Der Zeitreisende und ein Kommunist

Als sich am 1. November 2019 der vierzigste Todestag des britischen TV-Autors Malcolm Hulke näherte, erinnerte der britisch-linke “Morning Star” an den vor Jahrzehnten verstorbenen Kommunisten. Obwohl der englische Linke in den 1970er Jahren ein gefragter Autor von für die Popkultur bedeutsamen TV-Produktionen war, blieben die Nachrufe hierzulande aus. Dass das langjährige Mitglied der “Kommunistischen Partei Großbritanniens” für die BBC-Serie “Doctor Who” schrieb, ist in Deutschland kaum bekannt.

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Von den Avengers zum Zeitreisenden 

Malcolm Hulke sammelte am Theater erste Erfahrungen in der Kulturindustrie. Nach einer Produzententätigkeit verfasste der Kommunist in Folgejahren unter anderem Drehbücher für neun Folgen des TV-Hits “The Avengers”. Mit solchen Arbeiten trug Hulke, der zuvor und wohl auch zeitgleich kommunistische Inhalte verfasste, zum damaligen Erfolg des schwarz-weißen TV-Klassikers bei, der nach seiner Eindeutschung als “Mit Schirm, Scharm und Melone” in Westdeutschland versendet wurde. 

Zuvor schrieb der Autor zwei Drehbücher, die als Vorlage für die Spielfilme “Life In Danger” (1959) und “The Man In The Back Seat” (1961) dienten. Zudem wandte sich Hulke phantastischeren Themen zu. Durch “Target Luna” erregte er das Interesse eines BBC-Verantwortlichen. In den folgenden Jahren schrieb Hulke mehrere Handlungsstränge für “Doctor Who”. Insgesamt 54 Episoden, die in Deutschland erst mit einiger Verspätung erschienen, entstanden auf Basis der Drehbücher des englischen Linken.

Diese Arbeiten verliehen der Hauptfigur, dem zeitreisenden Alien vom Planeten Gallifrey, weitaus mehr Tiefe. Zwischen 1967 und 1974 war Malcolm Hulke als Autor an der Science-Fiction Serie beteiligt. Heute können Interessierte, trotz einigen Schwundes anderer Folgen, den Großteil der Episoden, die dieser Autor schrieb, mit wenigen Mausklicks abrufenAuf DVD, Blu-ray oder per Stream gibt es die Folgen mit Patrick Troughton, der die Hauptfigur zwischen 1966 und 1969 spielte, und mit seinem Nachfolger Jon Pertwee, der zwischen 1970 und 1974 den humanistischen Time Lord in der dritten Inkarnation verkörperte, zu sehen.

Manches aus den meist Episoden der britischen TV-Vergangenheit wirkt erstaunlich aktuell. Gerade in den Pertwee-Jahren, die Malcolm Hulke mit seinen Drehbüchern entscheidend prägte, befasst sich die Serie, die oftmals als Produkt für Heranwachsende verunglimpft oder missverstanden wurde, mit universellen Themen, die in kapitalistischen Verhältnissen zeitlos erscheinen. 

Zeitlosigkeit eines Zeitreisenden

Als die Verantwortlichen bei der BBC dem Charakter, einem uralten Außerirdischen mit  Zeitmaschine, ein Erden-Exil in den 1970er Jahre verpassten, konnte die Hauptfigur in den Pertwee-Jahren zeithistorische Ereignisse mit besonderem Sarkasmus, beißender Ironie oder stoischem Zynismus kommentieren. Dass die Schreibenden der Serie tagesaktuelle Themen wie Streiks und Aussperrungen aufgriffen, sorgte für ungewohnte Parteilichkeit der Hauptfigur, die mit Sicherheit zur Popularität des britischen Straßenfegers beitrug. Die antiautoritäre Praxis dieser Hauptfigur, die Anweisungen des britischen “United Nations Intelligence Taskforce” (UNIT) Offiziers, des Brigadiers, dauerhaft ignoriert, wurde auch dank der Mitwirkung von Hulke dauerhafter Bestandteil des Protagonisten. 

