NachtiDrohKotz: Drama in drei Akten

Als die Fachschaft Philosophie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg am 10. Februar 2017 zu einer Veranstaltung mit Clemens Nachtmann einlud, empörten sich Zeitgenoss_innen bereits im Vorfeld. Die Vorwürfe gegen den Autor, der in der ideologiekritischen Monatsschrift Bahamas manche Polemik veröffentlichte, lautete wie folgt: In Wahrheit, so die textliche Infamie, handele es sich um einen “rassistischen Demagogen“, der den „völkischen Mob zum Frohlocken“ bringt. So lebten alte Einordnungen fort, die linksdeutsche Demagog_innen verwenden, um antideutsche Kommunist_innen zu verunglimpfen.

Inhalte produzierten das Klima für Taten, die nicht nur den Referenten trafen. Nach der Veranstaltung, die eine perfide Wasserattacke überschattete, erhielten zwei Feministinnen, die sich gegen antisemitische Strukturen in der Region engagieren, drohende Anschreiben. Gefälschte Ehrenurkunden landeten in ihren Briefkästen, weil sie Clemens Nachtmann zuhörten. Den Bezichtigungen folgten diese Schreiben, wobei sich Täter_innen als “Ortsgruppe” der AfD inszenierten. Andere Verantwortliche, die das nötige Klima generierten, sollten nicht in Vergessenheit geraten. Die Anklagen und ihre Folgen seien zumindest an dieser Stelle benannt.

Prolog: Einordnung des Handlungsortes

Oldenburg, Schauplatz meines traurigen Stückes, inszeniert sich als “Mittelpunkt des nordwestlichen Niedersachsens“. Die Ansammlung von Häusern, in der rund 150.000 Menschen leben, besitzt eine lokalpatriotische Hymne, eine junge Universität und ein alternatives Zentrum, das sich “Alhambra” nennt: „Seit das Alhambra existiert werden hier Zeitungen produziert um eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen“, heißt es in einer Jubiläumsschrift der Örtlichkeit (PDF), die vom linksdeutschen Antisemitismus schweigt. In der Zeitschrift des Zentrums, in dem bislang selektive Nationalfahnenverbote erlebbar waren, bezogen Verantwortliche in der Vergangenheit andere Positionen, die antisemitische Mobilisierungen wie die Montagsmahnwachen verharmlosten.

Als antisemitische Vordenker wie Jürgen Elsässer oder Verschwörungspopulisten wie Ken Jebsen die Inhalte der völkisch-verschwörungsideologischen Massenbewegung bestimmten, der wenig später Pegida und Pegada folgen sollten, übte sich die Redaktion der Zentrums-Zeitung in der Verharmlosung des sich formierenden Montags-Mobs. Das Zeitungs-Kollektiv glaubte “weiterhin, dass diese Leute ‘nichts und niemandem etwas Böses wollen’” (PDF, S. 5). Die Zeitschrift, Klo-Lektüre in linksalternativen WGs, ist nicht die einzige Tribüne für Personen, die politische Bestimmungen des verschwörungsideologischen Antisemitismus nicht ernst nehmen, sondern ergänzen.

Kleinstadthölle (Symbolfoto)

Über ein Online-Organ, das den Namen “Oldenburger Rundschau” trägt, beziehen ausgewählte Aktivist_innen dieses Milieus bezeichnende Positionen. Als eine öffentliche Debatte um einen lokalen Aktivisten der antisemitischen BDS-Bewegung entstand, positionierte sich ein Proponent des provinziellen Portals. Nun müsse darüber diskutiert werden, so der Stichwortgeber, “wie in Deutschland eine Kritik an der israelischen Politik trotz Auschwitz möglich ist“. Statt Solidarität für den durch die internationale Konterrevolution bedrohten Schutzraum zu fordern, die eine Intervention gegen Antisemit_innen der BDS-Boykottkampagne beinhaltet, träumte der Texter im Land der Täter von ‘Israel-Kritik’”. Nicht nur Andreas Strippel benennt, dass in “anti-imperialistischen Kreisen der radikalen Linken (…) der Antisemitismus in Form des Euphemismus ‘Israel-Kritik’ zu einem kulturellen Code geworden” ist.  

