Liturgien des Verschwörungsglaubens

„Wir rocken Bremen“, meldeten Mitglieder der Deutschen Mitte, die ein ausdauernder Verschwörungsinterpret unterstützte. Kader der Kleinpartei errichteten im vorherigen Monat nicht nur in der Hansestadt einen Infostand, um letzte Unterstützungsunterschriften für den Wahlantritt zu sammeln, sondern agitierten auch in der niedersächsischen Provinzhauptstadt. Die Sammelaktionen der Parteimitglieder, uniformiert in weißen Westen, begleitete der Sänger der „Bandbreite“. Der Musikant reiste aus Nordrhein-Westfalen an die Weser, um im Anschluss ebenfalls mehrere Tage in Hannover aufzutreten. Die verzweifelt anmutenden Bemühungen krönte ein Teilerfolg, der den laufenden Wahlkampf ermöglicht; in anderen Bundesländern ist die Kleinpartei zumindest dieses Mal an mangelnder Unterstützung und fehlenden Strukturen gescheitert.

Verschwörungstreffen in der Hansestadt: Dauerauftritte in Bremen

Mitglieder, die im Ruhrpott leben, gelangten im vergangenen Monat in die Hansestadt, um im stundenlangen Einsatz den Antritt zur Bundestagswahl zu sichern. Ansprachen am Hauptbahnhof und am Bremer Roland richteten sich an potentielle Unterstützung, deren Unterschrift erbeten wurde. Ein Dauerauftritt der „Bandbreite“, die das Sammeln mit lästigem Liedgut und ausdauernden Ansprachen begleitete, begeisterte die wenigen Fans, die teilweise aus ostfriesischen Ansiedlungen wie Leer anreisten. Auf den „Kundgebungen“ klagte der Sänger vor Parteiwerbung über vermeintliche Verschwörungen, die er für die Anschläge des 11. September 2001 und die Genese des „Islamischen Staates“ verantwortlich macht. Zwischen seinen Songs kombinierte Marcel Wojnarowicz angebliche Konspirationen und Kriege, die der „US-Imperialismus“ initiieren und steuern würde.

Liedermacher im Wahlkampf (Bremen, 07.07.2017)

Nach zeitraubenden Auftritten am Hauptbahnhof, die trotz antirassistischer Kundgebung und zeitgleicher G20-Mobilisierung, ohne bemerkenswerte Gegenproteste verliefen, nächtigten Aktivisten und Musikant in einem Hotel in Vahr. Anschließende Vorstellungen am Bremer Roland verliefen weitgehend störungsfrei: “Leider keine Gegenwehr”, konstatierte das antirassistische Projekt “ContRa e.V.”. Passanten unterstützten den Wahlantritt des Verschwörungsprojektes stattdessen mit ihrer Unterschrift. Dass die Kleinpartei nach Boykott und Auflösung Israels mehrere Millionen Jüdinnen und Juden verschiffen möchte, rief keinen Protest hervor. So konnte die Truppe durch Chiffren und Codes die Menschen anzusprechen, die Kapitalismus durch verschwörungsideologische Vorstellungen mystifizieren. Dass „Kartelle“ die Welt beherrschen, bis sie sich als „Feind ALLER Völker“ entlarven, glaubt nicht nur der gesundheitspolitische Sprecher der Partei. 

Passende Inhalte vermittelten Parteianhänger, indem sie Plakate gestalteten. Während Wojnarowicz, der kürzlich erneut auf dem „Linken Liedersommer“ auftrat, am Bremer Roland seine Stimme erhob, befestigten Fans ihre gebastelten Schilder, die typisches Merkmal verschwörungsideologischer Liturgien sind. Malende Paranoide warnten vor „Chips“, die per Implantat in den Körper gelangen: „Hala-Fleisch“ (sic!) und „Frühsexualisierung unserer Kinder“ empörten einen Verantwortlichen. Eine andere Malerei appellierte an eine „ganz normale Bürgerpflicht“. Es gehe darum, „unsere deutsche Kultur und unsere Werte zu verteidigen“, forderte das deutschnationale Wutbürgertum per Pappschild. Während des Auftritts hing es vor Wojnarowicz, der bereits Occupy-Märsche und Montagsmahnwachen beschallte. Mittlerweile bringt es der Künstler auf mehrstündige Soloauftritte, die ein Potpourri aus Querfrontschlagern beinhalten. Während langer Liturgien, deren Inhalte sich gleichen, verkündet der Duisburger verschwörungsideologische Mythen.    