Damalige Mehrteiler, die wie der “The Green Death”-Handlungsbogen katastrophale Resultate kapitalistischer Akkumulationsprozesse durch Umweltverschmutzung thematisieren, scheinen auch in der Gegenwart erstaunlich aktuell. Das gilt auch für Episoden, die sich mit faschistischen Herrschaftsformen befassen. Mit dem “Inferno”-Sechsteiler kreierten damalige Verantwortliche einen Handlungsbogen, der auf einer faschistischen Parallelerde angesiedelt ist, deren Regimes mit unverantwortlichen Experimenten die ohnehin tote Erde bedrohte. 

Diese Folgen erschienen in Zeiten, als sich der britische Faschismus erneut an einem seiner Comebacks versuchte, wobei der Sechsteiler als deutliche Kritik an den drohenden Resultaten faschistischer Praxis zu verstehen ist. Sie erinnern an einen anderen Science- Fiction Klassiker: In der vierten Folge der ersten Star Trek Serie, der Episode “Mirror, Mirror”, verschlägt es Captain Kirk und seinen Landetrupp gleichfalls in ein faschistisches Paralleluniversum.  

Auch in den Episoden des “Frontier in Space”Handlungsbogens erleben Zuschauende eine dem Weltraumcaptain nicht unähnliche Figur. Sie sehen einen kämpferischen Doctor, der sich gegen das jeweilige Unrecht erhebt, das ihn auf Erden oder im Weltraum begegnet. Dass es der Zeitreisende, mehr als drei Jahrzehnte vor Grant und Sattler im ersten “Jurassic Park”, mit Dinosauriern aufnahm, sei an dieser Stelle ebenfalls erwähnt. Was wie eine Vorwegnahme heutiger Kinoproduktionen wirkt, ist dem linken Science-Fiction Autoren zu verdanken.

Vom Aktivismus zur Schreibmaschine

Es waren sich der politischen Linken zugehörig fühlende Schreibende, die zur Besonderheit der bereits damals sehr populären BBC-Serie beitrugen. Das beste Beispiel für solche Personen ist Malcolm Hulke. Als Mitglied der von Strömungskämpfen gebeutelten “Young Communist League” (YCL) organisierte sich der schreibende Kommunist schon in jungen Jahren.  Zum Ende des Zweiten Weltkriegs nahm ihn die “Communist Party of Great Britain” (CPGB) in ihre Reihen auf. 

“Als junger Mann verwarf er seinen jüdischen Glauben, wenn auch nicht die jüdische Kultur – und trat der Kommunistischen Partei bei.” Der aktivistische Linke beteiligte sich unter anderem an Besetzungen von Hotels. Mit solchen Aktionen wollten kommunistische Kader in London den Einzug von Wohnungslosen erzwingen. Dass diese Menschen ihre Wohnungen durch die deutschen Bomben verloren, ehrt den frühen Aktivismus des späteren TV-Autoren auch posthum.

Zeit seines Lebens blieb Hulke offenbar der politischen Linken zugehörig. Fest steht, dass er seinem kommunistischen Zirkel bis 1964 angehörte. Mit Sicherheit trug die linke Positionierung des Malcolm Hulke dazu bei, dass viele “Doctor Who”-Episoden der späten 1960er und frühen 1970er Jahre auch heute sehr sehenswert sind. Antifaschistische Mindeststandards sowie antiautoritäre Praxen zeichnen einige Handlungsbögen aus, die zwischen 1969 und 1974 erschienen. Für viele Folgen war der Drehbuchautor direkt verantwortlich.

Im sechsteiligen “Invasion of the Dinosaurs”Handlungsbogen, den Hulke zum Abschluss der dritten Doctor-Verkörperung schrieb, ist ein militaristischer Kriegstreiber der eigentliche Gegner der heroischen Hauptfigur. Im zehnteiligen “The War Games”Handlungsbogen, den Hulke als erstes für “Doctor Who” verfasste, geht es mit War Lords um entsprechende Despoten. Dass solche Menschenfeinde die Produkte irrationaler Verhältnisse sind, machen die Episoden von Malcolm Hulke deutlich.

