Soldat der Querfront

Ostern ist ein ritualisiertes Fest, das deutsche Kleinbürger_innen erfreut. Alte Linke zieht es in die Innenstadt meiner kleinen Provinzmetropole, die manchen Menschen im ländlichen Ostfriesland als Anlaufstelle der Zivilisation gilt. Jedes Jahr mobilisiert das “Oldenburger Friedensforum” zum Ritual für bewegte Einheimische, die in und um die norddeutsche Kleinstadthölle leben. Zum diesjährigen “Ostermarsch” brachte die langjährige Veranstaltungsleitung eine sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete als Vorsprecherin in die Stadt. Sevim Dagdelen trug in den letzten Jahren mit verschwörungsideologischen Positionen zur Unwählbarkeit ihrer Gruppierung bei. Die Linkspartei-Deputierte erhielt rhetorische Unterstützung durch einen ehemaligen Berufssoldaten, der in der Vergangenheit für verschwörungsideologische Organe wie das deutschnationale “Compact”-Magazin schrieb.

Von der Armee auf die Friedensdemo

Der Ostermarsch ist seit den 1960er Jahren ein fester Bestandteil des alternativen Terminkalenders. Frühere Auflagen dieser Demonstrationsmärsche richteten sich gegen die neue Bundeswehr und drohende Atombewaffnung. Schnell schlug dieser redliche und dennoch moralisierende Ansatz in rasendes Ressentiment gegen die USA um, die die neue Linke in alternativer Schuldabwehr zum Hauptfeind der vermeintlichen Völker machte. Solche Positionen konnten manche Berufssoldaten unterstützen, die im Rahmen dieser deutschen Erweckungsbewegung in Heeresuniform gegen amerikanische Pershings und sowjetische SS21 Raketen protestierten.

Nicht zum ersten Mal trat ein vormaliger Berufssoldat auf einer vermeintlichen Friedensveranstaltung auf. Seit vielen Jahren reist Jürgen Rose zu Ostern in deutsche Städte, um seine Themen vor den Demonstrant_innen abzuhandeln. In Oldenburg, diesjährige Station des Soldaten, befassen sich Teilnehmer_innen passenderweise recht obsessiv mit  der Dämonisierung der Vereinigten Staaten. Außerdem richtet sich die Wut auf Israel. Trotzdem erhält dieser “Ostermarsch” die Unterstützung der norddeutschen Sozialdemokratie. Der Landtagsabgeordnete Axel Brammer (SPD) sowie der stellvertretende JUSO-Landesvorsitzende Gerrit Edelmann unterstützten das hiesige Ritual, das dem ehemaligen Berufsoffizier Rose eine Bühne bereitete.

Der Kreisverband der hiesigen Linken sowie die lokale Dependance der Grünen Jugend fanden sich ebenfalls auf dem blauen Plakat, das mit QR-Code und Friedens-Rune zum diesjährigen “Ostermarsch” mit Dagdelen und Rose aufrief. Die Zweigstelle der deutsch-sozialistischen Kleinpartei “DKP”, deren diesjährige Aktivität einen kuriosen Aufruf gegen antideutsche Kommunist_innen und andere Israel-Freund_innen umfasst, gehörte wie der Gewerkschaftsbund zur österlichen Organisationsstruktur. “Antideutsche Gruppen, wie auch in Oldenburg, versuchen ein Klima zu schaffen, indem allein die Stimme Israels Gehör findet und Proteste gegen die Besatzungspolitik zum Schweigen gebracht werden sollen”, glaubt diese DKP, die sich auch als Bundespartei gesellschaftsfähiger Feindbilder bedient.

Oldenburg: Plakat der Friedensquerfront

Von der Bundeswehr zum Kronzeugen

“Als Redner konnte Jürgen Rose (…) gewonnen werden”, freute sich die  hiesige Organisationsleitung, die mit dem linksdeutschen Verschwörungsideologen Wolfgang Gehrke zuvor gegen antideutsche Kommunist_innen mobilisierte. Der Einladung des Politikers, der in seinem “Rufmord”-Büchlein recht klassische Konstrukte über eine pro-israelische Konspiration auf deutschem Boden spinnt, folgte der bezeichnende Auftritt des ehemaligen Bundeswehroffizieres, der aus einer altdeutschen Militärfamilie stammt. Rose trat zuvor in die Fußstapfen seiner Wehrmacht-Vorfahren, um “zum jüngsten Oberstleutnant der Bundeswehr” zu avancieren. Mehrere Jahrzehnte diente dieser Militär seiner deutschen Armee, der er immer die Treue hielt, sogar wenn seine Truppe jugoslawische Städte wie Belgrad bombardierte.