Abstecher in die Provinz: Sammeln in Hannover

„Wir sind alle in Hannover“, meldete Reza Begi, der nach einer Phase als Anmelder anti-amerikanischer Aufmärsche scheinbar als Parteiaktivist eine weitere Karriere beginnt. Der Akteur, der Israel als „Terrorstaat“ dämonisiert, an Aufmärschen von Shoaleugnern teilnahm und Ansprachen auf deutschnationalen Versammlungen anstrebte, fand zum jetzigen Wahlkampf seine Kleinpartei, die er unterstützt. Weil immer noch Unterschriften fehlen, traten „Bandbreite“ und Parteikader wie Begi im September mehrfach in der niedersächsischen Landeshauptstadt auf. „Jugendliche finanziell anreitzen“ (sic!), empfahl ein Mitglied solchen Sammelnden, deren Zeit knapp wurde. Ortvorschläge kursierten ebenfalls: „Arbeitsamt. Oder Pennerheim“ (sic!), schlug ein Aktivist vor.

Ein Anhänger aus Würzburg verwies auf alkoholische Hilfsmittel: „Mit Guttis bekommt man Unterschriften: Süßigkeiten für Kinder, Secco für Frauen und Bier für die Männer“, empfahl dieses Parteimitglied, das nach eigenen Angaben gen Bundestag marschieren möchte. „DM trägt alle Kosten und mehr“, lockte derweil der Vorsitzende, Christoph Hörstel, kurz vor Ablauf der Fristen. Mitgliedern erklärte er, wie sie das zeitweilige Fernbleiben von Lohnarbeitarbeitsverhältnissen erklären: „Krank melden, Todesfall in Familie, unbezahlter Sonderurlaub“, riet der Parteiführer. Während Kader und Künstler in betroffene Bundesländer reisten, offenbarte der Vorsitzende sein magisches Denken: „Vom Bundestag trennen uns jetzt noch ganze 1.500 Unterschriften“, behauptete Hörstel im festen Glauben an den totalen Wahlsieg.

Liturgien eines Liedermachers

Nachdem die Fristen abgelaufen waren, rationalisierte die Parteispitze ihr Scheitern in manchem Bundesland durch Erzählungen: „Landeswahlleiter Rheinland-Pfalz verweigert Quittierung für angenommene Unterstützer-Unterschriften (UU). Büroleiter Weidenfeller legte am Telefon einfach auf“, behauptete die Kleinpartei, deren Mitglieder sich plötzlich im Zentrum eines Komplottes glaubten. In Wahrheit gehe es darum, „das Beste was Deutschland zu bieten hat, im Keim zu ersticken“, empörte sich eine Anhängerin. Eine Mitarbeiterin des Landeswahlleiters widersprach den Erzählungen in den kommenden Tagen. Es sei schlicht nicht üblich, den Empfang der Unterschriften zu quittieren, erklärte sie auf Anfrage eines Interessierten. 

Mythen zum Abschluss: Deutungen einer Kleinpartei

Wenig später veröffentlichte die Partei ein Statement, das manche Superlative enthält: „Ein grandioser Endspurt hat uns (…) auf die Wahlzettel gebracht. Deshalb kämen wir mit 5,9 % immer noch in den Bundestag“, suggeriert die Führung der Basis, die weiterhin als Verfügungsmasse dient. Die beteiligten Verschwörungsmusikanten, die sich derzeit als „Die letzten Linken“ inszenieren, freuten sich „nach 13 Tagen und zwölf Sechs-Stunden Performances“ einfach „auf Frau und Kinder“. Der Parteivorsitzende veröffentlichte eine abschließende Erklärung für seine Fans, die große Buchstaben, viel Euphorie und reichlich Wiederholung beinhaltet: „Der Gedanke an die Zukunft gibt plötzlich wieder Sinn und Freude! (…) Heute ist der Tag, um DANKE zu sagen: DANKE für den großen Einsatz, (…) DANKE für gute Gedanken und Gebete, DANKE, dass es so viel gute Kraft gibt (…)“, dankte Hörstel seiner „Bewegung Deutsche Mitte“.