Überwachung eines Drehbuchautoren

Die Positionierung des “Doctor Who”-Autoren war viele Jahrzehnte nur wenigen Personen bekannt. Zu den Eingeweihten gehörten einige seiner Genoss_innen. Eifrige Angehörige des Geheimdienstes MI5, der unter Druck erst Jahrzehnte nach dem Tod des Drehbuchautoren einige der angesammelten Informationen veröffentlichte, befassten sich gleichfalls mit dem Autoren. Dass seine Briefe gelesen und Telefonate abgehört wurden, sorgte für den großen Datensatz, von dem Hulke nicht mehr erfuhr. Weiteres Aktenmaterial entstand, weil Mitarbeiter von Polizei und Geheimdienst nach direkten Kontakten mit dem TV-Autoren über Jahre Abschriften der Gespräche verfassten. 

Seine Akte, die seit 2014 zumindest in Teilen für die Öffentlichkeit zugänglich ist, umfasst ein Bewerbungsschreiben, mit dem Hulke seine “Communist Party of Great Britain” (CPGB) im Jahr 1947 um einen Job bat. Der Geheimdienst hielt auch fest, dass die Partei ihr Mitglied in den Folgejahren als Schreibkraft beschäftigte, wobei Anrufe aus dem Hauptquartier der stalinistischen Struktur ebenfalls durch die Schnüffelnden der antikommunistischen Agentur dokumentiert wurden.   

Dass sich der MI5 auch in späteren Jahrzehnten mit der publizistischen Tätigkeit des überwachten Kommunisten befasste, mag manche Lesende – angesichts des antikommunistischen Furors in bürgerlichen Klassenstaaten – nicht überraschen. Die aus diesem Grund existierende Akte umfasst unter anderem Analysen von Stücken, die Hulke  im CPGB-Blatt “Daily Worker” und im linksliberalen “The Guardian” unterbrachte. Sie dokumentiert auch, wie der britische Linke ab Ende der 1950er Jahre als Drehbuchautor für TV-Serien und Kinofilme einer monetär sowie ideell recht befriedigenden Form der Lohnarbeit nachging.

Der zugängliche Teil der Geheimdienstakte erstreckt sich bis ins Jahr 1964. Damals war Malcolm Hulke bereits erfolgreich für das ITV-Network sowie die Konkurrenz von der British Broadcasting Company (BBC) tätig. Die Überwachenden hielten den Autoren für einen “gefährlichen Mann”, der seine “kommunistischen Perspektiven ohne Skrupel” vertreten würde. 

Tatsächlich gab es für den Überwachten aber gute Gründe, die ihn zum Parteieintritt bewegten. Der 1924 geborene Hulke berichtet im Rückblick, dass er sich im Kontakt mit Angehörigen der Roten Armee politisierte. Außerdem identifizierte sich der britische Soldat mit den sowjetischen Siegen über den NS-Mordapparat. “Weil die Rote Armee gerade die Deutschen zurückgedrängt hatte”, begründete der Autor im Nachhinein seinen Parteieintritt.

Der Entschluss zur Mitgliedschaft und für den Kommunismus sei “mehr ein emotionaler Ausdruck denn eine logische Schlussfolgerung” gewesen. Dass Hulke, der am D-Day an der militärischen Zerschlagung der deutschen Streitkräfte teilnahm und später ein Programm zur Entnazifizierung in Kiel leitete, sich nicht immer mit den willkürlichen Parteilinien des orthodoxen Marxismus zufrieden gab, dürfte einer der Gründe für Differenzen und Auseinandersetzungen in und mit seiner Communist Party darstellen.  

Von der Zukunftsproduktion und dem Tod

Der MI5 verweigert seit 2014 den Zugang zu den Teilen der Akte, die spätere Jahre der Überwachung umfasst. Die Zeiten, in denen der Kommunist zum Erfolg von “Doctor Who” beitrug, bleiben weiterhin unter Verschluss. So bleibt die Frage offen, ob sich die Agent_innen des Geheimdienstes auch nach 1964 mit den Drehbüchern über die Abenteuer des Zeitreisenden befassten, wobei die baldige Mitarbeit an der Serie schon zuvor festgehalten wurde. Darüber berichtete nicht nur der “Morning Star”, sondern auch das “Doctor Who Magazine”

Über “Doctor Who” sprach Hulke auch nach dem Ende seiner Mitarbeit, wobei er die zeitlose Bedeutung der TV-Serie hervorhob. Sie würde durch die Darstellung von Beziehungen gesellschaftlicher Gruppen politische Tiefe entwickeln. Alle “Doctor Who”-Episoden enthalten derartige Darstellung, “selbst wenn eine andere Gruppe von Leuten aus Reptilien besteht”, so der Autor, der am 6. Juli 1979 verstarb, im Rückblick. 