Zwar äußerte sich Rose gelegentlich publizistisch, wirkte aber weiterhin als deutscher Soldat. Spätere Texte, die der Offizier nach den Angriffen des 11. Septembers 2001 publizierte, richteten sich gegen die USA, die er für den “War on Terror” verantwortlich machte. In anti-amerikanischer Schuldumkehr empörte sich der Bundeswehroffizier. Als er ab 2007 “die Versorgung der Tornados mit Flugbenzin” verweigerte, war seine soldatische Karriere zumindest innerhalb der Armee zu Ende. Rose rächte sich mit wütenden Beiträgen, die er fortan auch für verschwörungsideologische und protofaschistische Online-Magazine verfasste.

Seine Pamphlete erschienen in Netz-Publikationen wie der “Neuen Rheinische Zeitung” (NRhZ), deren Titel an das Organ erinnert, das einst Karl Marx publizierte. Die heutige “NRhZ” dient aber keinem emanzipatorischen Zweck, sondern anti-amerikanischer Stimmungsmache, wobei die Parteiname für islamfaschistische Regime ein Element der politischen Positionierung ist. Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann, Herausgeber des Organs, machten im April 2012 der iranischen Despotie ihre Aufwartung. Mit dem nationalen Verschwörungspopulisten Jürgen Elsässer und dem lokalen FDP-Politiker Claus Hübscher trafen sie auf den Holocaust-Leugner Mahmud Ahmadinedschad.

Rose diente der verschwörungsideologischen “NRhZ” vielfach als Kronzeuge. Der deutsche Landser, der gegen die USA und Israel anschreibt, befindet sich in passender Gesellschaft. Eine Autorin schreibt von Wettermanipulationen, die “seit dem 2. Weltkrieg” von den USA durchgeführt werden, wodurch sich der Klimawandel erklärt. Auch im Gespräch mit dem antisemitischen “Muslim Markt” klagt Rose über die USA, die Karl Marx als das “vollendetste Beispiel des modernen Staates” bezeichnete. Immer wieder dämonisiert Rose die Vereinigten Staaten, die er als “gewaltdurchdrungen und militarisiert” zeichnet. Beim Ostermarsch in Oldenburg macht Rose die Vereinigten Staaten gar zum “Schurkenstaat, der mittlerweile protofaschistische Züge aufweist”.

Diese Staaten erscheinen ihm als mächtiger Gegner, die ein “Kriegstheater” inszenieren. Rose mokierte sich beispielsweise nach der militärischen Aktion gegen Osama Bin Laden über die “bestialische Art und Weise (…), in der sich die Administration (…) desjenigen ehemaligen Mitarbeiters ihres Geheimdienstes CIA entledigt hat”. Verschwörungsideologische Irrtümer, durch die der Massenmörder zum Mitarbeiter gemacht wird, finden sich in mehreren Texten dieses ehemaligen Offiziers. Vielfach offenbarte sich Wut auf Obama, während dessen Vorgänger vom ehemaligen Militär sogar in die “Tradition US-amerikanischer Kopfgeldjäger” gestellt wird.

Für ähnliche und aktualisierte Inhalte, die sich nun um Trump drehen, gibt es zu Ostern in Oldenburg recht regen Beifall von Teilnehmer_innen. Aber der Krieg kommt zu demjenigen zurück, der ihn sät”, prophezeite der Ex-Militär, der auch zu Ostern düster und kriegerisch klingt, zuvor in einem Interview. Das Gespräch findet sich auch auf der Internetseite der “Freiheitspartei”. Die rechts-libertäre Truppe führt der ehemalige NPD-Kader  Stefan Jahne. Weil er in Facebook-Foren aktiv war, in denen es um Holocaustleugnung und Hitlerbildchen ging, zählt ihn der Münchener Merkur zum “braunen Untergrund” des Stadtteils Moosburg.

Ausführungen eines Soldaten

Derweil führt das rechtspopulistische “Compact-Magazin” auch nach dem hiesigen Ostermarsch den Militär als Autoren. “Deutsche Helden”, lautet die Werbung, die sich direkt neben einer Liste von Autor_innen findet. Den ehemalige Militär umgibt hier ein Apologet des Islamfaschismus sowie ein preußischer Militarist. Rose befindet sich in passender Gesellschaft. Seine Tiraden widmet er nur zu gerne einer Person, die er mit klassischen Einordnungen und allerlei Beleidigungen aus dem Arsenal des Antisemitismus beleidigt. Es ist “der einschlägig bekannte Henryk M. Broder”. Mit einer Polemik, die Rose als “Schmutztirade” verunglimpfte, würde sich diese “schmutzige Zumutung” der “pseudo-intellektuellen Sudelei” schuldig machen, zeterte der Ex-Militär.