In einem Klima der geistigen Regression entwickeln sich weitere Formen von linksreaktionären Ideologien, die sich auf den ersten Blick unterscheiden mögen. Hier existieren Strukturen, die die “autoritäre Form aktuellen queeren Aktivismus” leben, “in dem statt Empathie Anprangern und Ausschluss gängige Praxis sind” (S.16). Ihre Praktiken, die sich bei universitären Veranstaltungen erleben lassen, treffen Menschen, die sie als Gegner_innen identifizieren.

Die Herrschaft der Regression, die Aktivist_innen fortwährend generieren, führte zu Konsequenzen. Exekutor_innen berücksichtigten, was die “Oldenburger Rundschau” und das “Autonome Feministische Referat” zuvor formulierten. Leser_innen präsentiere ich diese Entwicklungen in den folgenden Akten. Meine Polemik mag Menschen, die die hiesige Friedhofsruhe bevorzugen, vielleicht verschrecken. Linksdeutsche Prosekutor_innen und ihre Vollstrecker_innen dienen mir nur als Gegenstände, durch die ich Ideologie kritisiere. Sie sind kein Bestandteil der Debatten, die tatsächlich zu führen wären.

 Akt I: Ausführungen der Anklagen

Wenige Tage vor der Veranstaltung, die im nasskalten Februar stattfand, publizierte die “Oldenburger Rundschau” einen Text, der erreichte Tiefpunkte unterbot. Diesmal fabrizierte ihr Texter, der den ersten Ankläger gab, eine außergewöhnliche Phantasmagorie, die lediglich 200 Worte umfasst. Im Zentrum seines Pamphlets, das den infamen Titel „Fachschaft Philosophie gegen die Islamisierung des Abendlandes“ trägt, steht ein dekontextualisiertes Zitat des Referenten. Clemens Nachtmann nutze, so lautet stattdessen die unbelegte Behauptung, “verbrämte PEGIDA-Parolen”.

Die Fachschaft Philosophie orientiere sich, so die infame Unterstellung, an einem Werbeslogan der AfD. Ein Foto, das deutschnationale Propaganda zeigt, illustrierte die Vorwürfe des Proponenten. Als Pro­se­ku­tor der “Rundschau” machte der Gaukler den Referenten, der in seinen Ausarbeitungen über die postnazistische Gesellschaft reflektiert, zum deutschnationalen Einpeitscher: “Bleibt zu hoffen, dass Nachtmann`s Thesen am Mittwoch in Oldenburg der Applaus vorenthalten bleibt, der ihm allmontaglich in Dresden gewiss wäre”, hieß es im Fazit, das zur Tat animierte.

Illustration der Anklage

Das “Autonome Feministische Referat” an der Uni Oldenburg sekundierte dem ersten Prosekutor einige Tage später mit ihrer Stellungnahme. Es sei „untragbar“ und „unerhört“, so textete diese Struktur, dass der Ideologiekritiker sprechen dürfe. Der Referent würde „gerne in den rechten Kampfbegriff der ‘political correctness’“ einstimmen, lautete ihr Anklagepunkt. Die Unterstellung, dass Nachtmann „Formulierungen“ benutzt, die bei „offen rassistischen Gruppen wie PI-News oder PEGIDA verwendet werden“, replizierte den Vorwurf, den der andere Prosekutor bereits am 05. Februar verbreitete. Antiintellektualismus ist elementares Merkmal der Stellungnahme vom 10. Februar, die Nachtmann in einer “Pose der Kränkung” beleidigt.

