11. September 2001, jene islamofaschistischen Rackets, die damals etwa 3000 Menschen ermordeten, werden vom ihnen entlastet. Sie schreiben dafür eine ganz andere Geschichte, in denen sie selbst als Helden auftreten. Dabei inszenieren sie sich als Aufklärer und Wahrheitssuchende, die diese angebliche Wahrheit gegen alle Widerstände vor Gericht und ans Licht zerren.

Vor dem Prozess hatte man daher Texte verfasst, mit denen der Angeklagte zum Ankläger gemacht wurde. So suggerierte Michel Chossudovsky, dass die BBC „wegen Manipulation von Beweisen und einseitiger Berichterstattung im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September 2001 vor Gericht“ stehen würde. Nichts davon ist wahr.

Unterstützung gab es auch aus Deutschland. Der Text des antisemitischen Autors wurde ab dem 24.02.2013 auf der Internetseite des rechtslastigen Kopp-Verlages verbreitet. Einen Tag später griff ein Autor der nationalbolschewistischen Tageszeitung junge Welt das Thema auf. Dort wurde der Verschwörungsgläubige zum „Terrorismusverweigerer des Tages“ gemacht. Dort wurde die Hoffnung geäußert, dass die „Verantwortlichen zur Rechenschaft“ gezogen werden. Ähnliche Äußerungen waren auf zahlreichen Internetseiten des Verschwörungsmilieus zu lesen.

Vor Prozessbeginn hatte sich die Gemeinde der Verschwörungsgläubigen vor dem Gerichtsgebäude versammelt. Etwa 100 Unterstützerinnen und Unterstützer waren eingetroffen, um die angekarrten Zeugen zu hören, die über die Ereignisse des 11. September berichten sollten. Doch dazu kam es nicht. Richter Stephen Nicholls befand Rooke für schuldig. Er muss nun 200 Pfund Verfahrenskosten zahlen. Die eigens eingeflogenen Zeugen kamen nicht zu Wort.

Sicherlich ist das nicht das Ergebnis, von dem die Verschwörungsgläubigen geträumt haben. Daher tun sie nun das, was sie am besten können: Sie deuten die Ereignisse um und blenden die Fakten aus, die nicht mit ihrer Umdeutung übereinstimmen.

Im „American Freedom Radio“ berichtete Rooke und sein Kompagnon Henshall stolz darüber, wie sie den Richter überzeugt hätten. Rooke war in der Sendung des Kevin Barrett zu hören, der von der Anti Defamation-League als einer der bekanntesten Köpfe der antisemitischen Verschwörungsmythen zum 11. September 2001 bezeichnet wird. Auf den Prozess folgten zahlreiche Jubelartikel. Da wurde die Verteilung zum historischen Triumph gemacht. Die Niederlage wurde zum Sieg des Angeklagten umgedeutet.

Die größten Falschbehauptungen finden sich in einem deutschen Jubelartikel. Dort wird die Verurteilung verschwiegen und eine ganze Hauptverhandlung erfunden, von der noch nicht einmal die britischen Truther sprechen:

Rooke wurde nicht abgeurteilt. Stattdessen setzte der Richter den Termin zu einer umfassenden Hauptverhandlung an. Damit wird es jetzt allmählich eng für die BBC, denn nun werden verschiedene international anerkannte Wissenschaftler und weitere Zeugen angehört werden.

Man muss schon ein sehr spezielles Verhältnis zur Realität haben, wenn man aus einer Verurteilung einen Sieg des Angeklagten fabriziert.

Tony Rooke ist nun auf der Suche nach den nächsten Verschwörungsgläubigen, die keine Fernsehgebühren mehr zahlen. Es könnte also in naher Zukunft weitere Verurteilungen geben, die dann in einen Sieg umgedichtet werden, um die Märchen von der Fernseh-Verschwörung zu verbreiten.


 

Mit Armbrust und Knarre

Am Freitag, den 11. Januar 2013, wurde der amerikanische Programmierer und Autor Aaron Swartz, der an der Entwicklung von RSS-Feeds beteiligt war, tot in seiner Wohnung aufgefunden. Er hatte sich, so berichtete sein Onkel Michael Wolf, offensichtlich erhängt. Dem Mitbegründer der Seite Reddit stand ein Prozess bevor, weil er angeblich 4,8 Millionen Dokumente aus dem Archiv des Massachusetts Institute of Technology (MIT) heruntergeladen haben sollte.