Als überzeugter Atheist sorgte der Verstorbene vorab dafür, dass es bei seiner Beisetzung  weder einen Priester noch Gebete gab. Inwieweit die Agent_innen des MI5 das Begräbnis dokumentierten, ist nicht bekannt. Heutige “Doctor Who”-Fans, gerade in deutschen Gefilden, wissen meist wenig über den englischen Autor, der nicht nur mit seinen Drehbüchern zur zeitlosen Bedeutung des Science-Fiction-Produktes beitrug.

Schließlich schrieb Hulke sieben “Doctor Who”-Romane. Außerdem verfasste er mit seinem Freund, dem eng mit der Serie verbundenen Terrance Dicks das Standartwerk “The Making of Doctor Who”. Er musste ein “professioneller Autor” werden, sagte Hulke rückblickend: “Ich hatte keine echten Qualifizierungen, um irgendetwas anderes zu sein.”

Ein Gespenst geht um im Fernseher

Mit seinen “Doctor Who”-Drehbüchern inspirierte Malcolm Hulke zahlreiche Autoren, die nach seinem Tod für die BBC-Serie schrieben. Deutliche Reverenzen an die Ideale des Drehbuchautoren, einer emanzipativen Umgestaltung der kapitalistischen Zustände, gab es vor allem 1989. Zum temporären Ende der Serie bedienten sich die Nachfolgenden visueller Mittel und kleiner Dialoge, wobei es in Augenblicken um den Wert der Solidarität und die Macht des kommunistischen Aufhebungsversprechens ging.  

Dass die zum Ende der 1980er Jahre von Sylvester McCoy verkörperte Hauptfigur und seine feministische Begleitung Ace, an deren Kleidung in aller Deutlichkeit ein roter Sowjetstern mit Hammer und Sichel prangte, von der BBC abgesetzt wurde, lag vielleicht nicht nur an der stetig sinkenden Einschaltquote, sondern auch an solchen Momenten. Dieses zeitweilige Ende, das mit dem Zusammenbruch der staatssozialistischen Bürokratien sowjetischer Prägung einherging, erlebte Malcolm Hulke nicht mehr. Zehn Jahre nach dem Tod des Kommunisten verschwand der Doctor zeitweilig vom Bildschirm.

Die Science-Fiction-Figur, an deren echter Herausbildung ein kommunistischer Autor maßgeblichen Anteil besitzt, fristete ihr Dasein nur temporär ausschließlich in Comics, Romanen oder Hörspielen. Ein Spielfilm, der als Auftakt zu einer Serie floppte, blieb Episode. Doch die BBC führt die Abenteuer des Zeitreisenden seit 2005 erneut als TV-Produkt fort. Dass die Figur in einer deutlichen Tradition zu vorherigen Inkarnationen wie dem dritten Doctor steht, zeigt sich in vielen Episoden neueren Produktionsdatums. 

Fortführung der Traditionslinien

Auf den Spuren seiner Vorgänger kämpfte der mittlerweile elfte Doctor nicht nur gegen Aliens wie die Daleks, sondern auch gegen deutsche Nationalsozialisten. Als es den Zeitreisenden in das Berlin von 1938 verschlug, spürte der “Führer” in der “Let’s Kill Hitler”Episode direkte Folgen. Die Thematisierung von Rassismus, von Homophobie oder von Sexismen findet sich vor allem in neueren Episoden, wobei ein weiterer Höhepunkt in einer holprigen Entwicklungsgeschichte mit der aktuellen Ausformung des Zeitreisenden erreicht wurde.