Begeisterte Einschätzungen zur Unterschriftensammlung verbreitete der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Michael Longerich, der sich mit seiner Gruppierung kürzlich am Ostermarsch in Düsseldorf beteiligte: „Wir sind eine Bewegung geworden, da geht mein Herz auf“, schrieb dieser Sammler. Selfies dokumentieren die Ausflüge des reisefreudigen Kaders, den es ebenfalls von Bremen nach Hannover verschlug. In seinem Weblog, der die Phrase vom „Ganzheitlichen Wissen“ verwendet, verbreitet Longerich geschichtsrevisionistische Vorstellungen über die „wahren Hintergründe“ der Entnazifizierung. Für die „völlige Entwurzelung“ von der „eigenen Vergangenheit“ macht sein Blogbeitrag „vorwiegend von Zionisten“ beherrschte „Medien- und Bankkartelle“ verantwortlich. 

Die Deutsche Mitte, eine Alternative für mürbe Mehrheiten, steht nun nicht überall auf den Wahlzetteln. In Brandenburg, dem Bundesland des Vorsitzenden, fehlten ausreichend Unterschriften zum Antritt per Landesliste. „Wahlzettel ungültig machen – oder links wählen“, berät Hörstel, der die populistische Konkurrentin Wagenknecht für ihre Inhalte lobt, einen ostdeutschen Facebook-Fan. In anderen Bundesländern sammelte die verschwörungsideologische Gruppierung aber ausreichend Unterschriften. Die mehrtägigen Liturgien in Bremen und Hannover verhalfen zum Erfolg, sodass die „Bewegung“ auch in diesen deutschen Provinzen auf dem Wahlzettel steht. 

Antritt einer Verschwörungsbewegung: Strukturen im Wahlkampf

Andernorts stehen Parteipraktiken auf dem Prüfstand. Das Büro der bayerischen Landeswahlleitung bat die Partei um eine Stellungnahme, weil der Verdacht über die ungültige Erlangung von Unterstützungsunterschriften im Raum steht. Hörstel wehrte sich mit deutschem Pathos. Die bayerischen Beamten sollten die „großen Probleme unseres geschundenen Heimatlandes“ angehen, bat der Parteivorsitzende. Unterdessen scheiterte die Partei in Sachsen an einem Formfehler. “Leise und deutlich”, flüsterte Hörstel daher einer Vertrauensperson zu, die ein Statement vor dem Bundeswahlausschuss verlas. Nachfolgende Ergänzungen des Parteivorsitzenden änderten nichts am Sachverhalt, sodass die Partei in Sachsen letztendlich keine Landesliste aufstellen darf. “Das Echo wird folgen, es wird ihnen nicht gefallen”, drohte der sichtlich erboste Parteivorsitzende zum Abschluss dieser Anhörung.

Im Wahlkampf vereint: Liedermacher und DM-Kader

In zehn verbleibenden Bundesländern wirbt die Gruppierung mit ihren reisefreudigen Kadern nun umso vehementer um die Stimmen von Wähler_innen. Im Wahlkampf tritt die Verschwörungsbewegung, eine Partei mit Deportationsforderungen, vielfach in Erscheinung. Kundgebungen mit Konspirationskünstlern dienen der inneren Stabilisierung – und der Ansprache an verschwörungsgläubige Anwesende. Tausende Plakate, die an klassische Motive des deutschen Antisemitismus anknüpfen, sind weiterer Teil der politischen Praxis. In größeren Städten wie Berlin oder Bremen ist diese „Bewegung“ ebenso wahrnehmbar wie in vielen Provinzdörfern. Nun droht weiteres Ungemach: Dauerauftritte der „Bandbreite“ und Werbekonzerte weiterer Interpreten sind zu befürchten. 

Komm in die Deutsche Mitte (…), die Welt braucht uns jetzt“, appelliert beispielsweise das „Duo SylTh“  in ihrer erschreckenden Ode, die auf dem Landesparteitag in Bremen erklang. Dort klagten diese norddeutschen Pilger, die nicht vor der imaginierten „Besatzung“ kapitulieren möchten, über fehlendes Vertragswerk. Es gäbe „keinen Friedensvertrag“, hadert das Duo. Opfermythen, die an Vorstellungen von „Reichsbürgern“ erinnern, sind Bestandteil der Hymne. Dass das besungene Parteiphänomen weiterhin weitgehend ungestört agiert, bleibt traurige Wahrscheinlichkeit. Als post-nazistische Verschwörungsbewegung ist die Deutsche Mitte zumindest bis zur Wahlniederlage einer von vielen Schandflecken der hiesigen Gesellschaft, deren Webstoff der Antisemitismus ist.

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