Aaron Swartz setzte sich für ein freieres Internet ein und wollte anderen Nutzerinnen und Nutzern des Netzes den Zugang zu Daten ermöglichen. Er kämpfte aber auch einen anderen Kampf und berichtete von Depressionen, die dazu führten, dass er sich wertlos und düster fühlte. Aaron Swartz wurde gerade einmal 26 Jahre alt.

Am Sonntag, den 13. Januar 20013, betrieb Mike Adams Leichenfledderei. Der Freitod des Programmierers war für Adams der Anlass, um einen Text zu verfassen, der sich rasant  verbreitete und auf zahlreichen Internetseiten der Verschwörungsszene zu finden ist.

Adams machte den Suizid des Programmierers zum perfiden Mord und benannte die vermeintlichen Täter. Er munkelte in diesem Zusammenhang über „tyrannische Urheberrechts-Fanatiker, die jeden zum Verbrecher stempeln wollen, der einen Film aus dem Internet herunterlädt”.

Mike Adams nutzte den Tod, um das Konstrukt einer Hollywood-Verschwörung zu aktualisieren. Er schrieb von den „großen Filmproduzenten der USA”, die wie eine „Mafia-Organisation” agieren würden. Diese angebliche Verschwörung der Filmproduzenten macht er nun für den Tod des Aaron Swartz verantwortlich.

Mike Adams bewirbt allerdings nicht nur Verschwörungsmythen, die sich um das Ende des Aaron Swartz ranken: So deutet er die islamo-faschistischen Anschläge des 11. September 2001 zum „Inside Job” um. Außerdem raunt er über eine  „Pharma Lobby”. Diese würde mit ihren Medikamenten die Immunschwächekrankheit AIDS verbreiten. Im paranoiden Wahn fürchtet sich Adams vor Barack Obama, der für ihn gar eine „neue Art Hitler” darstellt.

Seine Vorbilder sind ganz andere Personen. Es sind antisemitische Verschwörungsideologen wie David Icke oder verschwörungsideologische Holocaust-Leugner wie Jeff Rense, die für ihn „echte Helden” sind. Zusätzlich palavert Adams von einem „Holocaust”, für den er Feministinnen verantwortlich macht. Seine wahnhafte Mythen erfreuen die Verschwörungsgläubigen in aller Welt. Die Pamphlete des Mike Adams werden auch in Deutschland verbreitet.

Am Montag, den 14. Januar 2013, veröffentlichte der rechts-esoterische Kopp-Verlag auf seinen Internetseiten eine deutsche Fassung des Adams-Textes. Nun konnten sich auch die hiesigen Verschwörungsgläubigen über die angeblichen Hintergründe des Todes von Aaron Swartz belehren lassen. Der Text über die Hollywood-Verschwörung verbreitete nun auch auf den deutschsprachigen Internetseiten der Verschwörungsszene und wurde dementsprechend kommentiert.

„Das war Mord”, empörte sich ein Verschwörungsgläubiger, der ansonsten Wahlwerbung für die NPD verbreitet, auf der Facebook-Seite des Kopp-Verlages. Ein Kompagnon assistierte und schrieb über geheimnisvolle Strahlenwaffen, mit denen eine „Manipulierung des Unterbewusstseins” betrieben werden würde. Vielleicht sind auch diese beiden Verschwörungsgläubigen dem Aufruf gefolgt, der am Ende des Adams-Textes zu finden ist. Der Verschwörungsideologe appelliert dort an seine Gefolgschaft: Diese soll sich bewaffnen. Diese Forderung findet sich auch auf den Internetseiten des Kopp-Verlages:

Ich bezweifle, dass Menschen wie Aaron Swartz viel über Selbstverteidigung wussten. Vermutlich besaß er nicht einmal eine Pistole. Aber dies ist eine Lektion, die sich alle Aktivisten zu Herzen nehmen sollten: Schaffen Sie sich eine Waffe an. Bringen Sie sich die Grundzüge der Selbstverteidigung bei. Gehen Sie mit ‘taktischerem’ Denken durch Ihre Umgebung (Städte, Straßen, Parkplätze, Wohnhäuser usw.). Achten Sie auf Ihr Umfeld.