Die Verantwortlichen vom “Autonomen Feministischen Referat” positionierten sich “gegen diesen provokativen Mackertypen und seine intellektualistische Selbstbeweihräucherung”, um mit wütenden Grüßen an die Zielgruppe zu enden. Eine überaus deutsche Positionierung, mit denen die Struktur an klassische Vorstellungen anknüpft, die die hiesige Linke prägte. Maoistische Strukturen wie der KABD lobten ihre Jugendbanden, in denen “keine hochgestochene Theoretisiererei” existiere (PDF, S. 6). Herbert Marcuse bezeichnete solchen Anti-Intellektualismus, wichtiges Merkmal der damals aufblühenden K-Gruppen, als “Pest der Neuen Linken”: “Heute mehr als jemals zuvor kann es keine revolutionäre Praxis geben ohne die Theorie, die diese Praxis anleitet“, warnte der Kritiker (PDF, S. 28), der schon in den 1960er Jahren kaum gehört wurde.

Der Vorwurf des “Autonomen Feministischen Referates”, das sich der “akademischen Sprache” schämt, verstärkte das Feindbild, was zur entsprechenden Praxis führt. Es handelt sich um ein Vorgehen, das Clemens Nachtmann paradoxerweise schon vor der Tat benannt hat. Dem komponierenden Kommunisten sei zur Verteidigung das Wort überlassen: “Sprachsäuberung in Permanenz, die wiederum in Gang gehalten wird durch den universellen Verdacht gegen jeden einzelnen, den die Einpeitscher (…) nicht müde werden zu streuen”, deutet Nachtmann als Wesensmerkmal eines deutschen “‘Anti-Rassismus’”. Es sind Thesen, die einige Leser_innen empören mögen, weil sie diese Vorwürfe treffen. Eine Pose der Kränkung, die Analyse und Kritik verhindert, dient Akteuren zur Abwehr. Verantwortliche empörten sich nicht nur über diesen Verdächtigen, sondern munkelten im verschwörungsideologischen Jargon über “massive Strukturen”, die “linke Zusammenhänge” unterwanderten.

Sie raunten über mysteriöse Zusammenhänge, denen wie Nachtmann eine ideologische Nähe zu Pegida oder zur AfD unterstellt wurde. In “verschiedenen Gruppen”, die diese Prosekutor_innen nicht näher benannten, existieren “thematische Überschneidungen”, die “sowohl auffällig wie auch besorgniserregend sind”, warnten das “Autonome Feministische Referat”. Ihre Einordnungen erinnern an Feindbildpflege, die beispielsweise die von der NPD Hamburg als “volkssozialistische Musikgruppe” gepriesene Kapelle “Die Bandbreite” popularisierte: “Jetzt bist du Anti-Deutscher (…), nennst dich links, doch bist wahrhaft ein Fascho”, urteilte diese verschwörungsideologische Band. Solch reaktionärer Pathos zeichnet nicht nur das Lied, sondern auch die Anklageschriften aus, die die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlten. In der ordnenden Ablehnung der Antideutschen sind die Texter_innen, die Verschwörungsmusikanten und die Täter_innen geeint: Dass diese “keine Linken, sondern einfach nur Faschisten” seien, ist ihr deutscher Linkskonsens.

Akt II: Taten der Niedertracht

Anklagen produzierten, durch Denunziation und Dämonisierung, eine unschöne Stimmung, die sich während der Veranstaltung erleben ließ. In diesem Klima kam es zu Angriffen, die zunächst den Referenten trafen. Eine Teilnehmerin attackierte Nachtmann, indem sie den Kritiker mit dem Inhalt ihrer Wasserflasche begoss. Der Angriff auf den nassen Referenten, der die Veranstaltung zuvor aufgrund einer Erkrankung vertagte, stimmten manche Anwesende zu. Als die gefeierte Täterin den Saal verließ, brandete Beifall auf. „Jetzt wieder fröhlich“, delektierte sich derweil ein Mitglied des “Autonomen Feministischen Referates” auf Twitter: „Nachtmann wurde mit Wasser übergossen“, freute sich die Person. Sie könne nicht verstehen, „wie der Typ“, den die Attacke sichtlich erschütterte, „ernst genommen werden kann“. Das Opfer würde, so die den körperlichen Angriff legitimierende Vorstellung, die These vertreten, dass „Antirassismus (…) so schlimm wie Hitler“ sei.