In Paris beantwortet der dreizehnte Doctor, der endlich als Frau inkarnierte, eine entsprechende Frage. “Niemals”, betont die aktuelle Hauptfigur, die an die Tradition der dritten Verkörperung anknüpft, zur Beruhigung einer Resistance-Kämpferin, welche den dauerhaften Sieg des Nationalsozialismus fürchtet. Über solche Dialoge, die an die geschilderten Vorarbeiten von linken Drehbuchautoren wie Malcolm Hulke anknüpfen, hätte sich dieser Schreibende bestimmt gefreut.

Aufgrund seines Todes entging dem Autor aber nicht nur die aktuelle Fortführung der Science-Fiction-Serie, sondern auch der Niedergang und die Implosion der von seiner Partei idealisierten Sowjetunion. Außerdem erfuhr Hulke nichts über den Grad der Überwachung durch den antikommunistischen Staat, deren Ausmaß auch zum Ende des Jahres 2020 nur in Auszügen bekannt ist. 

Mehr zum Thema: Nachdem Darstellerin Katy Manning mit ihren Erinnerungen an den Drehbuchautor einleitet, spricht Michael Herbert in einem Onlinetalk der “Working Class Movement Library” über den Autor. “Doctor Who and the Communist: the writing and politics of Malcolm Hulke” ist auf YouTube zu sehen. Das gleichnamige Buch ist leider nicht in Deutschland erschienen. Dafür gibt es im Netz einen weitaus umfassenderen Beitrag des Experten.

Corona-Freude

“Es ist schön zu sehen, dass Menschen von ganz alleine in Panik verfallen, wenn die Einschläge näher kommen”. So erfreute sich “Extinction Rebellion Oldenburg”, die eigentlich mit “friedlichem Ungehorsam auf den drohenden Klimakollaps” aufmerksam machen möchte, an der derzeitigen Lage. Ihre Facebook-Erklärung vergleicht Menschen, die als “größter Feind” dargestellt werden, mit der Viruserkrankung COVID-19. Nicht nur auf Facebook begeisterte sich der hiesige Ableger der Öko-Truppe an der Pandemie.

Mit einem weiteren Instagram-Statement wandten sich die hiesigen Aktivist_innen an die Öffentlichkeit. Dort finden sich ganz ähnliche Positionen. Jetzt könne “eine ganze Welt in Panik verfallen und die außergewöhnlichsten Maßnahmen ergreifen”, schrieben die Verantwortlichen freudig. “Nicht der Corona-Virus, sondern wir Menschen als Verursacher des Klimawandels bilden unsere größte Bedrohung”, hieß es dort. “Wir bleiben dran”, drohten die Verantwortlichen zum Abschluss auf beiden Plattformen.

So führt “Extinction Rebellion” auch in der hiesigen Kleinstadthölle ihre Politik fort. Zuvor gründete die deutsche Truppe, die sich in einem Flyer der Polizei andiente, einen Chor, der im “Land der Richter und Henker” mit nationalistischen Phrasen und plumper Panikmache  manche Aktionen begleitete: “Kämpft für ein lebenswertes Land”, hieß es in einem umgedichteten Kinderlied, während mit einem anderen Song vor einer bald drohenden “Apokalypse” gewarnt wurde.

Dass diese Sänger_innen zudem die antifaschistische Partisan_innen-Hymne “Bella Ciao” durch ihre Umdichtung entwerteten, verwundert angesichts der sonstigen Positionen von “Extinction Rebellion” nicht. Der britische Begründer der menschenfeindlichen Bewegung, Roger Hallam, relativierte schließlich gleich mehrfach die Shoa. In einem Interview mit der “Zeit” verharmloste er das deutsche Menschheitsverbrechen als “fast normales Ereignis”. Derartige Äußerungen wiederholte der ideologische Führer in Gesprächen mit dem “Spiegel” und der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”.

Roger Hallam ist keine Ausnahme. Das zeigen die offenbarenden Statements von weiteren Aktivist_innen wie Gail Bradbrook, die gleichfalls Mitgründerin von “Extinction Rebellion” ist. Die Vordenkerin der autoritären Bewegung, die mit der Angst vor dem Weltuntergang arbeitet, verglich in einem Vortrag den Einsatz von Zyklon-B in der Shoa mit dem menschengemachten Klimawandel. Zwar distanzierte sich Tino Pfaff, der deutsche Sprecher der Struktur, in einem Interview halbherzig von solchen Ausführungen. Allerdings gelang es ihm, nur wenige Sätze darauf, gleichfalls die Shoa zu relativieren.

