Abstecher zur Ahnenstätte

An anderen Orten verweisen die unscheinbaren, kleinen und rostbraunen Schilder auf ein Panzermuseum, ein Kloster oder eine KZ-Gedenkstätte. In diesem Fall zeigt der Wegweiser, dem neugierige Reisende spontan folgen, in Richtung eines Friedhofs, der in ruhiger Natur liegt. Dass es sich um eine “Ahnenstätte” völkischen Ursprungs handelt, verrät die Beschilderung an der Landstraße zwischen Delmenhorst und Oldenburg nicht. 

Grabstätte im Grünen

Auf den ersten Blick wirkt das waldige Gelände, das von hohen Baumreihen und weiten Feldern umgeben ist, recht friedlich. An einem sandigen Zugang befindet sich das vom Schriftzug “Ahnenstätte Hilligenloh” gekennzeichnete Eingangstor. Dahinter zweigen sich kleine Wege, die durch die gepflegte Grabanlage führen.

Am Eingang stehen Gedenksteine für ein völkisches Duo: Erich und Mathilde Ludendorff, die mit Antisemitismus, Anti-Katholizismus und klassischen Verschwörungstopoi eine völkische Sekte begründeten, ehren Betreibende, die Gesinnungen der Geehrten verschleiern. Grabschmuck und Beschriftungen offenbaren ebenfalls deutlich, dass sich Besuchende auf einem völkischen Friedhof befinden.

Von ganz rechten Deutschen verwendete Todes- und Lebensrunen, die im Nationalsozialismus populär waren, markieren vielfach die Geburts- und Todesdaten der Verstorbenen. Viele Adolfs und manche Heinrichs verrotten in der “Ahnenstätte”, die Anfang der 1930er Jahre als “Deutschvolkfriedhof” entstand. Die grüne Anlage wurde zum Vorbild für ähnliche Grabstätten, die bis heute bei Nazis beliebt sind.

Nach 1945 übernahm eine Neugründung den Fortbetrieb. Der 1948 gegründete Verein knüpfte an vorherige Zeiten an. Schließlich wollte die Struktur für (…) Mitglieder und alle freigläubigen Deutschen” eine “würdige letzte Ruhestätten (…) errichten”. Alfred Manke prägte das Vereinsleben. Der rechte Verleger aus Bassum war 17 Jahre Vorsitzender der Gruppierung. Als Gründungsmitglied der NS-Nachfolgepartei NPD, für die er zum Bundestag kandidierte, erreichte Manke eine größere Bekanntheit in der Öffentlichkeit.

Ab 2008 leitete der damalige Waldorflehrer Wolf-Dieter Schröppe den Verein, der seine eigene Geschichte verharmlost. Als eine Tageszeitung seinen Namen nannte und Schülerinnen ihren Lehrer beim Googeln entdeckten, distanzierte sich die esoterische Erziehungsanstalt. Sie wies 2015 aber darauf hin, dass sich ihr Weggefährte im “schulischen Bereich nichts zuschulden kommen lassen” habe. Den Vereinsvorsitz übernahm unterdessen ein Jurist aus Berlin.

Legenden der Ludendorffer

Wer sich auf den Friedhof im Grünen begibt, findet nur wenige Informationen zur Anlage. Es gibt eine kleine Tafel, die Besuchende am Zentrum der “Ahnenstätte” entdecken. An einem kleinen Häuschen, das zu anderen Zeiten als Treffpunkt für trauernde Völkische dienen mag, liegen zudem dürftige Handzettel aus.

Die Verantwortlichen, die diese vierseitige Verharmlosung und die inhaltlich ähnliche Tafel schufen, verdrehen historische Tatsachen. Ihre fotokopierte “Kurzchronik” zur “Ahnenstätte Hilligenloh” erzählt die angebliche Geschichte des Areals anhand von “alten Akten, privaten Schriftstücken und mündlichen Überlieferungen”. Um die historischen Wahrheiten, die die Betreibenden verharmlosen, drücken sich die Ausführungen herum. 

Erst im sechsten Absatz erfahren Interessierte von den “Ludendorffanhängern”, die den “Deutschvolkfriedhof”, der in der verharmlosenden Verteidigungsschrift der Verantwortlichen zum privaten Projekt mutiert, zwischen 1931 und 1932 errichteten. In den folgenden Absätzen verstecken sich wenige historische Fakten, wobei eine kritische Einordnung weitgehend ausbleibt. Stattdessen bezieht sich die entlastende Erzählung auf norddeutsche Mitglieder des völkischen “Tannenbergbund” (TB), die ihren antisemitischen Schirmherren für die geplante “Ahnenstätte” bei Oldenburg mobilisierten. 

“Offenbar wegen seines großen Ansehens setzte General Ludendorff die Genehmigung auch durch”, heißt es in der beschönigenden Beschreibung, die den autoritären Militaristen, der sich wenige Jahre nach seiner Militärdiktatur mit Hitler im Putschen probierte, in bestes Licht rückt. Dass dieser Menschenschinder, der sich insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg einem esoterischen Antisemitismus hingab, für eine spezifische Form des deutschen Wahns steht, benennt das beschönigende Schriftstück der “Ahnenstätte” nicht.  Stattdessen verwandelt der Verein den “Apostel einer völkisch-antisemitischen Ideologie”  in eine antifaschistische Figur.