Der Vortrag des Referenten behandelte “’Antirassismus’” tatsächlich als „Ideologie der feinen Gesellschaft“. Deren “Terrain” sei “die rassistische Ideologie”, sodass auch das antirassistische Ticket die “Sortierung der Menschen in Kollektive” reproduziere. Sein Text, auf den sich die Bezichtigungen bezogen, ist eine düstere Schrift der Verzweiflung, die sich verändernden Zustände deutscher Vergesellschaftung analysiert. Forderte Nachtmann nach Eingemeindung der DDR einen “anderen Anti-Rassismus“, sieht er mittlerweile keine Chance, diesen “zu retten”. Es gälte stattdessen, so Nachtmann mit Adorno, einen “anderen Zustand” zu schaffen, “in dem man ohne Angst verschieden sein kann”. Notwendig sei, die “Bedingungen der Möglichkeit von Glück und freier Entfaltung” herzustellen. Den Referenten angesichts solcher Imperative in die Nähe von völkischen Bewegungen wie Pegida oder antisemitischen Parteien wie der AfD zu rücken, offenbart die ideologische Verirrung der Rundschau, die Fans zu weiteren Taten animierte.

Nachtmanns Schriften erscheinen in der ideologiekritischen Bahamas, die immer wieder Gewissheiten eines linken Milieus erschütterte. Dabei zog sich das Blatt den Hass derer zu, die völlig zurecht “mit Kritik und Spott überzogen” wurden. Dass der Vordenker des Blattes “Polemik, die in Wahrheit ein Florett ist, gerne mit einer Dampframme verwechselt” (PDF), prägt die Monatsschrift. Wenn die Bahamas anderswo erschienene Kritiken als “Reihungen von Wörtern” verunglimpft, die – so der bestürzende Vorwurf “als deutsche Sprache nicht durchgehen”, vervielfacht sich mein Abgrenzungsbedürfnis. Trotzdem ist die Zeitschrift ein lesenswertes Ärgernis.  Daniel Kulla nennt einen daraus resultierenden Mindeststandard: “Gegen alle, die die Bahamas – ausgesprochen oder unausgesprochen – für diese (…) oftmals höchst angezeigten Einsprüche hassen und zum Schweigen bringen wollen, war und ist sie jederzeit zu verteidigen”.

Als der Referent die Kleinstadthölle verlassen hatte, mobilisierte das “Autonome Feministische Referat” über ihre “aktuelle Mailverteiler_in” zur nächsten AStA-Sitzung. Dort wollten sie im Nachgang bestimmte Finanzierungsmöglichkeit für zukünftige Veranstaltungen nehmen: „Äußere deine Wut“, forderten Verantwortliche, „die die Gelegenheit nutzen“ wollten: „Lasst uns verhindern, dass provokative Mackertypen wie Nachtmann (…) und auch die Fachschaft Philosophie erneut vom ASTA unterstützt werden.” Ihr Antrag zur Streichung aller finanziellen Mittel, die die “Polysophische Lesung” eines unbeteiligten Studierenden aus der Fachschaft betrafen, stieß auf Gegenwehr, sodass das “Autonome Feministische Referat” sein Anliegen zurückzog. “Ich habe den (…) Eindruck, dass es sich um eine Art Sippenhaft handelt” (PDF, S. 2), urteilte der Organisator, der ohne eigenes zutun in Haftung genommen wurde, weil seine Fachschaft einen Gesellschaftskritiker einlud.