Dass solche Positionen für einen völkischen Aktivismus attraktiv sind, offenbaren zustimmende Kommentare aus diesem Spektrum. Auch solche Personen spricht “Extinction  Rebellion” offenbar an. Damit erfüllt sich ein Traum, den die zur Bewegung gehörende “Umweltanwältin” Farhana Yamin in einem Handbuch umschrieb: “Es ist notwendig, dass alle sich zusammenschließen – Linke, Rechte und jede politische Couleur dazwischen.” Wortführer_innen von “Extinction Rebellion”, die von solcher Querfront schwärmen, fordern zudem “Kriegswirtschaft” und “Kriegsmobilierung”.

Die Autorin Jutta Ditfurth wies unter anderem in der Monatszeitschrift “Konkret” darauf hin, dass sich die Vordenker_innen für die sogenannte und menschenfeindliche “Tiefenökologie” begeistern. “Extinction Rebellion” sei eine ökorassistische und antisemitische “Weltuntergangssekte”. Die Anführer_innen propagieren menschenfeindliche Ideologien, der offenbar auch die Aktivist_innen aus Oldenburg verfallen sind. Das zeigen die jüngsten Ausfälle des hiesigen Ablegers sehr deutlich.

Extinction Rebellion Sticker unter antifaschistischem Aufkleber
“Extinction Rebellion” Sticker klebten nicht lange (Alexanderstraße, Oldenburg)

Attacke der Antisemit_innen

Mehr als einhundert Menschen nahmen am vergangenen Donnerstag in Oldenburg an einer Demonstration teil, die “Trauer um die rassistische Ermordung von 9 Menschen in Hanau” ausdrücken sollte. Vorab bewarb vor allem die verschwörungsideologische “Aufstehen”-Struktur für diese Manifestation, die von einem verbandelten Verein zur “Städtefreundschaft” mit der kurdischen Metropole Afrin organisiert wurde. Ansonsten blieb die Mobilisierung mau, was die niedrigen Teilnehmer_innenzahlen erklären dürfte.

“Aufstehen” benutzte zur Werbung eine Fotomontage, wobei sie eine Vorlage verwendeten, die einen islamistischen Aufmarsch des französischen “Collectif Contre l’Islamophobie” zeigte. Im Aufruf der Organisator_innen war unterdessen davon die Rede, dass “wir alle gemeint” (!) seien, wenn Rassist_innen wie in Hanau morden. Der Text erschien auf einem links-alternativen Weblog, der sich “Oldenburger Rundschau” nennt. Vor der Demo-Ankündigung bewarb diese Internetseite einen anthroposophischen Gnadenhof, welcher “Gemeinsamkeiten zwischen Holocaust und Tierhaltung” ausgemacht haben möchte. Hinzu kamen Hinweise auf Veranstaltungen, die das antisemitische “Bremer Friedensforum” organisierte.

Zum Beginn der Demonstration in Oldenburg, die den rassistischen Morden von Haunau folgte und auf der eine Friedens- sowie mehrere Regenbogenfahnen flatterten, attackierten Personen aus der für den Israelboykott eintretenden BDS-Struktur einige Antifaschist_innen, die gegen deren Teilnahme intervenierten. Der plötzliche Übergriff, an dem sich mehrere Antisemit_innen beteiligten, wurde während der Auftaktkundgebung von den Organisator_innen am Lautsprecherwagen, an dem DinA-4-Porträts der Opfer klebten, nicht thematisiert: sie schwiegen zum Vorfall, um stattdessen eine Rede aus München zu recyclen, die dazu aufrief, nicht wegzuschauen.

BDS in Oldenburg
Israel-Feinde: BDS-Kader in Oldenburg (27.02.2020)

Die Attacke der Antisemit_innen, die für die Betroffenen glücklicherweise keine körperlichen Konsequenzen nach sich zog, wurde offenbar toleriert. Anstatt die Täter_innen auszuschließen, übten sich die Organisator_innen im üblichen Appeasement gegenüber den BDS-Aktivist_innen. So konnte der Wortführer der bundesdeutschen BDS-Struktur, Christoph Glanz, mit seinen Unterstützer_innen weiterhin an der Auftaktkundgebung teilnehmen.