Der Freitod des Internet-Pioniers Aaron Swartz wird also nicht nur benutzt, um ein kleines bisschen Leichenfledderei zu betreiben. Der daraus resultierende Verschwörungsmythos wird auch mit dem Aufruf verknüpft, sich zu bewaffnen. Es könnte tatsächlich Gläubige geben, die diese Aufforderung befolgen werden.

Diejenigen, die sich auf den Internetseiten des Kopp-Verlages informieren und sich daher durch die angebliche Verschwörung der Hollywood-Produzenten bedroht fühlen, weil sie gerade einen Film heruntergeladen haben, können sich in einem anderen Internetshop des Milieus mit Waffen eindecken. Dort finden sie zum Beispiel eine „leicht zu handhabende Gewehrarmbrust, die sowohl mit Pfeilen als auch mit 8 mm Stahlkugeln schiesst und über ein Magazin für 30 Kugeln verfügt”. Sie sei „kinderleicht” zu bedienen und könne daher auch von „Jugendlichen und Frauen” (!) „ohne Probleme gespannt werden”.

Das Verschwörungsmärchen über die mordenden Hollywood-Produzenten ist also nur ein weiterer Anlass, der dazu führen kann, dass sich einige Verschwörungsgläubige bewaffnen. Sie dürften sich mit Armbrust und Knarre ausstatten: So wie es sich Mike Adams auch im Kopp-Verlag erwünscht hat.

Dokumente der Bilderberger

Auf der Internetseite des berüchtigten Kopp Verlages wurden, in Zusammenarbeit mit verschwörungsideologischen Mysteries–Magazin, einige alte Dokumente über die Bilderberger-Konferenzen veröffentlicht, denen verschiedene Verschwörungsideologen eine unglaubliche Macht unterstellen.

Die Bilderberger-Konferenz findet seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts statt, dort kommen Politiker, Manager und Journalisten zu einem losen Gedankenaustausch zusammen. Dabei werden Sonntagsreden gehalten und Kontakte geknüpft. Weil die Teilnehmer oftmals über den Inhalt dieser Sonntagsreden schweigen, haben Verschwörungsideologen ein leichtes Spiel.

Sie behaupten zum Beispiel, dass auf diesen Konferenzen wichtige Entscheidungen, etwa über den nächsten Kanzlerkandidaten der SPD oder den zukünftigen Präsidenten der USA, getroffen werden würden. Einige Autoren der Verschwörungsszene gehen sogar so weit, in der Konferenz, die einmal im Jahr an wechselnden Orten stattfindet, den Kern einer zukünftigen „Weltregierung“ erkennen zu wollen.

Dies ist nichts Neues: Der rassistische, antisemitische und antikommunistische Autor Gary Allen, der 1971 das verschwörungsideologische Standartwerk „Die Insider“ veröffentlichte, schrieb damals, dass das„ultimative Ziel der Bilderberger (…) eine Weltregierung“ sei. Als Verantwortliche wurden die üblichen Verdächtigen ausgemacht.

In fast jedem Pamphlet zur Konferenz werden seitdem die typischen Chiffren verwendet: Hier ist von den Rockefellers und Rothschilds die Rede, denen Verschwörungsideologen im antiamerikanischen und antisemitischen Wahn unterstellen, dass sie – so Allen — nach „einer Welt-Superregierung“ streben würden.

Dieses verschwörungsideologische Konstrukt wird auch auf den Internetseiten des Kopp-Verlages reproduziert. So warnt etwa Webster G. Tarpley auf den Internetseiten, auf denen sich Verschwörungsgläubige außerdem über „spirituelle Vorsorge“ und die baldige Wiedereinführung der Deutschen Mark belehren lassen können, vor den „Bilderbergern“ als „Wurzel der Macht und Weltherrschaft“.