Einladung des Referats: “Äußere deine Wut”

Das AStA-Protokoll offenbart erstaunliche Mythen. Eine sich als Zeitzeugin inszenierende Person, die “auch mal bei der Bahamas gewesen” sei, warnte vor einem gewissen “Joachim Wertmüller”, der “israelkritische Veranstaltungen sprengt”. Zuvor schrieb die “Rundschau”, die bis heute von antisemitischen Parteien wie der Deutschen Mitte schweigt, vor diesem Flaggschiff der Bahamas”, der im Weblog als Feind des Feminismus erschien. Erfindungen der “stolzen Antizionistin”, durch die zwei Kritiker verschmolzen, folgten typische Beleidigungen. Einen Teilnehmer, der andere Positionen vertrat, machte diese Akteurin, die sich für die anti-israelische Boykottbewegung BDS und die deutsch-sozialistische DKP einsetzt, zum “verschissenen Zionisten” (PDF, S. 7). Wenig später beklagte sich eine Wortführerin laut Protokoll über das “Redeverhalten”, um kurz darauf gegen den “scheiß Vortrag” zu wettern (PDF, S. 10). Im Anschluss artikulierte diese Prosekutorin allerlei Anschuldigungen, wobei sie die bloße Benutzung von Worten als Affirmation ihres Inhalts deutete.

Nachtmann habe “rechte Kampfbegriffe genutzt, zum Beispiel Political Correctness”, urteilte das Mitglied des “Autonomen Feministischen Referates” (PDF, S. 8). Sie betreibt einen Twitter-Account, indem ein beleidigender Duktus auf die Spitze getrieben wird. Dortige Reaktionen offenbaren eine bezeichnende Sprache des Hasses, die sich der Entmenschlichung von Individuen hingibt: “Ein Kotzspringbrunnen neben dem anderen”, twitterte diese Anklägerin über Anwesende. “Wir sind nicht bereit, nochmal darüber zu sprechen”, hieß es aber zum ersten Abschluss (PDF, S. 16). “Vernunft wegstampfen”, lautete ein entlarvender Imperativ der postqueeren Strömung, die neuer Teil des alten “Irrationalismus in der deutschen Politik” ist. Diese Struktur nutzte mehrere Monate die Ikonographie des Baseballschlägers, der sich – in der aggressiven Auseinandersetzung um das Buch “Beißreflexe” als grafische Dohung gegen Autor_innen richtete.

Sprache der Entmenschlichung: Einordnung einer Anklägerin

Beispiele für Auseinandersetzungen, die deutsche Kleinstadthöllen prägen, offenbaren einen Grad des Irrationalismus, der Debatten verhindert und Teilnahmen sanktioniert. Als gesellschaftskritische Zusammenhänge und Referenten zuvor in die Nähe der AfD und von Pegida gerückt wurden, gab es keinen sichtbaren Widerspruch in den Milieus, die die Texte der Anklage rezipieren. Den falschen Beschuldigungen folgten stattdessen aggressive Akte, die unbekannte Personen verübten. Indem sie zwei Genossinnen drohten, denen die Teilnahme am Vortrag mit Clemens Nachtmann vorgeworfen wurde, begingen sie ein Verbrechen aus Infamie, das viel über den Grad der Verrohung verrät, den manche Aktivist_innen trotz Alledem als Szenefrieden idealisieren.

Akt III: Vollstreckung der Strafe

Zuvor gedieh Hass, der die Exekutor_innen der Anklage zu ihren erschreckenden Taten animierte. Das Strafbedürfnis dieser anonymen Autoritären traf Teilnehmerinnen, die die Veranstaltung aus Interesse besuchten. Die Betroffenen erhielten drohende Briefe, womit der perfide Höhepunkt des traurigen Stückes erreicht ist. Spätestens auf den ersten Blick offenbaren sich diese Schreiben als perfide Falsifikate, die sich am vermeintlichen Stil der AfD orientieren. Zu Beginn der Imitationen heißt es drohend: “Wir sind bereits vor einiger Zeit auf Sie aufmerksam geworden”. Die „Ehrenmitgliedschaft“ einer „Ortsgruppe“ (!) der AfD liegt dem Drohbrief bei.

