Fernseh-Abend mit Sarrazin

Die Aufregung rund um das neue Buch des Deutschen-Bank Aufsichtsratsmitglieds Thilo Sarrazin ließ sich nicht nur auf der Pressekonferenz erkennen, bei der der ehemalige Berliner Finanzsenator sein neuestes Machwerk vorstellte, sondern auch in der ARD-Talkshow „Beckmann“, die am Montagabend über die Bildschirme flimmerte. Bereits das Vorstellungsvideo der Sendung, in dem unter anderem Sarrazins Kampf gegen ein zu üppiges Essen für Hartz-4 Empfänger_innen gezeigt wurde, war eigentlich eine Farce: Da wurden Bilder von Migrant_innen gezeigt, unterlegt durch Beckmanns-Stimme, der Sarrazins Reden von „Kopftuchmädchen“ und „Importbräuten“ rezitierte. Die Szenen und der Zusammenschnitt erinnerten eher an eine Wahlwerbung der „Republikaner“, denn an eine seriöse Fernsehsendung.

Beckmann“ folgte der Selbstinszenierung des Thilo Sarrazin, der seine Aussagen als Tabubruch inszeniert, obwohl Rassismus und Antisemitismus in Deutschland eben keine Tabubrüche, sondern Meinungen sind, die von gesellschaftlichen Mehrheiten vertreten werden. Ist er „ein Populist“, ein „Provokateur“ oder ein„Demagoge mit kruden Ansichten“, fragte sich Beckmann, ohne auf das Naheliegendste zu kommen: Sarrazin ist ein Rassist und ein Antisemit, der unter anderem mit philosemitischen Aussagen, über Jüdinnen und Juden und deren angeblichen Genetik auf sich aufmerksam macht.

Sarrazin ist kein „Provokateur“, auch wenn er sich in der „Bild“–“Zeitung“ so inszeniert. Dort wird er mittlerweile zu einer Art Kanzlerkandidaten aufgebaut: Sarrazin wollten „rund 90% der Bild-Leser“ zum Bundeskanzler machen, weil er „ausspricht, was die Deutschen denken“. Seine Aussagen über das angebliche „Juden-Gen“ und andere „Volksgruppen“ sind so gemeint, wie sie klingen und scheinen zumindest die „Bild“-Redaktion und den lesenden deutschen Mob überzeugt zu haben. „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden“, äußerte sich Sarrazin.

Außerdem – und nicht zu vergessen – die rassistische Hetze, die sich gegen alle Migrant_innen richten, die nach Sarrazin der falschen „Volksgruppe“angehören. Für diesen Sarrazin bot Beckmann den Zuschauer_innen auch noch eine andere Erklärung. Vielleicht sei der Autor auch ein„Klartextpolitiker ohne Angst vor unbequemen Wahrheiten“. Solche Erklärungen werden in den vergangenen Tagen nicht nur von dem wenig charismatischen ARD-Moderatoren bemüht, sondern auch von der NPD, die in Sarrazin, aufgrund seiner Äußerungen, einen der ihren erkennen will.

Doch zurück zu „Beckmann“. Dort brüstete sich Sarrazin mit einer N24-Umfrage, die pro Anruf 50 Cent kostet und bei der 95% der Anrufer_innen sein Anliegen verteidigt hätten. Außerdem hätten ihm Zeitungsredakteure berichtet, wie viele Lesebriefschreiber_innen ihm Recht geben würden.

Sarrazin bewarb den Verkaufsstart seines Buches. Dabei berief er sich auf einen Bericht des Tagesspiegels und einen Bericht der New York Times. Es gäbe auch eine „jüdische Volksgruppe“, dozierte Sarrazin und unterschlug die Kritik an derartigen Thesen, die selbst im Tagesspiegel erwähnt wurde: „Shlomo Sand dagegen hält die Idee einer ‚genetischen Identität“ der Juden für abwegig. ‚Keine Studie hat je eine genetische Markierung gefunden, die typisch nur für Juden ist‘, zitiert ‚Science‘ den Historiker“. Doch auf derartige Antworten ist ein Beckmann natürlich nicht gekommen. So wurde Sarrazins Quellenwahl nicht einmal kritisiert. Statt dessen konnte Sarrazin seine kruden Thesen verbreiten und diesen – mit dem Verweis auf Zeitungsartikel – einen wissenschaftlichen Anstrich verleihen.