Im Verlagsprogramm sind die dazu passenden Bücher zu finden. Dort berichtet etwa Andreas von Réttyi, der ansonsten auch über angebliche Außerirdische auf Erden aufklären möchte, auf 320 Seiten von den angeblichen Machenschaften der „Bilderberger“, die für ihn „das geheime Zentrum der Macht“ darstellen.

Auf der Internetseite dieses Verlages finden sich nun seit dem 02.12.2012 einige ausgewählte Dokumente aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Verlag veröffentlichte „im Geist von WikiLeaks“ rund 120 Seiten, die streng geheime„Bilderberg-Papiere“ darstellen sollen.

Diese Papiere stammen aus dem Archiv des ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel. Man kann sie im Bundesarchiv in Koblenz einsehen. Die Papiere sind also bei weitem nicht so geheimnisvoll, wie es der Kopp Verlag suggeriert, der behauptet, „unzählige seiner jahrzehntelang geheimen Bilderberg-Akten” entdeckt zu haben. Trotzdem werden die Veröffentlichungen der Papiere von verschiedenen Verschwörungsgläubigen bejubelt.

Endlich, so glaubt man, hätte man Indizien, mit denen man das Konstrukt von der „Weltregierung“ belegen könne. So verweisen verschiedene rechte und esoterische Gruppierungen auf die Papiere.  Die völkische „Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“ bewarb die Papiere ebenso wie die esoterische „Galaktische Föderation des Lichts“.

Wer einen Blick in die Papiere wirft, wird auf Belanglosigkeiten stoßen. Dort sind zum Beispiel seitenweise Dankesschreiben zu finden, mit denen für die Teilnahme an dem Treffen gedankt wird. Dort bedankt sich der eine beim anderen für den „netten Brief“ und schlägt vor „in Kontakt“ zu bleiben. Außerdem gibt es einen Überblick über die Reden, die auf den angeblich so mysteriösen Treffen der „Bilderberger“ gehalten wurden.

Es handelt sich um belanglose Sonntagsreden und Debattenbeiträge, in denen es um die damalige Situation in Europa, um die „Friedensbewegung“ und um Auf– oder Abrüstung geht.  Da spricht der damalige Bundeskanzler Schmidt von der „gleichberechtigten Partnerschaft“ zwischen den NATO-Mitgliedern und der Situation in Afghanistan, da schwafelt der damalige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorf „von der Verpflichtung, den Zusammenhalt der Gemeinschaft freier Völker (…) zu festigen“. Da finden sich seitenweise belanglose Finanztabellen, Verabredungen zu Abendessen und Stichworte für zukünftige Telefongespräche.

Ein Blick in diese Dokumente macht allerdings deutlich, wie irrational der verschwörungsideologische Blick auf das Treffen der „Bilderberger“ ist. Verschwörungsideologen machen aus dem Treffen einiger Politiker, die Zusammenkunft einer angeblichen „Weltregierung“, vor der sie lautstark warnen. Aus den Dokumenten, die nun veröffentlicht wurden, geht allerdings nur hervor, dass auf diesen Zusammenkünften belanglose Reden gehalten werden, die sich in keiner Weise von den Reden unterscheiden, die Bundestag oder auf den Parteitagen zu hören sind.

Von dieser Tatsache werden sich die Verschwörungsideologen allerdings nicht abhalten lassen, um weiterhin das Konstrukt von der angeblichen „Weltregierung“ zu verbreiten, die einmal im Jahr zum Bilderberger-Treffen zusammenkommt.

Darauf verweist auch der Bericht des „Mysteries“–Magazins:„Trotz Verbot enthüllt: die Bilderberg-Geheimnisse der Bundesregierung“, heißt es hier reißerisch. Dort ist ebenfalls von der „Weltregierung” die Rede. Sicherlich werden die Dokumente auch weiterhin von dem einen oder anderen Verschwörungsautor missbraucht werden, um das irrationale Konstrukt von der„Weltregierung“ zu verbreiten. Schließlich geht es ihnen nicht um Fakten, sondern um die Umdeutung der Realität.