Die aus der Anonymität agierenden Exekutor_innen reproduzierten in ihrem Anschreiben  und mit ihren Urkunden die Phrasen, die “Rundschau” und “Referat” zuvor verwendeten. Hatte der linksreaktionäre Provinzblog nicht von einer Veranstaltung „gegen die Islamisierung des Abendlandes“ geschrieben? Qualifizierten sich unbeteiligte Besucherinnen durch solche Einordnungen für die als AfD-Urkunden verklausulierten Drohungen, die auch aus der Phrase von “Anerkennung ihrer Verdienste gegen die Islamisierung des Abendlandes“ bestehen? Die Anschreiben, die fehlendes Verständnis über die Ideologie der völkischen Biedermenschen offenbaren, erinnern frappierend an Behauptungen der Anklage: Inhalt und Jargon gleichen sich stark.

Anschreiben und Ehrenurkunden gelangten postalisch an Privatadressen, die der Öffentlichkeit aus guten Gründen nicht zugänglich sind. Wer schon einmal durch reaktionäre Rackets bedroht wurde, kann sich ausmalen, wie die Drohbriefe wirkten. Die betroffenen Personen, die sich als feministische Frauen verstehen, empfanden die diffamierenden Schreiben zu Recht als Akt der psychischen Gewalt. Sie sind Opfer einer erkennbaren Einschüchterungsstrategie. Weil die Betroffenen an einer Veranstaltung teilnahmen und nicht die Einordnungen betrieben, die “Rundschau” und “Referat” kolportierten, gelangten sie ins Fadenkreuz der Täter_innen.

Verbrechen aus Infamie: Drohbrief und Fake-Urkunde

Als Unterstützer erlebte ich, wie solch ein Angriff auf Individuen wirkt. Wenn die anonymen Verantwortlichen, die zumindest in die geistigen Fußstapfen von “Referat” und “Rundschau” traten, solche Wirkungen bezweckten, waren sie erfolgreich. Eine Erklärung zur Tat, die ihr menschenfeindliches Handeln erläutert, blieb aus. Es schien den üblichen Verdächtigen überlassen, Solidarität einzufordern. In einer am 20. März veröffentlichten Erklärung rief ein regionaler Weblog, der sich der „Kritik des Antisemitismus“ verschrieben hat, zur Unterstützung auf. Die Positionierung benennt ein „politisches Klima“, das zu „Androhungen, Angriffen und Diffamierungen“ führt.

Die Betroffenen befassen sich seit vielen Jahren „kritisch-analytisch mit Postnazismus, Patriarchat und Gesellschaft“. Ihre politische Praxis mißfiel mit Sicherheit den Menschen, für die der alleinige Besuch dieser Veranstaltung ein Anlass war, um Strafen zu vollziehen. Wahrscheinlich werden die beiden Betroffenen als Teil der „massiven Strukturen“ identifiziert, die das “Autonome Feministische Referat” zuvor imaginierte. Wer letztendlich für die Taten verantwortlich ist, ließe sich nur mit kriminalistischen Mitteln klären, was sicherlich nicht Aufgabe der Kritik ist. Für die Denunziation der linksdeutschen Ideologie, die das Strafbedürfnis legitimiert, ist diese Frage ohnehin irrelevant. Nötig bleibt die Analyse des Milieus, in denen Täter_innen handeln, um linksreaktionäre Strafbedürfnisse gegen Menschen zu befriedigen, die sie als Gegner_innen identifizieren.