Spielart des Antisemitismus

Mit antisemitischen und rassistischen Veröffentlichungen führten die Ehefrau, Mathilde, und ihr Ehemann, Erich, einen Kampf gegen “überstaatliche Mächte”, wobei sie sich auf typische Grundlagen wie die “Protokolle der Weisen von Zion” beriefen. Diverse Freimaurerlogen, die katholische Kirche sowie die kommunistische Weltbewegung und der Jesuitenorden hätten sich, so phantasierten die Ludendorffs, mit mächtigen Jüdinnen und Juden verbunden, um die Welt zu beherrschen. Das Ehepaar versuchte sich an einer stetigen Aktualisierung ihres verschwörungsideologischen Antisemitismus.

Die Witwe verschnulzte diese Inhalte auch viele Jahrzehnte nach dem Tod des Gatten, der 1937 verstarb. Das deutsche Märchen, bei dem germanische Lichtgestalten die jüdischen “Schacht”-Menschen besiegen, nutzte die Ludendorff auch in postnazistischen Zeiten, die dem Vernichtungskrieg und der Shoah folgten. Bis in die 1960er organisierte Mathilde Ludendorff ergebene Gefolgsleute, wobei der antisemitische Hass in ihrem “Bund für Deutsche Gotterkenntnis” weiterhin ideologischer Kitt blieb: “Ganz Westberlin sieht aus wie eine Kolonie von Israel”, hetzte ein Gefolgsmann beispielsweise in einem Text, der in einem Produkt des  Ludendorff-Verlages “Hohe Warte” erschien.

Als der völkische Herausgeber, Freiherr Karg von Bebenburg, am 13. Januar 1960 wegen des antisemitischen Hetzartikels verurteilt werden sollte, war seine Schwiegermutter bereits im Rahmen der sogenannten Entnazifizierung als Hauptschuldige eingestuft worden. Dass die Schmähschrift Heinz Galinski und Joachim Lipschitz als von “Haß gegen die Deutschen berstende Juden” dämonisierte, reichte im Deutschland der Naziväter noch nicht einmal für die sechs Monate, die der Staatsanwalt forderte. Weil der Prozess gegen ihren Schwiegersohn unverständlicherweise mit einem Freispruch endete, konnte sich die deutsche Fanatikerin noch einmal freuen. Sechs Jahre später verstarb Mathilde Ludendorff.

Huldigung einer Antisemitin

Diese “Urgroßmutter des deutschen Antisemitismus” ist neben ihrem Ehepartner auf dem Neuen Friedhof in Tutzing bestattet worden. Dort steht die Villa des den deutschen Wahn erbrechenden Pärchens. Heute beheimatet dieses braune Haus den “Bund für Deutsche Gotterkenntnis”, der sich in die Tradition der Ludendorffs stellt.

Zwischen Delmenhorst und Oldenburg erhalten Gefolgsleute mit ihrer Vorfeldorganisation unterdessen die “Ahnenstätte Hilligenloh”. Teile des Vereins danken den Ludendorffs auch im neuen Jahrtausend für ihre angebliche “Aufklärung (…) über das NS-Regime”. Dafür verschweigen die Mitglieder deren Antisemitismus und ihre Verschwörungsphantasien. Die völkisch-religiöse Vordenkerin und den Militaristen verehren die Betreibenden, trotz ihrer “überholten (…) politischen Äußerungen”, mit großen Gedenksteinen.  

Wer einen Moment in der Anlage verbringt, mag vielleicht völkischen Figuren begegnen, die Auswärtige misstrauisch mustern. Die Begegnung mit ähnlich gesinnten Angehörigen, die sich an einem “Sippen”Brocken sammeln, ist möglich, was die Visite ebenfalls nicht angenehmer gestaltet. Das ungute Gefühl legt sich erst, nachdem die gespenstisch-grüne Grabanlage über den staubigen Feldweg verlassen ist. 

Von der Landstraße sind es nur 750 Meter bis zur “Ahnenstätte”, die dank der bräunlichen Beschilderung, die in der postnazistischen Bundesrepublik zum Straßenbild gehört, von Reisenden rasch zu erreichen ist. Mancher Mensch, der dem deutschen Wahn verfiel, liegt dort begraben. Dass die Mathilde und Erich Ludendorff huldigende Infrastruktur des völkischen Antisemitismus auch in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts fortexistiert, beweist der Besuch dieser deutschen Anlage allemal.

Erinnerungen des Erzoberlenkers

Seine Erinnerungen an eine „Lebensbegegnung“ findet sich in vielen Bücherregalen von Anthroposophinnen und Anthroposophen. Aktuell werden sie unter anderem in der Waldorf-Zeitschrift „Erziehungskunst“(02/11) beworben. Die Erinnerungen Friedrich Rittelmeyers – ein evangelischer Pfarrer, der sich zum Anhänger Steiners mauserte und zum ersten „Erzoberlenker“ der anthroposophischen, neugnostisch-esoterischen „Christengemeinschaft“ wurde – werden seit Jahrzehnten vertrieben. Der Verlag „Urachhaus“sieht in dem Buch eine Möglichkeit, sich „ein besonders authentisches Bild“ über Rudolf Steiner zu verschaffen.

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