MTV-Verschwörung

Martialisch berichtet die Tageszeitung Junge Welt über die Kämpfe in Syrien. Das Vorgehen des syrischen Regimes wird hier nur am Rande erwähnt. Dafür gibt es Gruselstorys und Verschwörungsmythen: „Kampf um Syrien“, lautete die Schlagzeile eines Artikels, der am 12.06.2012 in der Tageszeitung erschien. Dort ging es um „eine großangelegte Propagandaaktion der NATO gegen Syrien“.

Die Junge Welt schrieb über eine „eine virtuelle Übernahme der syrischen Fernsehsender vermutlich ab Freitag Mittag“. Dahinter verortete die Tageszeitung den Geheimdienst CIA, der ein Programm produziert hätte, das „den Eindruck eines zusammenbrechenden Regimes vermitteln solle“. Das Ziel sei ein „Staatsstreich gegen die Regierung von Präsident Baschar Al-Assad“.

Die Tageszeitung berief sich auf  Thierry Meyssan, der einen dementsprechenden Artikel über seine Internetseite verbreitet hatte. In der Tageszeitung wurde Meyssan als „Journalist“ dargestellt. Dabei handelt es sich zuallererst um einen kruden Verschwörungsideologen.

Meyssan ist Autor eines Büchleins, mit dem die Ereignisse des 11. September 2001 umgedeutet werden. Auf seiner Internetseite kolportiert Mayssan zahlreiche Verschwörungsmythen. So schreibt er im Jahr 2008, dass der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy in „Wahrheit“ ein Geheimagent „der Vereinigten Staaten und Israels“ sei. Über die Bilderberg-Konferenz, der Verschwörungsideologen eine unglaubliche Macht nachsagen, schreibt er, dass sie in „Wirklichkeit“ die „Lobby der mächtigsten Militärorganisation der Welt“, der NATO, sei.

Thierry Meyssan schrieb, vor dem Bericht der Tageszeitung Junge Welt, über eine angebliche Geheimoperation gegen das syrische Regime:

In wenigen Tagen, vielleicht schon am Freitagmittag, 15. Juni werden die Syrer, die die nationalen Fernsehkanäle ansehen möchten, von der CIA ersetzte Fernseh-Bildschirme entdecken.

Er berichtete ausführlich über die angebliche Verschwörung, die „von Washington“ geplant worden wäre. Sie würde aber auch „Al-Arabiya, Al-Dschazira, BBC, CNN, Fox, France 24, Future TV und MTV (!)“ umfassen.

Meyssan halluzinierte von mega-geheimen Fernsehstudios, die in den vergangenen „Wochen in Saudi Arabien“ entstanden seien. Dort würden „die zwei syrischen Präsidentenpaläste und die wichtigsten Orte von Damaskus, Aleppo und Homs“ rekonstruiert worden. Natürlich muss Meyssan auch hier jeden Beweis für seine Behauptungen schuldig bleiben, doch das wird die Fans derartiger Verschwörungsmythen nicht stören.

Auch ohne Beweise verbreiten sich die Texte des Thierry Meyssan, etwa über die Internetseiten der Verschwörungsszene: „Truther“ und „Infokrieger“ berufen sich gerne auf den „Journalisten“, der auch in der Tageszeitung Junge Welt als Quelle benannt wird.

Der Text über die Fernseh-Verschwörung von CNN und MTV findet sich nämlich auf zahlreichen Internetseiten der Verschwörungsszene. So kolportiert die antisemitische Internetseite „Der Honigmann“ die Verschwörungsmärchen des Thierry Meyssan. Diese finden sich aber auch auf zahlreichen anderen Internetseiten des Verschwörungsmilieus, auf denen ansonsten über Reichsflugscheiben oder die gezielte Vergiftung der Bevölkerung mit geheimnisvollen„Chemtrails“ berichtet wird.

Auf den Internetseiten des rechts-esoterischen  Kopp-Verlags werden die Texte des Verschwörungsideologen Thierry Meyssan ebenfalls regelmäßig veröffentlicht. Außerdem berichtet die Tageszeitung Junge Welt. Die Märchen dieses anti-amerikanischen Verschwörungsideologen passen nämlich ganz ausgezeichnet zur ebenso anti-amerikanischen Tageszeitung.