Dass die Erklärung der Betroffenen keine ausführliche Analyse, sondern einen Aufruf zur Solidarität beinhaltet, begründet sich durch die Vorkommnisse. Weil in der ersten Stellungnahme, die direkt nach dem Erhalt der Briefe formuliert wurde, keine tiefgehende Kritik der Umstände erfolgte, blieben manche Stichwortgeber_innen verschont. Verantwortliche, die das ideologische Klima in Permanenz generieren, erfuhren eine gewisse Gnade. Dabei nutzten “Rundschau” und “Referat” eine Rhetorik, die Taten begründen. Wer “massive Strukturen” um einen Referenten imaginiert, die angeblich Ideologie von AfD und Pegida reproduzieren, muss sich nicht wundern, wenn den Lügen die entsprechenden Handlungen folgen.

„Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen“, heißt es im Talmud. Mit ihren Texten schufen Strukturen die passende Stimmung, die Täter_innen animierte. Dass dieses Vorgehen zwei Feministinnen traf, die an der Organisation der Veranstaltung nicht beteiligt waren, ist Resultat eines praktischen Aufklärungsverrates. Er wendet sich vor allem gegen Personen, die sich gegen Antisemitismus engagieren. Ein linkes Milieu, in dem antisemitische Akteure wirken, ließ die Betroffenen im Stich. Kein erstaunliches Ergebnis, sondern ein Produkt des Arrangements in der Kleinstadthölle, die den modernen Antisemitismus toleriert, weil er sich gegen Israel und nicht gegen den jüdischen Friedhof richtet.

Epilog: Von notwendigen Konsequenzen   

Ein notwendiger Bruch wird vermieden, sodass unsägliche Positionen und Praktiken neben notwendigen Kritiken und Interventionen existieren: Solche Koexistenz wertet antisemitische Positionierungen zu oft auf, während sie notwendige Kritik persifliert. Diese Polemik ist kritische Intervention gegen Zustände, in denen Drohbriefe versandt werden. Gegenstand der Kritik sind reale Ankläger_innen, die die Stimmung für ein Milieu schufen. Sie ist zudem ein Appell an Strukturen, die intervenieren müssten. In diesem Sinne versteht sich meine Erzählung, die sicherlich nicht vollständig ist, als Kritik an lokalen Gruppen, deren Selbstverständnis das Vorgehen gegen “die alltägliche Scheiße in Kaltland”, “die Gesamtscheiße” oder “die gesellschaftliche Verrohung” beinhaltet.

Antifaschistische Strukturen mieden bislang die Solidarisierung mit den Betroffenen. Zuvor baten Akteure, dass sich die Angeschriebenen zunächst an den hiesigen Kreisverband der AfD wenden sollten: Während des kalten Frühlings wollte ein Milieu glauben, dass die Drohbriefe tatsächlich von der Partei stammen. Mehrfach wurde von der Veröffentlichung der Erklärung abgeraten, die die Geschehnisse publik machte. Solche Wünsche, die in Fantasien und Forderungen kumulierten, sind auch das Produkt einer politischen Haltung, die ein Milieu schützen möchte – und die öffentliche Debatte scheut. Das Arrangement von Fraktionen, die in einem Milieu koexistieren, die ein Hofberichterstatter voller Stolz als “Szene-Sumpf” bezeichnet, hat Folgen.

Manche heben die reale Spaltung auf Tanzflächen, in Volksküchen oder auf Plena auf. Andere errichten ihren Elfenturm. Konkrete Folgen dieser Entwicklungen durchlebten nun die Menschen, die Drohbriefe erhielten. Statt, um mit Rosa Luxemburg zu sprechen, „eingehende nachdenkliche Kritik“ zu üben, verweigerten Strukturen eine öffentliche Positionierung. Ideologiekritische Kleingruppen, die sich an der Bahamas orientieren, beklagten Satzteile. Antifaschistische Zusammenschlüsse praktizierten ebenfalls das Schweigen. Als Unterstützer ahne ich, wie diese Entsolidarisierung, die die unbekannten Exekutor_innen bestärken dürfte, auf Betroffene wirkt.