Der Ex-Soldat, der zum Osterfest ein Idol der Friedensfans ist, empört sich derweil über “Insassen der in Guantanamo (…) und anderswo unterhaltenen KZs”. Während er die industrielle Vernichtung durch die Gleichsetzung mit amerikanischen Militärgefängnissen verharmloste, stellte Rose seiner eigenen Nation ein blendendes Urteil aus. Es zeuge “von der tatsächlichen Lernfähigkeit einer Nation, wenn sie angesichts der verheerenden Erfahrungen, die sie (…) in der jüngeren Vergangenheit gesammelt hat, den Überlegenheitsdemonstrationen einer Supermacht, die sich vornehmlich in (…)  massenhaftem Morden manifestieren, rein gar nichts abzugewinnen vermag”, lobt der Landser das Zwangskollektiv der postnazistischen Besserdeutschen.

Sein Vater tötete während des letzten deutschen Vernichtungskrieges als Jagdflieger. Damals ging es gleichfalls gegen die USA und ihre Verbündeten. Inhaltlich ist wenig anders, wenn der Sohn die Bühne betritt.  Das zeigte sich nicht nur zu Ostern in Oldenburg. In der benachbarten Hansestadt Bremen, die nur wenige Kilometer entfernt liegt, mietete das “Friedensforum” einen Saal im ehrwürdigen Übersee-Museum, um dem ehemaligen Militär eine passende Bühne für seine anti-israelischen Ausführungen zu bereiten. Dort sprach der deutsche Offizier über den Staat, der als bewaffnete Verfügungsgewalt seiner jüdischen Einwohner_innen das Feindbild des aktualisierten Antisemitismus ist [PDF]. Schon die Ankündigung zum Vortrag, den die durch offenbarende Boykott-Aktionen bekannte Friedenstruppe durchführte, umfasst gängige Topoi dieser Ideologie.

Es würde “oft übersehen, daß Israel vor allem selbst dazu beiträgt, sich in seiner Existenz zu gefährden”, heißt es schon in der Einladung, die von den ganz realen antisemitischen Mordbanden wie Hamas oder Hisbollah schweigt. Stattdessen dämonisiert der Text durch klassische Codes, wobei von “Landnahme und Vertreibung” die Rede ist, was durch die angebliche “Zerstörung von (…) Olivenhainen” belegt werden soll. Den Vortrag, der sich biblischer Bilder bedient, hielt Rose nicht nur in der Hansestadt. Schließlich referierte der “wissenschaftlicher Mitarbeiter verschiedener Akademien und Institute der Bundeswehr” in Städten wie München, Freiburg oder Müllheim. Der Aufruf und die Inhalte differenzierten sich nur durch die Datums- und die Ortsangaben.

Ein Militär als Ikone

Als Redner kultiviert der ehemalige Offizier eine Position, die in Deutschland seit dem 1. Weltkrieg zur verschwörungsideologischen Tradition breiter Bevölkerungsteile gehört. Mit solchen Inhalten erfreute der Redner nun Friedensfreund_innen, die zu Ostern recht ritualisiert um den Stadtkern der Kleinstadthölle marschieren. Den Auftritt in Oldenburg beklatschen die anwesenden Demonstrant_innen. Es gibt keinen Protest, was viel über den Zustand antifaschistischer Strukturen verrät. Beifall kommt derweil von anderer Seite. “Rose ist der wahre Held (…), und für die Bundeswehr müsste er ein Vorbild sein”, huldigt Rainer Rupp, der einst für das “Neue Deutschland” und heute für “Russia Today” tätig ist, seinen Landser.

Als einer der Kronzeugen der deutschen Verschwörungsindustrie hat Rose viele Fans gewonnen. Die deutsche Querfront schmückt sich mit dem Namen dieses traditionsbewussten Soldaten, der auf Friedensdemonstrationen und in Festsälen die Zuhörerinnen begeistert, indem er ihre Vorurteile bestätigt, wenn er gegen Israel und die USA spricht. Unterdessen möchte Rose ein Vorbild für “Kameraden” sein, denen er “Rat und Hilfe” anbietet. Zumindest die Verantwortlichen vom “Oldenburger Friedensforum” kannten die Positionen des Soldaten vorab bekannt sein. Sie luden Rose, der verschwörungsideologischen YouTube-Stars, deutschen Liedermachern und rechten Kleinparteien als profunder Stichwortgeber dient, aufgrund seiner Positionen zum Friedensmarsch.

Dieser Ostermarsch war keine Anklage deutscher Kriegspolitik, zu der das falsche Appeasement gehört. Er richtete sich vor allem gegen die Vereinigten Staaten und gegen Israel. Die hiesige Linke, vom DGB bis zur DKP, unterstützten die aktuelle Auflage auch in diesem Jahr. Ablehnung kam erstmals vom AStA der hiesigen Universität, der als einzige Institution auf wichtige Mindeststandards hinwies. “DKP-Kader, Gewerkschaften, bibeltreue Christen, Linksparteijugend und Yogafreunde – sie alle engagieren sich für ein Ziel”, heißt es im “Neuen Deutschland”, das die ritualisierten Auswüchse zum Osterfest verteidigte. Jürgen Rose dürfte auch im nächsten Jahr ein Publikum finden, das den Soldaten der Querfront bejubelt.

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