Die Rolle des bürgerlichen Kritikers musste der ARD-Moderator Ranga Yogeshwar übernehmen, der den Wahn von „Volksgruppen“ und „Rasse“ in Ansätzen kritisierte. Ansonsten wollte er „als Wissenschaftler“ des Öfteren „einfach widersprechen“, kam allerdings nicht wirklich zu Wort. Sarrazin wurde derweil mit einem Dieter Graumann Einspieler konfrontiert, indem sich der Vizepräsident Vorsitzende des Zentralrats der Juden aufgrund der Thesen Sarrazins an die Rassenlehre der Nationalsozialisten erinnert fühlte. An diesem Punkt hätte mensch die Sendung auch abbrechen können, schließlich war damit alles Notwendige gesagt. Doch Beckmann wollte das Thema weiter „verdichten“ und talkte über Gene, „generatives Verhalten“ und „Vererbung“.

Das war der Zeitpunkt, an dem sich die Grüne Renate Künast und die anderen Politiker_innen zu Wort meldeten, die sich aufs „Wirtschaftswunder“ und die „kulturelle Vielfalt“ beriefen. Sarrazin und diesen vermeintlichen Kritiker_innen geht es vor allem um Deutschland, nur dass seine Fernseh-Duellanten eine andere Herangehensweise propagieren und die Leistungen der Einwander_innen besonders betonen. Sarrazin polemisierte in der Folge erst einmal gegen „den Migranten“, den es gar nicht geben würde: „Es gibt Inder, Osteuropäer, europäische Ausländer, der Süditaliener, alles Mögliche, die jüdischen Immigranten“, zählte Sarrazin an der Hand ab.

Diese „Volksgruppen“ kann Sarrazin ganz genau selektieren. „Vom fernöstlichen Asiaten“ über den„Osteuropäer“ bis zu einer „jüdischen Volksgruppe“. Doch insbesondere die Migrant_innen „aus muslimischen Ländern“ machen ihm Angst, weil ihm Statistiken verraten haben wollen, dass diese besonders kriminell sein sollen. Dass diese Zahlen, mit denen Sarrazin hantiert, nicht unbedingt stimmen müssen, hat selbst die grüne „Taz“ erkannt: „Zwar weist die Berliner Kriminalitätsstatistik bei jugendlichen Intensivtätern eine überdurchschnittlich hohe Zahl von Nichtdeutschen aus. Doch die von Sarrazin als so integriert gelobten Osteuropäer stehen dort an erster und die Vietnamesen an dritter Stelle“.

„Zäsur“ ruft Beckmann: „Überfremdung!“ Ein wichtiges Thema findet der in die Jahre gekommene Moderator, der immer wieder Sarrazins Thesen referiert und gar von einer möglichen „Bedrohung durch Überfremdung“ spricht. Es geht um „Heimat“ und um „Araber“, die sich „Sozialleistungen erschleichen“, indem sie angeblich möglichst viele Kinder bekommen. Hier geht es nicht um Kritik, sondern um plumpe Pflege rassistischer Vorurteile zur besten Sendezeit. „Beckmann“ ist eben auch nur ein deutscher Fernsehstammtisch. Mit einer berechtigten Kritik am Islamismus hatte dieser Stammtisch ungefähr soviel zu tun, wie der „DSC Wanne-Eickel“ mit der Meisterschaft in der ersten Fußball-Bundesliga.

Als es nicht mehr schlimmer kommen konnte, wurde der RTL-Streetworker Thomas Sonneburg in die Sendung gebeten. Sonnenburg steht über sein Trash-Sozialarbeiter-TV-Format in Kontakt mit echten Migrant_innen. Das qualifizierte ihn, genauso wie den ARD Moderatoren Yogeshwar, auf dessen indischen Vater der Moderator der gleichnamigen Sendung bereits zu Beginn verwiesen hatte. Auch Sonnenburg sagte erstaunlich sinnvolle Sachen, war aber bemüht seine Klientel zu stolzen Deutschen zu machen, was den Politiker_innen gefallen haben dürfte, denen es – wie auch Sarrazin – vor allem um Deutschland geht.

Die rassistische Theorie von einer angeblichen Bedrohung dieser Nation, durch andere„Volksgruppen“, zog sich wie ein roter Faden durch die Sendung, so dass Yogashwar und Sonnenburg zeitweilig wie die Verteidiger_innen der Aufklärung wirkten. „Beckmann“ zeigt, dass das Gerede, von jüdischen Genen und kinderzeugenden „Arabern in Deutschland“, aus der Mitte der Gesellschaft kommt und dort reproduziert wird. Es sind ganz spezifische deutsche Verhältnisse, denen Sarrazin entspringt und als deren Ideologe er auftritt. Seine Bühne sind die Medien. Beckmann und die ARD haben ihr möglichstes getan, um Sarrazin diese notwendige Bühne zu bereiten. Dort durfte er, wie er freimütig bekannte, „an der Erhöhung meiner Auflage“ arbeiten. Das durfte dem Liebling von „Beckmann“ und „Bild“ in den letzten Tagen gelungen sein.

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