Treppenwitz dieser kleinen Geschichte bleiben erfreuliche und zugleich erstaunliche Erklärungen weniger Gruppen, die nicht im Verdacht stehen, antideutsche Gesellschaftskritik zu betreiben. Die „Antifaschistische Linke Göttingen”, die an bewegungsorientierte Ansätze anknüpft, und die “Tantifa” Oldenburg, eine feministische Antifa-Struktur mit ähnlichen Positionen, solidarisierten sich mit den Betroffenen. Derweil praktizieren die schreibenden Verantwortlichen, die die Anklage gaben, ein Verhalten, dass einem emanzipatorischen Minimalanspruch spottet.

Kritische Beiträge, die sich mit den Verhältnissen befassen, nimmt die “Rundschau” nicht an. Die Erklärung der “Tantifa” publizierte das Portal nicht, während Kommentare und Pingbacks im Papierkorb der Administrator_innen verschwanden. Wer auf aktuelle Entwicklungen hinweist, endet im digitalen Nirvana. Wer auf ein Interview in der Jungle World verlinkt, wird nicht veröffentlicht. Hegemonie, nicht Debatte, ist Politik dieser Autoritären, die Teil des linksdeutschen Milieus sind, das Politik in der Kleinstadthölle betreibt. Daher übergingen sie die Taten. Die namenlosen Drohbrief-Täter_innen schwiegen. Ihre menschenverachtenden Methoden, die an klassische Elemente linksreaktionärer Feme anknüpft, sind allerdings selbsterklärend.  

“Rundschau” und “Referat”, die zuvor so deutlich Positionen bezogen, entzogen sich nun ihrer Verantwortung. Beide Anklagen ignorierten zumindest in der Öffentlichkeit die Übergriffe. Dass das “Autonome Feministische Referat” für „Solidarität mit Betroffenen“ von „Diskriminierung“ eintritt (S. 5), scheint nicht zu gelten, wenn Feministinnen mit anderen Positionen betroffen sind. Schweigen schien das Gebot der Stunde, bevor die Struktur über “Anfeindungen”, “Eskalationen” und einer “Abwertung von Diskursen” (S. 2) klagte, wobei sie von den Briefen schwieg.  Zuvor mobilisierte die Struktur gegen eine weitere Lesung. Diesmal traf es die Geschlechterforscherin Patsy l’Amour laLove, die in ideologische Nähe zum reaktionären Verschwörungsportal “Breitbart” gerückt wurde. Ihr Sammelband erregt Unmut, den hiesige Gegner_innen trotz Kritik durch den Baseballschläger symbolisierten.

“In linken Kontexten gibt es massive Strukturen“, so eine projizierende These des “Referates”, „die Entwicklungen im Bezug auf (…) Emanzipation (…) bekämpfen”. Falls diese Analyse als Selbstbezichtigung gemeint wäre, ließe sich ihr ausdrücklich zustimmen. Das provinzielle Trauerspiel offenbart tatsächlich den “Irrgang, in dem die Linke sich selbst verloren hat” (S. 20). Dass die Utopie der Emanzipation, “die sich diese Linke einst auf ihre Fahnen geschrieben hat, (…) nicht mehr (…)” (S.) durch das Milieu “wach gehalten” (S. 139) wird, zeigte sich in diesem eiskalten Frühling deutlich.

Nötig wäre nun “Platz für kühle Überlegung und hartnäckiges Handeln“ (PDF, S. 36), das zu Konsequenzen in Form der Abkehr führt: Im dauerhaften Dissens und im entschiedenen Widerspruch muss die große Idee der Emanzipation weiterhin gegen linksreaktionäre Ideologien und Praktiken verteidigt werden. Es sind viele Interventionen erforderlich, um das Schweigen zu brechen, das die Anklage und die Täter_innen schützt. Damit könnte ein linkes Milieu den Irrweg verlassen, um die Assoziation zu ermöglichen, “worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“.

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