Stattdessen wurde, nur wenige Minuten nach dem Vorfall, eine Rede der “Deutsch-Israelischen Gesellschaft” (DIG) durch den Anmelder gestört, der sich in den Lautsprecherwagen begab, um die Sprecherin mehrfach zu unterbrechen. Der Aktivist drohte zudem mit seinem sofortigen Abgang, wenn das Vorzeigegesicht der deutschen BDS-Bewegung, das zur Aktion den symbolischen Kufija trug, nicht an seiner Demonstration teilnehmen könne.

Der Anmelder setzt sich eigentlich für die Städtefreundschaft mit dem geschundenen Afrin ein. Am vergangenen Donnerstag engagierte er sich allerdings für den namhaften Antisemiten, der unter anderem einem Querfront-Blättchen, das den Namen “Neue Rheinische Zeitung” benutzt, ein Interview gab: nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima und nach dem Unfalltod von Jörg Haider munkelte diese Netzpublikation von israelischen Verantwortlichen, was verschwörungsideologische Topoi ihres Antisemitismus sind.

Die Mehrheit der Demonstrant_innen dürfte von dem Vorfall um die DIG-Rednerin und von der Forderung des Anmelders indes nichts erfahren haben: sie wurden nach der Unterbrechung mit Tracks von “Irie Révoltés”, “Danger Dan” und “Green Day” beschallt, wobei vor allem grün-gelb-rote YPG-Winkelemente wehten. Die politische Erpressung des Anmelders funktionierte unterdessen. Glanz und andere Antisemit_innen aus der BDS-Struktur beteiligten sich zumindest zum Beginn an dem Trauermarsch, der die Demonstrant_innen durch das dunkle Oldenburg führte.

Unter diesen Marschierenden befand sich der BDS-Barde Hassan Vivo, der auf seiner Facebook-Seite diverse Mordphantasien gegen Jüdinnen und Juden verbreitet. Dort teilt er zum Beispiel die Hetze des PFLP-Schlächters Ghassan Kanafani, der als Teil der PFLP-Auslandsorganisation 1972 das Lod Airport Massaker orchestrierte, bei dem 26 Menschen ermordet und Dutzende verletzt wurden. Als Sänger von “Seitun” trat Vivo, mit weiteren Feinden des Judenstaates, auf zwei BDS-Veranstaltungen in der Region auf, wobei es mehrfach zu Relativierungen der Shoa kam.

BDS-Barde mit Band (Wilhelmshaven, 27. Mai 2018)
BDS-Barde mit Band (Wilhelmshaven, 27.05.2018)

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Organisator_innen und ihre Unterstützer_innen zukünftig verhalten. Bislang blieb die öffentliche Distanzierung zur antisemitischen Boykott-Bande leider aus. Eine gewisse Nähe bestand ganz offensichtlich bereits zuvor. Dass die Verantwortlichen um den Anmelder die geschilderten Vorfälle aufarbeiten, ist daher sehr unwahrscheinlich.

Vielleicht verschweigt der mittlerweile erschienene Bericht in  der links-alternativen “Oldenburger Rundschau”, die in der Vergangenheit “eine Kritik an der israelischen Politik trotz Auschwitz” einforderte, die geschilderten Geschehnisse genau aus diesem Grund. Immerhin löschte “Aufstehen” ihre krude Fotomontage. Auf ihrer Internetseite findet sich nun Werbung für eine Aktion von Landwirt_innen.

Fast wie in Kabul

“Frau J” liebt ihre “GUTMENSCHEN Tochter”. Die Gefühle sind so groß, dass die AfD-Wählerin auf Twitter regelmäßig über die namenlose Heranwachsende berichtet. Nach einem Besuch in Oldenburg erzählt dieser Nachwuchs angeblich, dass diese Stadt “nur aus Knack…en” besteht: “das muß schlimm sein”, munkelt “Frau J”, während sie ihren Hass im Netz erbricht.

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Alte Feindbilder im neuen Antrag

Die “Deutsche Kommunistische Partei” (DKP) beuteln mittelschwere Machtkämpfe. Einheit verspricht sich die Führung, die den derzeitigen Vorstand dominiert, durch Auflösung der organisierten Opposition. Die träumt vom “dritten Pol”, der gesellschaftliche Kräfte weit über die Linke hinaus” umfasst. Ein Leitantrag dient nun der inhaltlichen Positionierung, die die DKP-Mehrheit betreibt. Es entstanden Inhalte, die einiges über den Zustand der Struktur verraten. Das Papier wendet sich gegen eine Chimäre, die als “antideutsche Bewegung” gezeichnet wird. Linksnationale Phrasen begleiten die entsprechende Einordnung des modernen Antisemitismus, der sich vor allem gegen Israel richtet.

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Alternative für mürbe Mehrheiten

“Besser als ein Rock-Konzert”, behauptet die Partei im Nachhinein.  Beifall brandet auf, als der 1956 geborene Parteiführer Christoph R. Hörstel zum Abschluss des zweiten Bundesparteitags der Deutschen Mitte (DM) an sein Mikrofon tritt. Frenetischer Jubel im Saal, nachdem der Vorsitzende seine Ausführungen beendet. Rund 200 Parteimitglieder zelebrieren durch “tosenden Beifall” die Verbundenheit mit ihrem Vordenker, der sich als Gründer und Visionär inszeniert. Der Verschwörungsideologe offenbart in einem Bio-Hotel in Berlin-Köpenick seine Vorstellungen. Zunächst habe Hörstel eine “Bewegung” geschaffen, die “die 3.000er Marke überschreitet”. Parteimitglieder sollen nun die erschreckenden Pläne realisieren, die die rigide Führung konzipiert.  

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Nazis im Weltall

Manchmal kommen die Nazis mit „Reichsflugscheiben“ aus dem Erdinneren. Es ist kaum zu glauben, aber es gibt tatsächlich Menschen, die behaupten, dass sich die ehemalige Elite der Nationalsozialisten nach 1945 in der Antarktis angesiedelt hätte. Nach dieser wahnhaften Verschwörungstheorie haben sich die Nazis 1945 in der Antarktis, im sogenannten „Neuschwabenland“, niedergelassen. Sie führen von dort einen Krieg gegen die Alliierten.

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Festung Europa

In der Nacht zum Mittwoch sind während der Überfahrt von Libyen nach Italien bis zu 150 Menschen ertrunken. Das Fischerboot (…) war zuvor in rauher See gekentert. Bis Mittwochabend konnten 51 Menschen geborgen werden. Nach Angaben der Küstenwache waren wohl 200 Flüchtlinge an Bord des 13 Meter langen Kutters, der am Montag Libyen verlassen hatte.

Frankfurter Allgemeine – Zeitung für Deutschland, 07.04.2011

Der anarchronistische Zug der Anthroposophen

Zum hundertfünfzigsten Geburtstag (27. Februar 2011) des ideologischen Vordenkers der Anthroposophie, Rudolf Steiner, haben sich dessen Jünger eine geeignete Werbemaßnahme einfallen lassen, um die Ideen der Anthroposophie zu verbreiten.

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Fernseh-Abend mit Sarrazin

Die Aufregung rund um das neue Buch des Deutschen-Bank Aufsichtsratsmitglieds Thilo Sarrazin ließ sich nicht nur auf der Pressekonferenz erkennen, bei der der ehemalige Berliner Finanzsenator sein neuestes Machwerk vorstellte, sondern auch in der ARD-Talkshow „Beckmann“, die am Montagabend über die Bildschirme flimmerte. Bereits das Vorstellungsvideo der Sendung, in dem unter anderem Sarrazins Kampf gegen ein zu üppiges Essen für Hartz-4 Empfänger_innen gezeigt wurde, war eigentlich eine Farce: Da wurden Bilder von Migrant_innen gezeigt, unterlegt durch Beckmanns-Stimme, der Sarrazins Reden von „Kopftuchmädchen“ und „Importbräuten“ rezitierte. Die Szenen und der Zusammenschnitt erinnerten eher an eine Wahlwerbung der „Republikaner“, denn an eine seriöse Fernsehsendung.

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